Lovecrafter #1

Eine überzeugende offizielle Erstausgabe

Ende letzten Jahres hat die Deutsche Lovecraft Gesellschaft mit der Nummer 0 ihres Lovecrafters das Projekt eines neuen Vereinsmagazins eingeläutet. Ein knappes Quartal später ist nun das Heft mit der Nummer 1 offiziell an den Start gegangen. Das Konzept der Testausgabe hat sich dabei so bewährt, das sich der erste Band konzeptionell kaum vom Vorgänger unterscheidet. Auf 76 Seiten, versammelt der Lovecrafter alles rund um das Thema Lovecraft, von Szeneentwicklungen (inklusive Vereinsleben), über neue cthuloide  Projekte und Rollenspielmaterial bis hin zu Literaturdiskussionen. Das Literarische macht dabei den Schwerpunkt der Erstausgabe aus, wobei mit Lord Dunsany ein mittlerweile eher unbekannter Autor in den Blick genommen wird, der neben Edgar Allen Poe wohl der stärkste Einflussfaktor auf Lovecraft war.

Für Rollenspieler

Das die Deutsche Lovecraftgesellschaft ursprünglich aus Begeisterung am Cthulhu-Rollenspiel begründet wurde, merkt man dem Heft immer noch an. Das Rollenspielerische steht zwar nicht mehr so im Vordergrund, wie beim indirekten Vorgänger Cthulhus Ruf,  dennoch ist für Rollenspieler immer noch einiges dabei. Etwa  25 Seiten – also ein grobes Drittel des Heftes – ist unter die Kategorie „Lovecrafter Play“ gestellt. Die drei Artikel sind dabei – wie der Name verrät –  primär zur Nutzung am Spieltisch gedacht. Im Mittelpunkt steht das 20-Seitige Cthulhu Now Abenteuer Ein paar Tage im Februar. Die Charaktere werden hier mitten in den Ukraine Konflikt versetzt, der jedoch schnell in den Hintergrund gerät, sobald klar wird das zumindest an einem Ort tiefergreifende, cthuloide Interessensgruppen mitmischen. Das Abenteuer lässt sich in laufende Kampagnen einfügen, dürfte aber primär in Oneshots und mit den beigefügten vorgefertigten Charakteren aufblühen. Das Abenteuer ist stimmungsvoll bebildert und ausgezeichnet strukturiert. Insbesondere die Marginalen zur Thematik, allgemeinem Ablauf und der prägenden Stimmung ist äußerst gelungen. Auch das bestimmende und hier nicht gespoilerte Thema ist überzeugend genutzt worden indem der cthuloide Einfluss geschickt in die Stimmung und Thematik eingeflochten wurde. Einzig die Handouts hätten etwas schicker ausfallen können.

Für Rollenspieler ist das Abenteuer fraglos das Highlight des Heftes. Die anderen beiden Artikel sind nicht nur deutlich kürzer, sondern auch nicht für jede Zielgruppe nützlich. So werden uns im Cthulhu „Play“ vier vorgefertigte Charaktere für ein Abenteuer aus dem Grundregelwerk vorgelegt, die zwar sicher die Vorbereitungszeit beschleunigen, aber eben nur nützlich sind, wenn man denn vor hat genau dieses Abenteuer als Einstiegsabenteuer zu spielen.

Spannend ist die leider sehr kurze Besprechung von Achtung!Cthulhu, da damit der bisher selbstverständliche Fokus auf die klassische Call of Cthulhu Reihe aufgebrochen. Leider ist die Besprechung etwas speziell und geht mehr auf die Kritik fragwürdiger Crossoverprodukte ein, als das Setting  nachdrücklich zu fokussieren. Auch, dass es sich „nur“ um ein Setting und kein eigenständiges System handelt, kann dem unaufmerksamen Leser (in dem fall der Autor dieser Zeilen) durchgehen. Auch wenn die anderen beiden Artikel nicht für das Achtung! Setting ausgelegt sind, sondern explizit für die klassische Linie ausgelegt sind, ist es schön, dass auch eine andere Settinglinie zu Wort kommt. Das ebenfalls abgedruckte, kurze cthuloide Rollenspiel-Manifest ist dementsprechend auch bewusst offen formuliert worden, so dass man auch auf den ein oder anderen weiteren Ausflug in die Achtung! Welt oder gar in Richtung anderer Mythosrollenspiele wie beispielsweise Trail of Cthulhu hoffen darf.

Für Lovecraftfans

Wer also einen zweiten Ruf erwartet, wird etwas enttäuscht werden. Für reine Rollenspieler bleibt am Ende ein (sehr gelungenes) Abenteuer und eine Handvoll Beispielcharaktere. Doch zum Glück werden sich die meisten Cthuhu Rollenspieler auch für den eigenartigen Altmeister selber interessieren. Lovecrafts Werk und der literarische Einfluss auf ihn, machen zweifelsohne den Großteil des Heftes aus. Der Einstieg ist ein äußerst sympathisches Interview mit dem Filmemacher Huan Vu, der sich für Die Farbe und bald auch Die Traumlande verantwortlich zeigt. Diskutiert werden neben dem Interesse für Lovecraft auch Produktionsbedingungen und  Finanzierungsmöglichkeiten sowie die Probleme und Möglichkeiten bei der der Umsetzung von Lovecrafts Werken.  Begleitet wird das umfangreiche Interview von passenden Bildern und einer äußerst schicken ganzseitigen Illustration. Auch wird schon einmal das Traumlandethema vorgegriffen das stark durch Lord Dunsany inspiriert wurde.

Lord Dunsany macht den fünf Artikel umfassenden Schwerpunkt des Heftes aus. Eröffnet wird der Schwerpunkt mit einem Reisebericht hinter die Tore Elfenlands auf Dunsanys irisches Domizil. Der Reisebericht eröffnet den Blick auf Dunsany, lässt aber einige Fragen offen und bricht oft da ab wo es wirklich spannend wird. Zum Beispiel wenn es um einen sich androhenden rechtsstreit oder das allseitige künstlerische Interesse des Meisters geht. Dadurch ist der Artikel nicht enorm informativ, bietet aber einen gelungenen und persönlichen Einstieg.

Enorm informativ wird dafür der zugleich umfangreichste Dunsany Artikel: Meister des Kosmischen. Der Artikel behandelt das Leben und Werk des Autoren – natürlich nicht ohne gelegentliche Schlaglichter auf Lovecraft zu werfen. Die Bezüge auf den Altmeister werden schließlich in einem eigenen Artikel (Thank Pegana) hervorgehoben, wobei es zu kleineren Überschneidungen mit dem vorhergehenden Artikel kommt. Insgesamt bietet sich so ein guter Überblick über Dunsany, der aber manche Frage offen lässt, so zum Beispiel zu seiner immer wieder angerissenen politischen Haltung, die zwar weniger „konservativ“ sein soll, als die Lovecrafts, aber immerhin dazu geführt hat, dass der adlige Kronloyalist bereit war mit Waffengewalt an der Niederschlagung des Easter Risings mitzuwirken, wodurch er sogar in die Gefangennahme der IRA geriet.

Abgerundet wird der Schwerpunkt durch eine Bibliographie und eine kurze Doppelrezension zweier Dunsanywerke.  Die Bibliographie stellt die deutschsprachige Literatur von und zu Dunsany zusammen und ist kurz kommentiert. Damit gibt sie einen sehr gelungenen Überblick. Der einzige Wermutstropfen ist das etwas eigenartige Layout. So sind die Kommentare in Fettdruck hervorgehoben worden, wodurch das Augenmerk auf die eingestreuten Kommentare gelegt wird, statt auf die Titel selber. Die Doppelrezension hebt schließlich zwei der deutschsprachigen Kurzgeschichtensammlungen hervor und macht so Lust auf mehr. Schön auch, dass hier zumindest kurz auf problematische politische Implikationen von Dunsanys Texten eingegangen wird.

Alles in allem macht der Schwerpunkt Lust auf Dunsany  und gibt der geneigten Leserin alles an die Hand was zum Einstieg nötig ist. Also genau das, was man sich von so einem Schwerpunkt erhoffen kann.

Für Vereinsmitglieder

Vereinsmitgliedern muss man das vorliegende Heft nicht mehr schmackhaft machen, die bekommen ihren Lovecrafter eh als Teil ihres Mitgliedsbeitrages nach Hause geliefert. Für alle anderen ist es wichtiger, dass der Lovecrafter zwar ein Vereinsmagazin ist, aber eben nicht nur für diese interessant ist. Überhaupt merkt man dem Heft den Vereinscharakter des Heftes nur am Rande an, was es für alle Nicht-Mitglieder interessanter macht. Sicher, in den Interviews wird die Rolle des Vereins betont, es gibt eine Vereinsseite und zwei Artikel befassen sich mit Events die maßgeblich vom Verein oder Vereinsmitgliedern gestaltet wurden, aber die sind auch für „Außenstehende“ interessant und machen im besten Fall Lust auf eine Mitgliedschaft. Den umfangreichsten Teil macht dabei die Beschreibung des LARP-Events Das Flüstern aus den Sphären aus, die sich kurzweilig liest und spätestens im Interview mit den OrganisatorInnen auch für alle anderen LARP-Interessierten und potentielle Organisatoren spannend wird.

Fazit

Auch die erste „echte“ Ausgabe des Lovecrafters weiß zu überzeugen. Nicht nur der Inhalt ist durchgehend informativ, er wird auch stilistisch durchweg gelungen präsentiert. Auch das Niveau von Lektorat, Textsatz, Illustration und Druck ist so hoch, dass man kaum merkt, das der Lovecrafter im Endeffekt ein Fanprojekt ist. Lovecraft Fans die der recht hohe – aber durch qualitativen Farbdruck gerechtfertigte – Preis von 9,50€ nicht abschreckt, kann auch die #1 nur ans Herz gelegt werden. Nur eine reine Rollenspielhilfe darf man nicht erwarten.

Beide bisher erschienenen Ausgaben des Lovecrafters können exklusiv über den Cthulhu-Webshop bezogen werden.

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