Die Stadt, das Blut und der Tod – Frankfurt bei Nacht

Eine Besprechung aus der Welt der Dunkelheit, von Infernal Teddy

Wir probieren gerade mal wieder etwas aus: diese Rezension ist das Ergebnis einer Abstimmung in Teylens Facebook-Gruppe zur Welt der Dunkelheit. Wir werden auch in Zukunft immer mal wieder fünf Bücher zur Abstimmung aufstellen, und schauen was euch, unsere Leser, interessiert.

Heute sprechen wir mal über etwas besonderes – den ersten deutschen Beitrag zur Welt der Dunkelheit, Die Stadt, das Blut & der Tod – Frankfurt bei Nacht. In den ersten Jahren von Vampire: the Masquerade gehörten Städtebücher zu den populärsten Veröffentlichungen für die Welt der Dunkelheit, da war es keine Überraschung das es auch ein entsprechendes Buch aus Deutschland kommen würde, vor allem nach dem wirklich, wirklich besch… eidenem Berlin bei Nacht (Die deutsche Verson wurde deutlich entschärft, und war trotzdem eine Katastrophe). Was allerdings eine Überraschung war, war die Wahl der Stadt – hätte man mich damals gefragt, ich hätte mit dem Ruhrpott gerechnet, München oder vielleicht (mal wieder) Hamburg. Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg hätte auch nahe gelegen. Aber Frankfurt am Main? Gut, on second thoughts macht es durchaus Sinn die Bankenhauptstadt der Republik mal zu beleuchten. Schauen wir uns also mal an, wie man sich vor 21 Jahren in der Quadratestadt vorgestellt hat was Vampire in Mainhatten so machen…

Die Stadt, das Blut und der Tod präsentiert sich als stabiler Softcover, mit dicken Seiten und einer stabilen Bindung – aus unserem Exemplar ist selbst nach zwanzig Jahren noch keine einzige Seite entfleucht! Layout und Artwork entsprechen dem der deutschen Zweiten Edition von Vampire, welches mich immer an eine kuriose Mischung aus der englischsprachigen ersten und zweiten Edition erinnerte, mit seinen Rosen als Zierelementen auf den Charakterbögen und seinem schlichten, unaufgeregtem Layout. Schaut man auf das Artwork dürften den Meisten die Bilder von Caryad auffallen, welche zu dieser Zeit primär als „die DSA-Zeichnerin“ bekannt war, aber am besten gefallen mit tatsächlich die Arbeiten von Birgit Daubmann, welche gefühlt den größten Teil der Illustration ausmachen – leider scheint sie in der Versenkung verschwunden zu sein.

Von der Organisation folgt das Buch dem Schema, welches durch die amerikanischen Vorbilder vorgegeben wurde: ein Quellenteil, und ein Abenteuer, welches sich auf das vorher beschriebene Material bezieht und darauf aufbaut. Die Einleitung gibt eine sehr grobe Übersicht über die Stadt, welche zwar der Camarilla angehört, aber als Stadt ohne wirklichen Prinzen mit vielen der Traditionen dieser Gruppe bricht. Es gibt auch die übliche (wenn ach sehr knappe) Medienschau, und die Präsentation von Thema und Stimmung der Stadt, bevor es zum ersten Kapitel geht.

Das erste Kapitel ist, wie üblich, ein geschichtlicher Überblick über die Region, und bevor ich an dieser Stelle weiterschreibe möchte ich eines loswerden: der Autor des Buches, Holger Raab, muss ein Fan davon gewesen sein, alles in ein Buch zu werfen, was gerade für die Welt der Dunkelheit zu haben war. Was ich meine? Nun, ein paar Sachen werden wir weiter Hinten nochmal ansprechen, aber hier mal ein Beispiel: in der Vorgeschichte zu Frankfurt wird ein Nosferatu geschaffen, welcher der fünften Generation angehört, und je nach Leseart entweder ein Kinfolk der Fenrir war, oder selbst ein Werwolf dieses Stammes war… Jedenfalls läuft die vampirische Geschichte Frankfurts darauf hinaus das hier zwei Ventrue um die Macht gerungen haben, der ehemalige Archont Friedrich Barbarossa, und Vinzenz von Stalburg, einem Gefolgsmann von Gustav Breidenstein, dem damaligen Prinzen von Ostberlin. beide waren mal Prinz von Frankfurt, beide haben mächtige Verbündete unter den Ventrue Europas, aber während von Stalburg alles tut um die Stadt weider unter seiner Kontrolle zu bringen hat Barbarossa sich von seinem Titel zurückgezogen, und die Regierung der Stadt dem Rat der Erstgeborenen übertragen, dem er als Erster unter Gleichen beiwohnt. Das ist also die Grundlage aller Konflikte innerhalb der Stadt, wobei das Buch auch die „Verfassung“ der Domäne enthält, die Freien Gesetze, welche Barbarossa erließ bevor er die Macht abgab.

Das zweite Kapitel ist ein kurzer geographischer Abriss über die Stadt Frankfurt selbst, mit Kopien eines Ausschnitts des Stadtplans für die Innenstadt und einer Regionalkarte. Das Kapitel reicht aus, um Spielgruppe, welche sich nicht in Frankfurt auskennen, ein Gefühl für die Stadt zu geben, und es nennt auch die für die Vampire wichtigsten Locations, aber… sagen wir es mal so, meine Spielgruppe hat mir damals einen Reiseführer und einen Stadtplan zu Frankfurt geschenkt, weil wir dieses Kapitel zum Spielen leider unzureichend fanden. Heute hat man es natürlich dank Google Maps und Wikipedia etwas einfacher als es 1996 der Fall war, aber es ist natürlich schade.

Das dritte und längste Kapitel beschreibt dann die verschiedenen Kainskinder, welche Frankfurt bewohnen, und dabei fallen drei Dinge auf: zum Ersten ist es die Anzahl an historischen Personen, welche sich hier als Untote herumtreiben, wir haben hier den Schinderhannes, Meyer Amschel Rothschild, Barbarossa, und wahrscheinlich habe ich ein oder zwei Namen übersehen. Zum Zweiten haben wir auch wieder die weiter Oben erwähnte Vorliebe des Autoren, einfach alles ins Buch zu packen was geht (Habe ich erwähnt das explizit das örtliche Hauptquartier der Technokratie genannt wurde? Oder das die Leopoldsgesellschaft eine Präsenz in dieser Stadt aufrecht erhält?) – wir haben einen Giovanni im Rat, von den dreizehn Clans fehlen gerade mal drei in der Stadt, und natürlich ist einer der Ahnen der Stadt ein Mitglied der Wahren Schwarzen Hand. Und als letztes das erschreckend hohe Machtniveau der Charaktere – wenn ich mich nicht verzählt habe sind 30 Charaktere mit Werten beschreiben, und von denen haben 21 eine Generation von Neun oder niedriger. Schlimmer noch, fast alle Charaktere sehen von den Werten aus, als hätte jemand einem Kind einen schwarzen Stift in die Hand gedrückt, und gesagt es soll nach Bedarf Kringel ausmalen – die Tremere-Regentin hat sogar noch einen eigenen Thaumaturgiepfad (Und auch ansonsten abartige Werte…).

Wer sich jetzt fragt was er denn mit den ganzen Supervampiren anfangen soll, der findet theoretisch im vierten Kapitel (Welches fälschlicherweise im Buch selbst als Kapitel Fünf bezeichnet wird) die Antwort darauf. Hier bekommen wir nämlich die verschiedenen Klüngel Frankfurts vorgestellt, und die ganzen Beziehungsgeflechte zwischen den Charakteren werden visuell präsentiert, mit Erklärungen zu den ganzen Bündnissen und Feindschaften. Auf diese Weise erhält der Spielleiter alles Werkzeug an die Hand, mit der er aus den Spannungen zwischen diesen Ahnen Abenteuer ableiten kann, wenn die jungen Vampire in deren Streitigkeiten hineingezogen werden. Ich habe bereits erwähnt das junge Vampire hier eigentlich überhaupt keine Chance haben, oder?

Die letzten 33 Seiten des Buches machen das Abenteuer „Evas letzte Tochter“ aus. Manche Leser erinnern sich vielleicht noch, das früher in den verschiedenen Städtebüchern auch immer ein Abenteuer enthalten war, welches auf das davor vorgestellte Material aufbaute, und da ist Frankfurt keine Ausnahme. Eine uralte Malkavianerin (Welche im Buch beschreiben wurde) trifft auf Valerius Maior, einem der Vampire auf der sogenannten „Roten Liste“ (Dessen offiziellen Werte nicht so gruselig sind wie die vieler Vampire dieser Stadt, mal so angemekrt…), und entlarvt ihn – ergibt sich derzeit als Tremere-Ahn aus, welcher einem Gehenna-Kult angehört. Dieser Kult hat sich zur Aufgabe gemacht, „Evas letzte Tochter“ zu finden, eine Sterbliche, welche mit einem auffälligem Muttermal geboren wurde, und welche eines der Zeichen für Gehenna sein soll. Abgerundet wird das Buch durch einen sehr nützlichen Index.

Fazit:
Ich habe es ja weiter oben angedeutet, ich habe vor langer Zeit schon mal mit Hilfe von Die Stadt, das Blut & der Tod eine Kampagne in FFM geleitet. Es war… schwierig. Feankfurt bei Nacht ist eindeutig ein Produkt der zweiten Edition von Vampire: the Masquerade, vor allem aus der „Trenchcoats und Katanas“-Seite der Welt der Dunkelheit, mit Megalomanie bei den NSC-Werten, und mit einem Autor, der wohl der Meinung war, man müsse so viel wie nur irgend möglich von der Welt der Dunkelheit in einem Band reinstopfen (Im ernst, von den „großen Fünf“ fehlen hier nur noch Wraith und Changeling…). Schaut man sich Bücher wie dieses an wird einem schnell klar warum damals so gerne Vampire als „Superhelden/Shadowrun mit spitzen Zähnen“ gespielt wurde (Und seien wir doch mal ehrlich, wir haben das alle mindestens ein oder zwei mal gemacht) – man bekam es ja von offizieller Seite so vorgeführt!

Schaut man sich Frankfurt zwanzig Jahre später und mit viel mehr Erfahrung an bleibt zwar die… Verblüffung, mir fällt gerade kein besseres Wort ein, aber gleichzeitig bin ich auch ziemlich sicher das ich heute mehr aus diesem Quellenbuch rausholen könnte. Gut, man müsste für eine Kampagne in dieser Stadt eher Ahnencharaktere mit den Regeln aus Elysium (Oder… *Schauder* Dirty Secrets of the Black Hand…) erstellen, aber wer mal mit wirklich mächtigen Gegenspielern ein politisches Schachspiel spielen möchte ist in Frankfurt bestens aufgehoben. Kein Setting für jede Runde, aber kein uninteressantes Setting für die entsprechend geneigte Gruppe.

1 Kommentar zu Die Stadt, das Blut und der Tod – Frankfurt bei Nacht

  1. Vielen Dank für den Artikel, dem ich nur zustimmen kann. (Vor allem die Formulierung „Shadowrun mit spitzen Zähnen“ ließ mich an meine damalige Gruppe denken.)

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