Das Leben eines Gezeichneten – Teil 1

Vor Beginn der Handlung

Die kommenden Wochen wird es Montags immer einen Teil aus dem Tagebuch meines G7 Charakters geben – eines Schwarzmagiers aus Brabak. Ich weise extra darauf hin, dass es natürlich voll von Spoilern für die Kampagne um die sieben Gezeichneten und anhängende Abenteuer ist – wenn ihr die Ereignisse nicht kennt, solltet ihr euch also gut überlegen ob ihr weiter lesen möchtet. Die Runde ist beendet, die Geschichte wird also nicht irgendwann plötzlich aufhören. Aber sie ist lang… mehr als 240.000 Wörter. Heute gibt es die damals geschriebene Hintergrundgeschichte zu einem Charakter, der eigentlich gar nicht für die G7 gedacht war…

Hesinde zum Gruße. Vielleicht werdet ihr euch fragen warum ich euch so begrüße, aber ich werde mit der Geschichte von vorne beginnen, anstatt mittendrin.

Ich wurde vor 27 Jahren am letzten Tag des Monats Hesinde in einem kleinen Dorf im Süden Aventuriens geboren. Die Luft war – zumindest laut den Erzählungen meiner Mutter – selbst für einen Tag im Süden bitter kalt. Die darauf folgenden Jahre sind, wie wohl bei jedem Menschen, verschwommen und nur einige Ereignisse klar zu erkennen, auf die ich hier nicht näher eingehen werde, da sie meiner Meinung nach keine weitere Rolle spielen.

Wie sich später herausstellen sollte, war mir die Kunst der Magie zu Eigen, nicht ganz unwahrscheinlich, da wohl auch mein Vater – laut meiner Mutter – magisch begabt gewesen war. Meinen Vater habe ich nie kennen gelernt, er muss vor meiner Geburt gestorben sein und meine Mutter wollte nie viel über ihn erzählen, nur dass sie mich nach ihm benannt hat – was auch immer das heißen mag.

In unserem Dorf passierte selten viel Spannendes und ich musste wie alle anderen Kinder der Dorfbewohner oft bei den alltäglichen Pflichten helfen, so dass selten viel Zeit für Kinderspiele blieb. An eine Situation erinnere ich mich jedoch genau, denn sie hatte prägenden Charakter bis heute. Ich war gerade acht Jahre alt und meine Möglichkeit die Magieströme zu beeinflussen hatte sich dank eines vorbeiziehenden Magiers aus Brabak herausgestellt, als ich, für ein paar
Stunden von der Arbeit auf den spärlichen Feldern befreit, mich mit meinen guten Freunden Jartan und Perdin auf den Weg machte, dem Fluss der nahe des Dorfes vorbei floss zu folgen und seine Quelle zu finden, wie Kinder das gerne tun. Nach etwa einer halben Stunde Fußmarsch wurde uns langweilig und wir machten eine Pause auf einem großen Stein am Ufer des Flusses. Der Tag war sonnig und lud zum Faulenzen ein. Wir hatten jedoch übersehen, dass über uns eine der großen Würgeschlangen ihr Mittagsschläfchen hielt und sich in der Sonne
aufwärmte. Voll kindlichem Übermut sprangen wir herum und bespritzten uns mit dem Wasser
des Flusses. Einige der Spritzer müssen auf die Schlange geraten sein, aber meine Erinnerung mag mich trügen. Ich weiß noch, dass plötzlich Unruhe entstand, und ich nur ein lautes Platschen vernahm. Die Schlange hatte Perdin, der auf dem höchsten Punkt des Felsens stand um den Kopf erfasst und mit ihrem langen Leib umschlungen. Ich hatte einigen der kleineren hier beheimateten Schlangen schon dabei zugesehen wie sie Mäuse oder andere kleine Waldbewohner verschlungen hatten, und sie begannen immer mit dem Kopf. Wie besessen versuchten sowohl Jartan als auch ich, die Schlange dazu zu bringen, Perdin wieder los zu lassen, aber sie ließ sich vom Felsen ins Wasser gleiten und von der Strömung mitreißen.
Wir versuchten ihr zu folgen, aber als wir sie eingeholt hatten, war es zu spät.
Seitdem habe ich Alpträume von diesem Anblick, wie einer meiner besten Freunde von einer riesigen Schlange aufgefressen wird, bis schließlich nur noch die Füße aus dem Maul schauen. Wir versuchten dennoch unseren Freund zu retten, aber die Schlange ignorierte uns, wie lästige Insekten und verschwand schließlich im Unterholz.
Zurück im Dorf gab man mir die Schuld. Ich war der älteste, Perdin konnte man die Schuld nicht mehr geben, und Jartan war der Enkel des Dorfältesten. Die nächsten sechs Monate waren schlimm für mich. Mit acht Jahren versteht man die Beweggründe der Erwachsenen nicht und so verstand ich nicht, warum ich nicht mehr mit den anderen in den Wald durfte.
Und ich mache mir noch immer Vorwürfe darum, dass ich ihn hab sterben lassen, denn ich komme in der Wildnis nicht gut zurecht, egal wie viel Zeit ich in den Wäldern verbracht habe.
Als endlich der Tag kam mit einer kleinen Karawane nach Süden in Richtung Brabak aufzubrechen um in der Akademie zu lernen, war ich dennoch traurig darüber meine Heimat und besonders meine Mutter zu verlassen. Kinder vergessen manch‘ Übel schnell.

Die nächsten Jahre waren aufregend. Ja, ich glaube dieses ist das passende Wort. Viele neue Menschen um mich herum, neue Gerüche und Geräusche, alles was eine große Stadt sowieso schon mit sich trägt. Und natürlich die Akademie. Dieser Ort an dem ich all jenes gelernt habe, was ich weiß. Zuerst aber hatte meine Mutter, wohl ohne mein Wissen, mit erspartem Geld dafür gesorgt, dass ich einige Zeit lang Unterricht im Voraus erhielt. So war ich genau im gleichen Alter wie die zehn anderen Teilnehmer, die an die Akademie kamen, jeder im Glauben er sei bald
der größte Magier auf Dere.
Die Ausbildung war, und ist es wohl noch immer, hart, und selbst die ersten Jahre ohne magische Schulung waren nicht einfach. Einige der anderen Schüler kamen aus reichen Familien der Stadt und hatten bereits einige Erfahrung im Lernen erlangen können. Mehr als ich in den wenigen Monaten bis die Lehrzeit an der Akademie begann. Besonders schlimm waren für mich jene Nächte in denen wir uns dem Sternenhimmel widmeten, nicht weil ich die Sterne nicht mag, nein, aber wir mussten dazu einen erhöhten Ort aufsuchen. Ich mag keine erhöhten Orte. Die Abgründe scheinen mich in die Tiefe zu ziehen, als würden sie mit lebendigen Händen nach mir greifen, obwohl nichts davon sichtbar ist. Als ich nach und nach erkennen musste, dass es tatsächlich jede Menge unsichtbare Dinge in dieser Welt gab, wurde es noch schlimmer. Heute sind schon Abgründe von zwei bis drei Meter schwierig für mich.
Meine Prüfungen kamen und gingen, ich bestand alle ohne größere Probleme, auch wenn es, zumindest habe ich mir das sagen lassen, auf dieser Akademie anders sein soll als an anderen. Ich weiß nicht warum. Das System funktioniert. Nur weil hier andere Dinge gelehrt werden, als an anderen Akademien, riskantere Sachen, muss es nicht schlechter sein. Sicher, Dämonen an sich sind reines Chaos, aber wenn man weiß wie man mit ihnen umgehen muss, ist es möglich sehr
viel mehr zu erlangen, als durch alle anderen Arten der Magie.
Es stellte sich heraus, dass ich gut mit ihnen konnte. Woher eine solche Verbindung rühren könnte, wollte ich gar nicht erfahren, daher fragte ich nicht nach und nahm es als gegebene, praktische Möglichkeit.
Bei meinem Abschluss erhielt ich, wie auch die vier anderen der ursprünglichen zehn erfolgreichen Abgänger, mein Magiersiegel. Ja ich weiß, ihr fragt euch warum ich es dort trage, wo ich es trage. Es war mehr eine spontane Entscheidung. Die Akademie hier in Brabak ist nicht so streng wie die Akademien im Norden Aventuriens. Es ist erlaubt andere Körperteile zu wählen, als die rechte Hand. Viele würden wohl die linke wählen, um sich abzugrenzen. Um herauszukehren, dass sie ja ach so böse seien. Lächerlich. Ich hab diesen Ort gewählt, weil er direkt eine Aussage trifft. Es kann von weitem zeigen was ich bin, oder wenn ich möchte auch nicht. Mein Haar ist recht wirr, und genau in der Länge, so dass es bei leichtem Wind darüber wehen kann.
Nach Abschluss blieb ich auf der Akademie. Es ist üblich, dass die erfolgreichen Abgänger ihren Teil zum Archiv der Akademie beitragen, aber ich fühlte mich noch nicht bereit wieder in die Natur herauszutreten. Also begann ich Experimente durchzuführen. Ich versuchte einige neue Substanzen zu suchen, die das Beschwören erleichterten. Meine Suche war jedoch vergebens. Das einzige welches mir in vier Jahren unzähliger Stunden und mühseliger Suche gelang, war die Reduzierung meines Geruchssinnes, durch zu viele Dämpfe von diversen legalen und
illegalen Substanzen, die erstaunlich einfach auf dem Markt zu bekommen waren.

Ziemlich frustriert von der Verschwendung meiner Jahre, nahm ich erfreut einen Auftrag der Akademieleitung an, etwa zwei Wochen entfernt liegende Ruinen zu untersuchen. Ich war Teil einer kleinen Gruppe, und da ich noch keine wirkliche Erfahrung innerhalb dieses Gebietes besaß war ich einzig zum Lernen abbestellt worden. Wieder einmal in der Wildnis. Kein guter Ort für mich, aber wir hatten einen fähigen Waldmenschen als Führer und einmal angekommen, stellte sich heraus, dass dies die Tätigkeit war, auf die ich mein Leben lang gewartet hatte. Ich war in meinem Element. Viele Stunden lang saß ich einfach auf dem Boden vor den Ruinen und schaute sie mir in Ruhe an, bis ich mich an jedes einzelne Blatt, das in die Wände eingeritzt war, erinnern konnte, wenn ich die Augen schloss. Meine nächsten vier, beinahe fünf Jahre verbrachte ich an verschiedenen ähnlichen Orten und erkundete was mir möglich war. Immer unter den strengen Augen von einem der etablierten Magier der Akademie für die ich Schriftführer oder Zeichner machen, oder eine sonstige lästige Tätigkeit übernehmen sollte. Es waren trotz allem die erinnerungswertesten Jahre meines Lebens. Ich sage mit Absicht nicht schönsten, denn sie waren nicht schön, aber voller Leben. Dann kam der Tag an dem ich zum ersten Mal eine eigene Expedition führen sollte. Der Tag meines beginnenden Verhängnisses.

Es begann ganz harmlos, ein wunderschöner sonniger Tag. Gut, fast jeder Tag hier ist sonnig, aber trotzdem. Die üblichen Urwaldgeräusche kamen und gingen. Wir hatten unser Lager vor zwei Tagen am Rande der Lichtung einer noch unerforschten Ruine aufgeschlagen und die Zeit damit verbracht, die Gegend und die äußeren Gegebenheiten der Ruinen zu erkunden. Die Mauern waren erstaunlich gut erhalten, und vielleicht hätte mich dies darauf hinweisen sollen, dass auch andere Dinge gut erhalten sein könnten. Aber in meiner Wissbegierde achtete ich nicht auf die Hinweise. An diesem besagten Morgen also, kurz nachdem die Sonne sich über den Wald erhoben hatte, ging ich voraus um eine von mir am Vortag entdeckte etwas entfernte Kammer zu untersuchen, die sehr vielversprechend aussah. Doch kaum in der Kammer, löste sich einer der offensichtlich noch immer gut erhaltenen alten Mechanismen und verschloss die Tür. Zu allem Überfluss öffnete sich ebenfalls der Boden und ich fiel einige Meter tiefer in eine Grube mit glatten Wänden, wie sich nach einiger Zeit herausstellte.
Keine andere Möglichkeit die restliche Gruppe zur Rettung zu rufen, besann ich mich der Sache in der ich Talent und einiges an Erfahrung besaß. Dem Dämonenrufen. Ich war naiv, ich hätte einfach einige Zeit warten müssen, und sicherlich wäre einer der Anderen der Gruppe auf die Idee gekommen mal nachzusehen wo ich den bliebe, aber daran dachte ich nicht. Ich hatte kaum eine Möglichkeit kontrollierte Bedingungen in einer leeren engen Kammer zu schaffen, zum Glück aber die Angewohnheit zumindest ein Stück Kreide immer bei mir zu tragen. Die Gegebenheiten um mich herum waren zwar nicht günstig um einen Gotongi zu rufen, aber da altes Wissen in den Ruinen steckte, zumindest der Ort eine vortreffliche Wahl für einen Diener Iribaars. Eine zu gute wie sich herausstellen sollte.

Wie erwartet erschien jedoch nicht ein Gotongi, den man ja üblicherweise nicht sehen kann, sondern ein kleiner roter Kobold – Nishkakat – in der Mitte des Symbols auf dem noch immer leicht staubigen Boden. „Ich hab dich nicht gerufen“, teilte ich dem Dämon mit, denn es lag möglicherweise oberhalb meiner Möglichkeiten zur Eingrenzung. „Jetzt bin ich aber hier,“ teilte es mir mit seiner oft beschreiben kindlichen Stimme mit, „Jetzt kann ich dir ja auch
helfen“. Helfen – ha. Ein Dämon. Aber gut, ich hatte einiges an Kraft in dieses Ritual gesteckt und, soweit meine Kenntnis, konnte auch Nishkakat eine Botschaft überbringen, wenn man es unter Kontrolle bekam. Ich ließ es darauf ankommen, ein Leichtsinn, den ich bereuen sollte.

Ich teilte ihm seine Aufgabe mit – die Überbringung einer Nachricht an den jüngeren Magier in der Gruppe – und es verschwand, um seine Aufgabe zu erledigen wie ich gehofft hatte. Nach kurzer Zeit erschien es wieder vor mir und verkündete, dass es die Aufgabe erfolgreich durchgeführt hätte und ob ich denn nicht sonst noch etwas wissen möchte. In meinem Irrglauben es kontrollieren zu können, dachte ich mir, dass ein bisschen zusätzliches Wissen sicherlich nicht schaden könne, und sagte zu. Während ich auf Rettung von außerhalb wartete berichtete es mir von einigen interessanten Zusammenhängen, die ich bisher noch nicht bedacht hatte. Es verging einige Zeit bis sich endlich von oben das Geräusch einer sich öffnenden – besser gesagt zerbröckelnden – Steinwand ankündigte. Bevor ich dann, zufrieden mit dem Erfolg der Beschwörung und der erreichten Aufgabe, Nishkakat wieder zurückschicken wollte, bot es mir an, doch ab und an behilflich bei einigen Dingen zu sein. Nur wenn ich wollte, natürlich.
In Eile nach draußen zu kommen nickte ich kurz und es verschwand. Irgendwie beschlich mich
Sekunden später ein untrügliches Gefühl einen Fehler gemacht zu haben. Aber erfreut über den Sonnenschein und die wiedererlangte Freiheit vergaß ich diesen Hinweis.

Die nächsten Tage kamen und gingen, in meinem Falle immer besonders vorsichtig um nicht noch einmal in eine solche Notsituation zu geraten, und nichts weiter passierte. Wir durchsuchten die Ruinen und entdeckten einige untersuchenswerten Gegenstände, die wir auf die kleine Karren, die wir mit uns führten, luden um dann in die Akademie zurückzukehren. In der zweiten Nacht unserer Rückreise begannen die Träume, die mich bis heute fast jede Nacht quälen. Versprechen von Wissen und Macht, Reichtum durch seltene Bücher oder gänzlich unbeschreibliche Dinge. Seitdem quälen mich Gedanken, ich könne vielleicht bei der Beschwörung einen Fehler begangen haben, und so die Aufmerksamkeit von etwas größerem auf mich gezogen haben. Andererseits litt ich schon seit Beginn meiner magischen Ausbildung unter Schlafstörungen und dies könnte einfach eine weitere Stufe sein, die magisches Wissen mit sich bringt. Ich vertraute niemandem so sehr, als dass ich ihn dazu befragt hätte können, und blieb mit meinem Zweifel alleine.
Kurz nach unserer Rückkehr in Brabak, und es war eine freudige Rückkehr, denn die ersten Untersuchungen der Gegenständen bestätigten den angenommenen Wert, kehrte ich der Akademie den Rücken und zog nach Norden aus, im Wissen das, wenn ich länger an der Akademie verweilen würde, bestimmt einer bemerken würde was letztlich mit mir geschah, und ich wollte dieses Wissen nicht erlangen. Noch wollte ich auf Gutglück einen Geweihten aufsuchen, der in der Lage wäre mir zu helfen. Ja, auch in Brabak wird gelehrt, wie man dem Unerwünschten von Dämonen entgegenstehen kann. Die Folgen, sollte es sich trotz meiner Hoffnungen um etwas Unerwünschtes – ich wage nicht das Wort in den Mund zu nehmen – handeln, wären möglicherweise weitaus schlimmer, als bloß Alpträume. Mit Alpträumen konnte ich leben. Vorerst.

1 Kommentar zu Das Leben eines Gezeichneten – Teil 1

  1. Those were the days…freu mich auf die weiteren Teile 🙂

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