Metal Heroes

And the Fate of Rock

Metal Heroes – and the Fate of Rock ist das neueste Spielbuch vom Autoren und Illustratorduo des preisgekrönten Spielbuchs „Reiter der Schwarzen Sonne“. Da ich bereist vor längerer Zeit die Gelegenheit hatte ein Interview mit dem Autor Swen Harder zum Buch zu führen und vom „Reiter“ mehr als angetan war, hatte ich bereits große Erwartungen an das Projekt.
Obwohl ich nicht einmal Metal Fan bin, haben Swen und Fufu meine Erwartungen noch einmal um Längen übertroffen. Metal Heroes ist – in einem Wort – die neue Referenz für Spielbücher. Das Buch hat es geschafft, mich wie noch kein anderes Spielbuch zu fesseln!

Das ich gleich mit einem solchen Lob einsteige hat gleich drei gute Gründe:

Zuerst wäre da das Thema. Die überzeichnete Rockwelt von Metal-Heroes passt wie die Faust aufs Auge. Fantastische Elemente fügen sich optimal in das suburbane Rebellenfeeling ein und schaffen eine unglaublich stimmige Spielwelt. Das Los Angeles der Gegenwart, gepaart mit zahlreichen 80er und 90er Einflüssen macht einen wunderbaren Rollenspielhintergrund aus. Obwohl mir der derbe Stil nicht immer zusagt, merkt man dem Buch auf jeder Seite die liebevolle und schriftstellerisch gelungene Umsetzung an. Das gilt insbesondere für die Entscheidung einer ganzen Band zu folgen, was die Identifikation mit den Charakteren paradoxer Weise gegenüber der reinen Ich-Perspektive der meisten Spielbücher erhöht. Dazu aber später mehr.

Dann wäre da zweitens die liebevolle Gestaltung der Aufmachung. Hier übertrumpfen sich Swen und insbesondere Fufu noch einmal selber. Man merkt, dass Fufu mit dem Comicstil ganz in seinem Metier angekommen ist. Die Illustrationen sind schlicht und ergreifend hervorragend. Der pointierte Einsatz von kurzen Comicausschnitten, die Charakterzeichnungen und der liebevolle, leicht augenzwinkernde Ton der Illustrationen führt zu einem hohen Level an Immersion und ist bis in das letzte Icon hinein unglaublich stimmig.

Zuletzt kommen die Regelmechanismen hinzu. Das Buch nutzt eine ganze Reihe an verschiedenen Mechaniken, die nicht nur je nach Anspruch skaliert werden können, sondern sich durch die grafische Aufbereitung einfach gut anfühlen. Statt Schaden zu nehmen, streichen wir Sicherungen ab, Geld wird durch Kreditkartensymbole dargestellt und Skills in Metalsymbolik dargestellt. Auf den ersten Blick mögen die zahlreichen unterschiedlichen Ressourcen überfrachtet wirken, noch nie zuvor hat es mir jedoch so viel Spaß gemacht Kästchen abzustreichen.
Neben dem vergleichsweise simplen Würfelmechanismus und Schicksalskarten sind regeltechnisch insbesondere die Gigs zu nennen. Die sind durch eigene Minispiele umgesetzt und übernehmen ein bisschen die Rolle der klassischen Kämpfe von Spielbüchern. Statt wie in der klassischen Fantasy bei misslungenen Proben oder Kämpfen in tote Enden zu geraten, ist Metal Heroes damit befasst unser Erlebnis zu individualisieren. Mittels der Regeln gestalten wir die Band nach unserem Geschmack und erleben Konsequenzen aus bestimmten Entscheidungen oder Ereignissen anstatt vor verschlossenen Türen zu enden. Genau so muss das sein!

Auch auf die Gefahr mich zu wiederholen: Das Buch stellt ein rundes, liebevolles und absolut hochwertiges Produkt dar, das nicht nur Metalfans in seinen Bann ziehen dürfte, sondern wirklich jeden der oder die sich für Spielbücher begeistern kann, aber nochmal der Reihe nach…

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[V.l.n.r.: Brian (guitar), Gregori (drums), Joey (vocals, guitar), Leo (bass). Illustration: Fufu Frauenwahl]

Story

Solche Comicseiten setzen immer wieder zentrale Ereignisse des buches in Szene. [illustration: Fufu Frauenwahl]

Solche Comicseiten setzen immer wieder zentrale Ereignisse des Buches stimmungsvoll in Szene.
[Illustration: Fufu Frauenwahl]

Wie schon gesagt spielt Metal Heroes in der Metalszene des LA der Gegenwart, das jedoch um viele liebevolle Details aus der Geburts- und Hochzeit des Metals angereichert wurde. Wir spielen den retroaffinen Metalfan Taylor der – ohne großen Spoiler – ziemlich schnell das zeitliche segnet. Doch mit unserem Tod fängt das eigentliche Spiel erst an. Wir werden nach wenigen Seiten vom Metalgott persönlich gebeten einen Auftrag für ihn zu übernehmen und zwar eine unbekannte Garagenband zur Metalsensation zu führen. Das wir einen Geist spielen, merkt man jedoch kaum, da sich diese Entscheidung vielmehr als genialer narrativer Schachzug entpuppt. Unser Charakter hat ein paar Items, Leben und Einfluss – das wars. Der Fokus liegt Stattdessen eindeutig bei der Band „Metal Heroes“ und ihrem Umfeld. Wir nehmen schlichtweg eine Außenperspektive auf die Band ein, aus der wir über etwas Einfluss Entscheidungen fällen dürfen und die Band so nach unserem Geschmack mitgestalten. Das führte zumindest bei mir dazu, dass ich mich deutlich mehr mit den Charakteren identifizieren konnte als bei der spielbuchtypischen Ich-Perspektive eines charakterlosen Helden. Alle auftretenden Charaktere haben ihre Eigenheiten, führen kleinere Streits und sind schlicht und ergreifend sympathisch. Wir können Sie von außen „skillen“, proben auf ihre Werte und können Schicksalsentscheidungen fällen. In Kombination mit dem bereits erwähnten liebevollen Icons und wundervollen Illustrationen macht das spielen dieser Charaktere und damit verbundene Wertemanagement außerordentlich viel Spaß.

Der Kern des ganzen Unternehmens liegt natürlich in der Entwicklung der Band. Die Band wird sich von Gig zu Gig hocharbeiten (jeweils etwa ein Gig pro Kapitel, natürlich mit tollem Seitenregister und Rücksetzungspunkten) und wird dadurch immer populärer. Nicht nur führen wir Buch über Fanbase und Bandchemie, sondern wir können sogar ein umfangreiches Repertoire entwickeln. Die Band kann in ihrer Geschichte nämlich ganze 40 Tracks aus 6 Metalgenres erlernen, wobei jeder Song mit eigenen Stats aufwartet. Statt also Langschwerter und Zaubersprüche zu sammeln, lernen wir Songs und Genres und gestalten eine Band ganz nach unserem Geschmack… Einen Einblick in den Umfang und die Gestaltung kann man sich übrigens schon mal im Metal-Logbuch verschaffen.

Regeln

Metal Heroes nimmt den Anspruch ernst ein Spielbuch zu sein. Das heißt, dass es eine ganze Reihe an (sinnvollen) Regeln gibt, die das Spielerlebnis bereichern. Da das Regelwerk durchaus etwas anspruchsvoller sein kann, geht das Buch didaktisch geschickt vor. Zuerst dürfen wir uns entscheiden ob wir als Regel-Freak, -Rocker oder -Pussy (hab ich schon gesagt, dass die Terminologie das einzige ist das mich nicht immer begeistert?) spielen wollen. Dementsprechend kommen wir mit einer handvoll Würfel durch, oder kriegen die volle Bandbreite eines Spielbuches geliefert. Daneben leiten uns der Rockgott und ein paar Fußnoten komfortabel durch das Spielbuch. Jede neue Regel wird kurz im Haupttext eingeführt und auf den passenden Regelabschnitt im hinteren Buchteil verwiesen. Das gelingt noch besser als beim Reiter und führt dazu, dass wir wirklich nur kurz aus dem Spielfluss herausgenommen werden.

Der Rock-Gott höchstpersönlich steht uns bei Regelfragen mit Rat und Tat zur Seite. [Illustration: Fufu Frauenwahl]

Die einfachsten Regeln sind Proben (W6 gegen einen Fertigkeitswert, je nach Regelgrad mit einem Egowürfel der in die Quere kommen kann) und das Ziehen einer Pokerkarte um Schicksalsszenen umzusetzen. Für beides liegen der Deluxeversion ein verdammt cooles Kartenspiel und zwei Würfel bei, sonst kann man aber auch einfach Blättern und findet so ein zufälliges Würfelergebnis und eine Zufallskarte.
Aber halten wir uns nicht bei den simplen Regeln auf, sondern kommen direkt zu den Gigs. Die sind nämlich die Schlüsselevents des Buches und haben es in sich. Man muss sich die Gigs etwas wie Bosskämpfe vorstellen. Wir wollen das Publikum begeistern oder treten gegen andere Bands an, wobei wir eine bestimme Performancequalität vorlegen sollten. Anstatt bei einer Niederlage zu sterben, kriegen wir jedoch einfach eine etwas schlechtere Belohnung oder kleine Bestrafung. Der Gig selber ist eine Art Minispiel. Es gibt eine Gig-Muster, dass eine Auswahl von zwei bis zu einem guten Dutzend Songs enthält (Download hier, aber nicht erschrecken, das sieht wilder aus als es ist). Wir entscheiden uns dann, welche Songs unseres Repertoires wir spielen werden und füllen die Liste dementsprechend mit den Song Nummern aus. Neben den einfachen Songs kommen im weiteren Verlauf noch Specials wie eine 1. und 2. Zugabe hinzu, außerdem sind bei den meisten Gigs die Positionen in der Setlist wichtig. So sind die Listen etwas verwinkelt und eine Schicksalskarte entscheidet, welche Songreihen wirklich gewertet werden. Wir wählen also besonders tolle Songs für Überschneidungen aus und legen unsere schlechteren auf unwahrscheinliche Slots. Dann geht es an das Würfeln. Für jeden relevanten Song wird eine bestimmte Probe des jeweils maßgeblichen Bandmitglieds absolviert. Erfolge werden notiert und es gibt Boni je nach Schwierigkeit (Bonus/Malus). Jeder Fame eines Songs gibt sogar Punkte unabhängig vom Erfolg (natürlich steigerbar im Verlauf des Spiels) und zuletzt können noch einige Sondereffekte hinzukommen. Wurde unser Equipment im vorhinein gestohlen? Hat einer unserer Songs einen tollen Regeleffekt? Dürfen wir einen bestimmten Song rerollen? Negiert unsere Zugabe einen Misserfolg?

Kurzum: Wir haben eine ganze Reihe an Werten und Effekten die jedes Konzert einzigartig machen und dabei ein innovatives System nutzen, dass sich angenehm vom üblichen Kampfgewürfel unterscheidet. Statt also auf Schatzjagd zu gehen, lernen wir Songs die wir leveln können und mit unseren Charakterwerten harmonieren und dabei können wir sogar noch ernsthaft taktische Erwägungen einfließen lassen – Wow, besser hätte man es kaum treffen können!

Umfang

Mit 800 Seiten und etwa 1.300 Abschnitten macht Metal Heroes keine halben Sachen. Der gigantische Umfang ist komfortabel sortiert und um Extrainfos erweitert. So gibt es gleich noch eine Kurzübersicht über die spiel relevanten Metalgenres und Charakterbeschreibungen dazu. Zudem haben sich die Mantikore nicht lumpen lassen und eine 12-Track-CD beigelegt. Leider wurden es aus Gemagründen keine Nachwuchsbands, aber mit Napalm Records haben sie ein Label gefunden, dass sich allemal sehen lassen kann. Die Songs sind dabei nicht nur Backgroundmusik, sondern sogar in das Spiel integriert. So ‚batteln‘ wir die aufgeführten Bands auch im Spiel und es werden uns ab und an kleinere Fragen zu den Songs gestellt. Coole Idee!
Wer das Glück hat noch an eine Special Edition zu kommen kriegt außerdem das großartig illustriertes Pokerset, individuelle Würfel und ein Eintrittskartenlesezeichen dazu. Zumindest die Pokerkarten kann man noch einzeln erwerben, für den Rest ist hingegen Beeilung angesagt. Die knapp 20€ für das einfache Buch sind mehr als fair (für Spielbücher ohne CD und mit nicht mal dem halben Umfang zahlt man kaum weniger) und für gerade einmal 5€ mehr gibt es die großartige limitierte Special Edition, exklusiv im Manti-Shop. Zugreifen!

Fazit

Eigentlich steht mein Fazit diesmal schon in der Einleitung. Mehr als zu wiederholen, dass es sich um einen Pflichtkauf für jeden Spielbuchfan oder Rollenspielaffinen Metaller handelt, kann ich an dieser Stelle nicht tun. Das Teil toppt wirklich alles was ich an Spielbüchern kenne. Wirklich.

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