Gamer

Eine Anthologie-Besprechung von Infernal Teddy

Für gewöhnlich werden Romane oder Kurzgeschichten zum Thema Computerspiele zu einem bestimmten Computerspiel geschrieben. Man denke nur an die ganzen Romane zu Doom, World of Warcraft, Guild Wars, und so weiter. Aber die Anthologie, mit der wir uns heute beschäftigen wollen, Gamer aus dem Begedia Verlag, geht etwas andere Wege. Hier haben wir eine Anthologie, welche sich eben nicht mit den Computerspielen als solches beschäftigt, sondern mit den Menschen, die sie spielen – den Gamern halt. Dabei ist die „Spannweite“ der Anthologie recht groß, von Kurzthrillern über Cyberpunk bis hin zu Horrorgeschichten ist hier alles vertreten. Die Prämisse klingt ungewöhnlich und interessant, schauen wir also, was die Autoren, welche hier von den Herausgebern André Skora, Armin Rößler und Frank Hebben versammelt wurden, daraus gemacht haben.

Gamer liegt uns als 300 Seiten starkes Taschenbuch vor, mit angenehmen Papier, und einer angemessenen Schriftgröße. In letzter Zeit fällt mir auf dem deutschen Buchmarkt immer unangenehmer auf, das gerne mit aufgeblähten Schriften und Abständen die Seitenzahlen künstlich aufgeblasen werden – hier ist das angenehmerweise nicht passiert. Wir bekommen auch Kurzbiographien für die enthaltenen Autoren und Künstler. Apropos Künstler: Die einzelnen Geschichten werden – wie wir es von anderen Anthologien aus dem selben Haus her kennen – durch farbige Illustrationen getrennt, welche auch immer einen Bezug zur Geschichte haben. Das Cover lässt jedenfalls eher an eine Horror-Anthologie denken, und auch wenn entsprechende Geschichten ihren Weg in diesen Band gefunden haben finde ich es nicht ganz passend. Aber gut.

Fünfzehn Autoren, fünfzehn Geschichten haben ihren Weg in Gamer gefunden. Ich oute mich an dieser Stelle besser direkt, mit dem deutschen „SF-Untergrund“ kenne ich mich leider nicht sonderlich gut aus, so das mir die allermeisten Namen nichts sagen. Frank Hebben ist in diesem Band auch wieder als Autor vertreten, dessen vom Erzählschema sehr experimentell aufgestellte Geschichte Kaleidoskop mit zu den interessantesten der Anthologie gehört. Meine persönlichen Favoriten aus diesem Band sind allerdings MetaGamer von Thorsten Küper und Cornstalk wird ewig leben von Peter Hohmann. Erstere Geschichte erzählt von einem Mann, welcher alles in seinem Leben verloren hat, weil er zur Spielfigur in einem „Real Life MMO“ geworden ist, von einer Person, die ihn intimst kennt, und keine Spuren hinterlässt – und auch den letzten Rest seine Lebens zerstören will. In der zweiten Geschichte, welche wohl „twenty minutes into the future“ spielt, ist der Protagonist einer der besten Spieler der Welt, und die Liveübertragungen im Bereich E-Sports bringen ihm bzw. seinem maskierten Alias Cornstalk ein Vermögen ein – bis einer seiner ärgsten Konkurrenten versucht, sich nicht nur das Geld sondern auch die Identität zu nehmen. Das sind aber nicht die einzigen guten Geschichten – ich empfehle auch Das Netz der Geächteten von Michael K. Iwoleit (Ein illegales Spielnetz auf Biochipbasis), War Games – Kriegsspiele von Christian Lange (Manche Spiele sind nicht das, was sie zu sein scheinen), eigentlich alles hier.

Fazit:
Falls es nicht klar geworden ist: ich finde diese Anthologie großartig! Zugegeben, ein großer Anteil der Geschichten neigt schon wieder in Richtung Cyberpunk, aber ehrlich gesagt passt das recht gut zum Thema – ein mittlerweile nostalgisches Genre für ein teilweise recht nostalgisches Thema. Ich finde es auch spannend, von wie vielen Blickwinkeln die hier enthaltenen Autoren das Thema „Computerspiele“ beleuchtet haben. Hier ist keine einzige schlechte oder unpassende Geschichte enthalten, und auch das Vorwort von Constantine Gillies ist, wie man im englischen sagt, spot on. Definitiv eine Empfehlung.

1 Kommentar zu Gamer

  1. Ich verlasse mich mal auf die gute Besprechung hier und bin gespannt 🙂

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  1. Menschmaschinen | Neue Abenteuer

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