Lovecrafter #2

Auf den Spuren des Königs in Gelb

Die zweite Ausgabe des Lovecrafters ist passend für ein kaltes Herbstwochenende in mein Haus geflattert. Da ich das Glück habe den Lovecrafter bereits seit der Nummer 0 besprechen zu können, bin ich bereits ein hohes Niveau gewohnt. Das schicke Cover und erstes Durchblättern der Seiten hat mich wieder einmal positiv überrascht und mich auch dieses Mal direkt in den Bann des Heftes gezogen. Kaum ins Inhaltsverzeichnis geschaut habe ich mich wie im Malmstrudel von Artikel zu Artikel gelesen und mich für ein paar Stunden in die düstere Welt von Lovecraft, Chambers und der sympathischen Szene rund um den leider nicht immer so sympathischen Altmeister ziehen lassen.

Ein Vereinsmagazin?

Das erste was man über den Lovecrafter wissen muss, ist das es sich formal um ein Vereinsmagazin der deutschen Lovecraft Gesellschaft (dLG) handelt. Das Heft erreicht also jedes der etwa 200 Vereinsmitglieder und informiert in Vorwort und Vereinsseite über die Vereinsaktivitäten. Hin und wieder klopft man sich auf die eigene Schulter und macht etwas Eigenwerbung, davon abgesehen merkt man von dem Vereinscharakter des Heftes jedoch wenig. Statt einem kleinen s/w vereinsfaltblatt werden hier im Halbjahrestakt etwa 60-80 Hochglanzseiten auf höchstem Layout- und Druckstandard vorgelegt. Im Zeitschriftenhandel müsste sich der Lovecrafter nicht vor der Konkurrenz verstecken und würde so manches kommerzielle Produkt in den Schatten stellen. Und das gilt natürlich nicht nur optisch…

Nach Vorwort und Vereinsseite geht der Lovecrafter ganz in sein Thema: Alles rund um Lovecraft. Den Einstieg macht dabei ein längeres Interview mit FuFu Frauenwahl und Marc Meiburg. Beide sind Mitverantwortlich für die Comicanthologie Echo des Wahnsinns, die ich bereits an anderer Stelle besprochen habe. Das im Design des Comics gestaltete Interview ist äußerst informativ und beleuchtet unter anderem die Mitarbeit der dLG am Buch. Dabei erfahren wir auch indirekt das Geheimnis, warum der Lovecrafter so ein hohes Layout und Druckniveau hält. Marc ist ebenso professioneller wie begeisterter Drucker und sorgt konsequenterweise für fachkundige Beratung. Davon ab wird recht locker über Aktivitäten der dLG geplauscht und das Echo des Wahnsinns diskutiert.

Auch das abschließende Interview des Heftes geht in eine vergleichbare Richtung. Hier steht (Comic-)künstler Detlev Klewer Rede und Antwort und stellt unter anderem seinen persönlichen Blick auf Lovecraft vor. Natürlich steht dabei sein preisgekrönter Comic Auf den Spuren H.P. Lovecrafts 3 im Mittelpunkt.

Schwerpunkt Chambers

Etwa die Hälfte des Heftumfanges ist dem Schwerpunktthema Robert W. Chambers und seinem König in Gelb gewidmet. Damit führt der Lovecrafter eine Tradition des letzten Heftes fort, in der mit Lord Dunsany ein anderer für Lovecraft wichtige Autor im Mittelpunkt stand. Während ich Dunsany auch nach Lektüre des letzten Heftes noch befremdlich fand, kann der Fokus auf Chambers voll überzeugen. Auch vor dem Hintergrund von True Detective und Anspielungen in diversen Arkham Produkten ist er sicher mehr Lesern ein Begriff als Dunsany.

Mirko Stauch widmet sich einer Biographie des Autors und Künstlers und diskutiert am Rande auch die Verbindung zu Lovecraft. Chambers war nicht nur Autor von Horrorliteratur, sondern primär ein überaus erfolgreicher Populärschriftsteller, der sich zu Lebzeiten ungleich besser als Lovecraft verkaufte. Lovecraft war dementsprechend in seinen früheren Jahren Chambers eher abgeneigt bis er die Geschichten über den berühmten König in Gelb für sich entdeckt hat.

Das etwas vertrackte Verhältnis zwischen Chambers und Lovecraft diskutiert Niels-Gerrit Horz in seinem Artikel, wobei er sich auf zahlreiche Briefe und Statements von Lovecraft beziehen kann. Der wunderbar von Johann Peterka illustrierte Artikel ergänzt die Biographie auch durch Detailanalysen von Chambers Mythoseinfluss und Lovecraftpassagen mit Carcosabezug äußerst gelungen.

Nils Gampert widmet sich schließlich den Spuren von Chambers Werk in der ersten Staffel von True Detective. Der Artikel begnügt sich dabei nicht damit die Andeutungen oder offensichtlichen Erwähnungen des Königs in Gelb aufzulisten, sondern wagt auch einen tieferen Blick in die Stimmung und Motivik von Serie und Erzählung. Dadurch ist der Artikel äußerst ambitioniert und gewinnbringend. Er ist philosophisch und kulturgeschichtlich der anspruchsvollste und aufschlussreichste Artikel des Schwerpunktes, macht es den Lesern jedoch durch ein wahres Feuerwerk an Namen und Strömungen nicht immer ganz leicht. Wer sich nicht mit dem Thema Dekadenz, dem Existentialismus oder der Kulturszene von Paris auskennt, kann schon einmal ins straucheln kommen – zumal das ein oder anderen Pauschalurteil fällt. Obwohl ich nicht jede Einordnung teile ist der Autor gut mit seiner Materie vertraut, hätte uns Leser aber durchaus etwas lockerer an die Hand nehmen können.

Vielleicht liegt das aber auch an dem Thema Chambers selbst. Dessen King in Yellow zeichnet sich eben durch Andeutung und Stimmung aus und ist nicht leicht zu fassen, weswegen sich auch Steffen Waschul in seiner Besprechung einer neuen Adaption des Themas der Besprechung der Grundmotive widmet. Daniel Schenkels Der gelbe Traum arbeitet, ebenso wie Chambers großes Buch, mit bewusster Inkonsistenz und unzuverlässigem Erzähler.

Am Spieltisch

Zwanglos wird das Thema Chambers auch in den „Cthulhu Play“ Teil des Heftes getragen. Hier liefert uns Marc Thorbrügge eine umfangreiche Szenarioskizze in der wir dem Mythos um Carcosa ganz vor dem Hintergrund von True Detective im Louisiana der 1990er Jahre begegnen. Gelungen werden Kernszenen der Serie identifiziert und rollenspieltauglich in ein recht offenes Szenario adaptiert. Wieder einmal können die Bebilderung und ein klar strukturierter Aufbau überzeugen.

Nach den etwa 10 Seiten zum Rollenspiel in Louisiana greift der Lovecrafter eine alte Tradition unter Cthulhu Rollenspielern auf: Die Regionalia. Ingmar Vogelsang präsentiert uns das Hannover von Fritz Haarman und stellt uns die cthuloide Geheimgeschichte der ruhigen Stadt vor. Viele kleine Ansatzpunkte machen es leicht ein eigenes Szenario in der Stadt anzusiedeln. Abschließend wird auf einer Doppelseite zusätzlich ein etwas näher ausgeführtes Kurzszenario vorgeschlagen, das zusammen mit den Regionalia einen gelungene Spieleabend und vielleicht gar Kampagnenbeginn verspricht.

Nach den jeweils für Call of Cthulhu entworfenen Materialien wird der Blick auch über den Tellerrand des Chaosium Spiels geworfen. Andre Frenzer bespricht die Rollenspielreihe The End of the World und dabei insbesondere den Teilband Wrath of the Gods der eine etwas plumpe Lovecraftadaption enthält. Die Besprechung ist für den kurzen umfang informativ und macht auf ein etwas unbekannteres System aufmerksam.

Isabel und Ulrich Thomas schauen sich schließlich cthuloide Brettspiele an, wobei ihr Artikel zum „Großen Erbe des Mythos“ den Einstieg in eine Reihe über cthulhuorientierte Brettspiele darstellet. Sie stellen alle gängigen (und ein paar unbekanntere) Brett- und Kartenspiele vor, wobei sich der Artikel leider etwas enzyklopädisch liest. Auch der Einstieg irritiert etwas, da sich etwas unvermittelt der Lizenzlage gewidmet wird. Die ist zwar wichtig und informativ, hätte für mich aber gut ans Ende oder in eine Infobox gepasst. Der Folgeartikel wirkt jedenfalls vielversprechend und dürfte ein paar detailliertere Schlaglichter auf die Adaption des Mythos werfen…

Fazit

Ich bin auch von der zweiten – bzw. dritten – Ausgabe äußerst angetan. Es gibt kaum einen Artikel der mich nicht anspricht und ich ertappe mich jede Ausgabe dabei, wie ich Artikel für Artikel verschlinge. Die Themenauswahl ist höchst gelungen und gibt einen tollen Überblick über die deutschsprachige cthuloide Szene der Gegenwart. Manch ein Artikel könnte etwas mehr aus dem Material machen, aber das geht eben jedem Zeitschriftenprojekt so. Bedenkt man dann noch, dass hier Amateure am Werk sind – also, soweit ich weiß kein Honorar fließt – ist das umso beeindruckender. Stattdessen geht der faire Preis direkt in die tollen Projekte der dLG und einen hochwertigen Druck bei dem an nichts gespart wird. Selbst wenn man kein eingefleischter Lovecrafter ist, beeindruckt die Lovecraftszene mit einem äußerst aktiven Vereinsleben und hochqualitativem Vereinsmagazin das von Ausgabe zu Ausgabe (noch) besser wird.

Alle bisher erschienenen Ausgaben des Lovecrafters können exklusiv über den Cthulhu-Webshop bezogen werden.

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