Reiter der schwarzen Sonne – Special Edition

Eine Spielbuchrezension von Infernal Teddy

Reiter der Schwarzen Sonne (2. Auflage)

Ich mag Spielbücher. Ich mag Spielbücher sehr. Ohne Spielbücher – genauer, ohne die Fighting Fantasy-Reihe der Games Workshop-Begründer Steve Jackson und Ian Livingston – würde ich diese Zeilen nicht schreiben, da ich dieses Blog nicht hätte, ich wäre nämlich nie Rollenspieler geworden. Man kann sich also meine Euphorie vorstellen als ich eine Email von Swen Harder bekam, mit der Frage ob ich Lust hätte, sein Spielbuch mal zu rezensieren, läge gerade in der Special Edition beim Mantikore Verlag vor. Natürlich habe ich zugesagt – und dann promt die ganze Sache vergessen, weil Planung für zwei Hochzeiten innerhalb der Familie, die ich beide besuchen muss, und da muss man ja Urlaub nehmen, und… Jedenfalls, aus den Augen verloren, bis auf ein vages „Wird halt ein Spielbuch sein, vielleicht in etwa wie die Einsamer Wolf-Bücher, sind ja vom selben Verlag.“ Und dann traf es ein, kurz vor dem Urlaub, und ich wurde erschlagen. Taugt es was? Na, da müsst ihr schon den Rest der Rezension lesen damit ich euch das beantworte…

Eines muss man dem Mantikore Verlag zugute halten, er hat sich diese Special Edition was kosten lassen. Das Buch (zu dem wir gleich nochmal im einzelnen kommen werden) ist ja für sich schon ein Brocken, aber das steckt ja nicht alleine in diesem schmucken Pappschuber. Ebenfalls enthalten sind in dieser Hülle einige Flyer für andere Mantikore-Produkte; ein Lied von Eis und Feuer-Lesezeichen passend zum Rollenspiel; zwei Reiter der Schwarzen Sonne-Lesezeichen; zwei Postkarten mit dem Coverbild; eine kleine, vollfarbige Posterkarte der Welt in der dieses Spielbuch angesiedelt ist; ein kleines Heft mit dem Titel Die Geheinisse von Reiter der schwarzen Sonne – hier gibt es etwas mehr Hintergrundmaterial, es wird was zum Entstehen des Artworks erzählt, und für einige Rätsel sind hier auch Lösungshilfen enthalten; und als letztes eine schmale DVD-Hülle mit dem Soundtrack zu Spielbuch, welcher sogar unter einer Creative Commons-Lizenz veröffentlicht wird, und auf der sich außerdem noch alle Spieldokumente befinden. Und dann ist da noch das Buch selbst. Reiter der schwarzen Sonne ist ein schicker Softcover mit 753 Seiten und – nach eigener Aussage mehr als 1350 Abschnitten. Die Bindung ist stabil, das Layout angenehm zu lesen, und auf den meisten Seiten gibt es im Fußbereich hilfreiche Symbole wie Würfel oder Monde, zu denen wir aber auch nochmal kommen werden. Illustriert wurde das Buch durchgängig von Fufu Frauenwahl. Dieser war mir vorher kein Begriff, aber ich mag seinen kontraststarken Schwarz/Weiß-Stil sehr, welcher mich an die Arbeiten von Björn Lensing für Malmsturm. Einzig das Cover will mir nicht gefallen.

Natürlich wäre ein Spielbuch mit tatsächlich durchgängig gezählten 1350 Abschnitten sehr unhandlich und nicht sehr Spielerfreundlich. Deswegen unterteilt sich das eigentliche Spielbuch in einem spielbaren Prolog, sieben Hauptkapitel, einem Zusatzkapitel (Ich vermute, dieser kam mit dieser Special Edition hinzu), dem Finalkapitel, dem Kampfkapitel in dem sich die „Endbossfights“ der einzelnen Kapitel verstecken, ein Kapitel mit Bonussektionen (Auch wahrscheinlich neu mit dieser Ausgabe des Buches), dem Epilog und sogar einem Glossar – jede Menge Stoff für den geneigten Spielbuchfan also. Die einzelnen Kapitel sind übrigens leicht an der Markierung am Seitenrand zu erkennen, und können so auch als „Speicherpunkte“ benutzt werden – was auch vom Autor empfohlen wird. Man muss also nicht nach einem Charaktertot das ganze Buch wieder von vorne beginnen, sondern kann bequem wieder am Kapitelanfang ins „Spiel“ einsteigen. Ebenfalls sehr geschickt ist die Verteilung des Regelwerkes. Wenn bei Reiter wie bei den meisten anderen Spielbüchern einfach alle Regeln direkt am Anfang erklärt würden hätte das meiner Meinung nach zwei Effekte: zum einen würde man Teile davon – es ist nun mal etwas komplizierter als bei Fighting Fantasy oder Einsamer Wolf – immer wieder vergessen oder nicht beachten, zum anderen würde man bei manchen Sachen den Überraschungen der späteren Handlung vorgreifen. Statt dessen hat der Autor klugerweise das Regelwerk in fünf Teile geteilt, welche er vor dem Prolog bzw. den folgenden Kapiteln einstreut. So kann er dem Spieler direkt zu Beginn das wichtigste Werkzeug an die Hand geben, braucht aber spätere Elemente (Wie die Kampfregeln) erst dann zu erklären wenn sie tatsächlich unmittelbar zum Einsatz kommen sollen. Das Probensystem ist recht einfach, man würfelt (oder blättert, dazu sind nämlich die Würfelsymbole im Buch eingestreut) 2w6, addiert sie zu dem geforderten Attribut, und vergleicht das Ergebnis mit einem Zielwert. Eigentlich ganz einfach.
Eigentlich sollte ich an dieser Stelle auch noch etwas zur Handlung sagen, aber… zum einen bin ich selbst wie ich zugeben muss noch nicht so weit im Buch vorangekommen (Ich finde, glaube ich, wirklich jede Möglichkeit zum Sterben), zum anderen würde das ein wenig die anfängliche Prämisse zunichte machen, denn der Spieler bzw. der Protagonist kommt nach einem offensichtlich erfolgreichen Attentat zu sich, und kann sich zunächst an nichts erinnern. Das ändert sich nach und nach beim fortschreiten der Geschichte, so das man sowohl als Charakter als auch als Leser die Handlung erfährt und die Welt erkundigt. Solche Amnesien sind ein gerne gewähltes Klischee, auch in Spielbüchern – mir fallen alleine in der Fighting Fantasy-Reihe zwei oder drei Bücher ein die sich dieser Idee bedienen – aber hier… nein, frisch wirkt es hier auch nicht, aber der Autor nutzt die Idee gekonnt, und setzt sie gekonnt um.

Fazit:
Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht das ich diesem Buch wirklich gerecht werde. Dafür habe ich einfach noch nicht genug gespielt – ich hänge im dritten Kapitel fest und komme nicht weiter. Aber das ist eigentlich auch schon eine Aussage über die Qualität des Buches, ich spiele seid fast einem Monat an Reiter der schwarzen Sonne, komme nicht voran, und habe dennoch keine Lust das Buch wegzulegen. Swen Harder ist es mit diesem Buch nicht gelungen das Spielbuch neu zu erfinden, aber wer will das schon? Statt dessen hat er diese fast ausgestorbene evolutionäre Seitenlinie des Rollenspiels grunderneuert, modernisiert, und auf das 21. Jahrhundert losgelassen. Das Buch versteht es, den Spieler zu packen, zu fesseln, und nicht mehr loszulassen, was sehr viel mehr ist als ich von so manchem sogenannten „Klassiker“ behaupten kann (Ist außer mir eigentlich noch jemand nie mit Einsamer Wolf warm geworden?). Ein modernes, atmosphärisches Spielbuch, eine unglaublich geile Special Edition mit einem Berg von Gimmicks, und sogar mit weiteren Spielhilfen und Material auf der Website des Autors – so muss heute ein Spielbuch aussehen, und jeder der sich für dieses totgeglaubte Genre interessiert muss sich Reiter der schwarzen Sonne beschaffen.

(Eine weitere Rezension hat übrigens der Kollege Leronoth HIER verfasst.)

1 Kommentar zu Reiter der schwarzen Sonne – Special Edition

  1. Hi,
    eine ganz kurze Korrektur muss ich doch vornehmen. Die Bonussektionen existieren in allen Auflagen und sind sogar integraler Bestandteil, da man nur hier die Schicksalspunkte bekommt. Überhaupt hat sich vom reinen Inhalt zwischen den Editionen wenig geändert. Die zweite Auflage ist minimal umfangreicher als die Erste, aber sonst bekommt man immer den vollen Umfang und schon in der ersten vermisst man wenig..

    PS. Nein mit dem nicht warmwerden beim Einsamen Wolf bist du nicht alleine. Auch nach 16 Bänden packt es mich nicht so sehr wie der Reiter…

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