Nichts neues unter der Sonne?

Gedanken über neue Spiele von Infernal Teddy

Ich hatte am GRT eine Unterhaltung mit ein paar Leuten über neu erscheinende Rollenspiele, gerade in Anbetracht der Neuerscheinung der deutschen Ausgabe der 2. Edition von 7th Sea. Mir sind dabei drei Dinge aufgefallen: zum einen sind eine Menge Erzählspiele in den letzten Jahren erschienen, zum anderen kommen immer weniger Spiele raus, welche mich interessieren, und zuletzt sind bei den Neuerscheinungen eine geradezu erstaunliche Menge an Neuauflagen von alten Spielen dabei. Neue Editionen von Exalted, 7th Sea, die ganze OSR-Bewegung, die ganzen 20th Anniversary Editions von Onyx Path, immer wieder Fahrten auf der Nostalgiewelle, und das sage ich als jemand der sich auf Wraith 20th Anniversary Edition freut.

Wo bleiben die spannenden neuen Ideen?

Ich habe derzeit das Gefühl, alle Welt arbeitet nur noch an Neuauflagen von alten Spielen. Spiele, welche vor fünfzehn, zwanzig oder noch mehr Jahren schon mal erfolgreich waren. Ich verstehe schon, warum man das macht – diese Spiele waren damals alle unheimlich erfolgreich, so dass eine neue Auflage immer auch automatisch eine entsprechende Fanbase mitbringt, welche nicht nur für Diskussionen und damit Werbung sorgt, sondern (Wenn man die Crowdfunding-Option wählt) auch noch eine stabil zu erwartende finanzielle Basis. Und das ist in Ordnung, schließlich gehöre ich zu den Leuten, welche sich sehr über Mage: the Ascension 20th Anniversary Edition gefreut haben, und welche sich auf Wraith: the Oblivion 20th Anniversary Edition freuen. Aber im Moment fühlt es sich für mich an, als würden wir nur noch Neuauflagen vorgelegt bekommen, und das ist meiner unbescheidenen Meinung nach irgendwo zwischen enttäuschend und deprimierend.

Warum sehen wir nichts neues?

Man könnte jetzt natürlich einwerfen das es jede Menge neue Spiele gibt, man muss ja nur den Blick auf Kickstarter und die anderen Crowdfunding-Plattformen werfen. Für mich ist das ein Teil des Problems. Ich beteilige mich nicht an Crowdfundings, und ich bin vermutlich nicht der Einzige. Damit gehen die allermeisten dieser Projekte völlig an mir vorbei, wenn sie nicht in einem der Foren besprochen werden, in denen ich unterwegs bin, und selbst da gehen sie oft im signal-to-noise-ratio unter. Damit gehen all diese Spiele an mir vorbei. Schaut man sich allerdings um sind viele dieser Projekte wieder Neuauflagen, OSR-Projekte, oder andere „Wiederauflagen“. Wenn es nicht gerade auf der Frontpage von DrivethruRPG auftaucht hat es wenig Chancen Folgepublikum zu ziehen. Addiert man dazu den von mir bereits festgestellten Mangel an neuen deutschen Spielen, und es sieht in meinen Augen wieder düsterer aus. Also ja, es gibt neue Spiele, aber wen erreicht man damit? Doch nur diejenigen von uns, welche netz-affin sind, bzw. Teylens Crowdfunding-Übersichten lesen. Ich bezeichne mich jetzt nicht als „Otto Normalrollenspieler“, aber wenn ich schon nicht mehr alles mitbekomme, welche Chancen hat der Rollenspieler, der seine Sachen im örtlichen Laden oder bei Amazon bekommt?

Mir fehlt es an Neues, und mir fehlt es vor allem an Neuem aus Deutschland. Erst recht an Neuem, dass ich in meinem örtlichen Rollenspielladen kaufen kann. Splittermond war schon mal ein guter Schritt, aber wir brauchen mehr. Ich freue mich schon auf Starslayers. Aber wir brauchen mehr. Denn seien wir mal ehrlich – wir brauchen keine Übersetzungen englischsprachiger Spiele. Die durchschnittlichen Englischkenntnisse in Deutschland sind deutlich besser als sie es noch vor zwanzig oder dreißig Jahren waren (ich glaube, ich kann das beurteilen). Es ist bequemer, die Bücher auf Deutsch zu haben, ich gestehe euch das gerne zu, aber ihr seid besser als ihr es manchmal glaubt. Ihr braucht diese Übersetzungen nicht so sehr, wie ihr manchmal glaubt. Aber was wir brauchen sind neue Ideen, wir brauchen sie von deutschen Verlagen und von deutschen Fans, und wir brauchen sie bald.

4 Kommentare zu Nichts neues unter der Sonne?

  1. Zu deinen drei einleitenden Punkten:

    1. Was sind „Erzählspiele“?
    2. Woran liegt es, dass dich immer weniger Neuerscheinungen interessieren? Eigentlich ist die Bandbreite an verfügbaren Rollenspielen ja deutlich größer geworden, d.h. selbst für Spezialinteressen sollte wenigstens in der Tendenz mehr dabei sein als früher.
    3. Dass die anhaltende Retrowelle jetzt auch die 90er erfasst, stimmt auf jeden Fall. Das neue Delta Green zeigt allerdings zum Beispiel, dass hier durchaus Potential für Innovation und gute Rollenspiele da ist. Grundsätzlich müssen sich diese Neufassungen ja ohnehin am Status Quo messen lassen.

    Ein anderes Beispiel für eine zeitgemäß designte Neuauflage ist auch das schwedische Mutant: Year Zero, das wiederum mit Coriolis und Tales from the Loop komplett neue Ableger erzeugt hat. Ganz zu schweigen von der OSR. Ich würde also der Retrowelle die Innovationskraft nicht grundsätzlich absprechen. Natürlich sind da auch Nieten dabei, keine Frage.

    Was die Reichweite neuer Spiele angeht, gibt es zwei Aspekte, die berücksichtigt werden wollen:

    Einmal ist die Szene mittlerweile (zum Glück, möchte man sagen) so vielfältig, dass man von neuen Projekten natürlich vor allem dann erfährt, wenn man sich auch in den zugehörigen Kreisen bewegt – online und offline. Insofern erreichen diese Neuheiten zunächst mal die Richtigen, nämlich die, die ohnehin interessiert sind und sie auch spielen. Gerade über die erwähnten Übersichten, die RPGGeek-Suche oder Foren ist es im Vergleich zu früher sehr einfach, neue Rollenspiele zu finden. Wer also nichts Neues sieht, schaut vermutlich nicht richtig hin.

    Rollenspielerinnen und Rollenspieler aus dem Mainstream haben es – da hast du Recht – natürlich schwerer und bekommen von den Neuheiten nicht unbedingt was mit. Ist ja auch die Frage, ob sie das überhaupt wollen oder schlicht zufrieden sind. Das ist in anderen Szenen nicht anders, siehe bspw. Musik.

    Zweitens meine ich, dass Übersetzungen gerade für die Verbreitung absolut wichtig sind. Und zwar nicht, weil die Leute nicht auch die englische Version lesen und spielen könnten, sondern weil sie oft erst durch die deutsche Übersetzung bei einem deutschen Verlag, der die deutsche Szene bedient, von der Existenz des Spiels erfahren oder wenigstens motiviert werden, es mal testzuspielen. System Matters ist da zur Zeit das Paradebeispiel dafür. Insofern sind Übersetzungen guter und innovativer Rollenspiele immer positiv. Ob sie dann dauerhaft gespielt werden und sich halten, ist eine andere Frage. 13th Age und Der Eine Ring – beides hervorragende Spiele – sind bei Uhrwerk letztlich untergegangen.

    Auch wenn es sich bei dem von dir genannten Splittermond sicher eher um einen land grab bei DSA handelt, kann man dem Spiel nicht absprechen, dass es Dinge neu und anders macht. Und es demonstriert, dass Neues auf einer breiten Basis an Vorhandenem und entsprechenden Netzwerken entsteht. Wenn Übersetzungen diese Basis und die jeweiligen Netzwerke ausweiten, dann ist das positiv.

    Momentan tut sich jedenfalls einiges. Mosaic hat das Potential zu einem innovativen und erfolgreichen PbtA-Hack aus Deutschland. Für die OSR wird Beyond the Wall originär deutsches Material kriegen. New Hong Kong Story ist eine extrem aufwendige deutsche Eigenentwicklung. Neomancer ein recht erfolgreicher deutscher Indie-Kickstarter. Im Bereich Lovecraftian Horror arbeite ich an einem Projekt der Deutschen Lovecraft-Gesellschaft mit, dass für frischen Wind sorgen will. Die Situation ist heute besser denn je.

  2. der Leser aus dem Off // April 20, 2017 um 15:25 // Antworten

    Dann schau mal bei Judith und Christian Vogt nach „Scherbenland“ (auf FATE-Basis) und von Ulisses wird (über Crowdfunding angestoßen) „Hexxen 1733“ kommen. Beide deutsch, aus deutschen Landen und auch mal andere Ideen zum Setting – Dein Ruf wurde quasi schon erhört! 😉

  3. Zumindest hier in Köln führt der Rollenspielladen durchaus auch Sachen aus Kickstarter Kampagnen. Sprich: Er backt vielversprechende Sachen und legt sie ins Regal.

    Neue Rollenspieler über Rollenspielläden zu bekommen ist aber nicht realistisch. Im Endeffekt gehen in den Angler- und Jägertreff auch nur wenige „neue“ Leute, sondern eben vor allem Angler und Jäger. Genauso für andere Hobbygeschäfte wie auch Rollenspielläden. Man gewinnt immer da wo es Überschneidungen gibt. GRT, normaler Spieleladen gemischte Messen wie die RPC ect.

  4. Mein Eindruck ist, ein wenig, das die Leute jenseits des Crowdfunding vor der Herausforderung stehen ihre Werke bekannt zu machen. Das heißt sowohl übersetzte Bücher die da kommen, als auch originär deutschsprachige Büche.

    Das heißt es gibt auf der RPC, hinsichtlich der deutschsprachigen Bücher, unter anderen NoReturn, Idee! 42, Nova und Ulitma Ratio. Neben anderen wie Seelenfänger, Private Eye und vermutlich noch einen Sack voll den ich vergessen habe. Allerdings, wenn man nicht auf Messen geht oder fortgeschritten Internet-Savy, und da einen wachen Blick hat, entgeht einem sehr viel hiervon. Wo ich auch nicht weiß wie sehr „im FLGS liegen“ tatsächlich hilft.

    Hinsichtlich englischsprachiger Produkte.
    Ich denke schon das viele die lesen könnten, wenn man sie zwingen würde. Allerdings werden sie kaum ein Spiel wie Rollenspiel entdecken wenn sie dafür auf Englische Bücher neugierig werden müssten. Zumal es auch da die Herausforderung gibt die Information erstmal zu finden. Das heißt ich sehe auf (fB) noch Amerikaner die nicht geschnallt haben das die 5te Edition Vampire kommt. Da kann man hier froh sein wenn die Leute irgendwie mitbekamen das es die V20 gibt. Gehen sie auf eine Messe wie die RPC, selbst wenn sie sich interessieren, finden sie mitunter kaum was bis eher nichts.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*