Fieberglasträume

Cyberpunkanthologie aus deutschen Landen

Ich mag Anthologien. Irgendwer hat mal gesagt die natürliche Form des Science Fiction sei die Kurzgeschichte, und – meiner Liebe zur Dune-Reihe zum Trotz – ich bin geneigt dem zuzustimmen. Außerdem haben Anthologien zwei eindeutige Vorteile: Zum einen hat man die Möglichkeit neue Autoren kennenzulernen über die man sonst vielleicht nie gestolpert wäre (So geht es mir zum Beispiel mit China Miéville), zum anderen ärgert man sich nicht so sehr wenn eine Geschichte doof ist, man kann ja schließlich zur nächsten springen. Vor kurzem wurde mir eine solche Anthologie vom Würfelhelden zugeschoben, welcher sich auch als einer der beiden Herausgeber outete. Thema der Sammlung ist, wie man sich beim Titel Fieberglasträume denken kann, der Cyberpunk.

Fieberglasträume präsentiert sich auf 334 Seiten als schicker Softcover mit guter Verarbeitung. Das Cover ist alleine schon wegen der Farbwahl ansprechend – ob es die Titelillustration ist sollte jeder für sich entscheiden. Zwischen den Geschichten gibt es immer eine doppelseitige Farbtafel, welche als „Cover“ der jeweiligen Geschichten dient. Die Überschriften der Geschichten sind thematisch gestaltet worden, aber auch nichts herausragendes. Das Schriftbild ist eigentlich das Einzige was mich an der Gestaltung stört – der Text wurde nicht riesig gesetzt, wie Heyne das in den letzten Jahren gerne gemacht hat um ein Buch aufzuplustern, aber auch nicht in einer Schriftgröße, die ich beim gewählten Format erwartet hätte. Aber das ist nun etwas das außer mir niemanden auffallen dürfte.

Der Begedia-Verlag (Welcher mir vorher kein Begriff war) hat hier fünfzehn Autoren versammelt, die zum größten Teil dem Publikum unbekannt sein dürften – mir bekannte Namen waren neben Frank Werschke noch André Wiesler und David Grashoff – zusammen mit einem Vorwort von Rob Boyle (Ehemals Shadowrun, jetzt Eclipse Phase) in dem dieser sich über das sich wandelnde Gesicht des Cyberpunk aus lässt, und in wie weit die Gegenwart den Cyberpunk eingeholt hat. Die Auswahl der Geschichten ist interessant, und deckt eine große Bandbreite ab. Von einer Story der man… sagen wir mal sehr stark anmerkt das der Autor ein Shadowrun-Spieler ist bis hin zu zwei zusammengehörende Geschichten über das Zusammenprallen zweier posthumanen… Daseinsformen in einem Europa das man bestenfalls als postapokalyptisch bezeichnen kann und die passend zum Inhalt sehr fremdartig geschrieben sind, aber nicht ohne Schönheit. Die meiner Meinung nach beste Geschichte war auf jeden Fall Demeters Garten von Thorsten Küper, eine sehr zynische Geschichte über ein abgeschottetes Biowaffenlabor das nicht annähernd das ist, was die Bewohner glauben, und mit einem sehr bösen Plottwist auf der letzten Seite endet. Um ehrlich zu sein – die besten Geschichten sind eigentlich die, welche eben NICHT „typisch“ Cyberpunk sind. Abgerundet wird das Buch durch eine Kurzvorstellung aller beteiligter Autoren und Künstler – eine lobenswerte Sache.

Fazit:
Trotz einigen eher schwachen Geschichten haben Frank Hebben und André Skora hier eine gelungene Anthologie zusammengestellt, und selbst die schwächeren Storys sind nicht schlecht, nur sehr… stereotyp. Auch die Illustrationen sind gut gewählt und recht stimmungsvoll – ich glaube, selbst die schlechtesten kann man durchaus als „kompetent“ bezeichnen. Den Preis fände ich mit 15€ eigentlich etwas hoch, bei einem eher unbekannten Verlag aber problemlos verschmerzbar. Wer etwas Cyberpunk aus deutschen Landen lesen mag ist hier sicherlich gut bedient.

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