Private Eye

Detektivisches Rollenspiel im viktorianischen England

Zum Rollenspiel gehört üblicherweise eine gehörige Prise Fantasy oder zumindest etwas Mystery. Kaum eine bespielte Hintergrundwelt kommt ohne Magie, fiktive Völker oder  tentakeligen Mythoswesen aus. Die Redaktion Phantastik beweist, dass phantastisches Rollenspiel auch ohne Elfen, Zwerge oder Tiefe Wesen funktioniert. Ihr Private Eye führt uns in ein ganz reales viktorianisches England, dass keinerlei Modifikation erfahren hat.  Ohne Monster oder Steam Punk finden wir uns als Privatdetektive auf den Spuren Sherlock Holmes um ganz mundane aber nicht weniger spannende Kriminalfälle zu lösen. Was für zahllose Holmesromane funktioniert und Lesergenerationen bis heute begeistert, sollte doch eigentlich auch am Spieltisch gelingen…

Die Idee

Wie schon angedeutet wurde, ist Private Eye nicht einfach Rollenspiel im viktorianischen England, sondern ganz bewusst auf Investigation ausgelegt. Was sich banal anhört ist am Spieltisch deutlich zu merken. Sicher, unsere Helden dürfen sich auch in Private Eye der ganzen Palette rollenspielerischer Freiheit bedienen, aber im Mittelpunkt steht immer das Auffinden und Verbinden von Hinweisen um einen Kriminalfall zu lösen. Im Hintergrund eines Private Eye Abends stehen also immer verräterische Details, soziale Netzwerke und eine grübelnde Spielergruppe. Das macht das Spiel merkbar anders als andere Systeme und ist sicher eine der großen Stärken.

Durch den klaren Fokus ist Private Eye sogar für genrefremde Neulinge interessant, denen es in einer Zeit von Krimi Dinnern oder der Neuauflage von Consulting Detective vielleicht einfacher fällt, sich auf klassischen Sherlock einzustellen, als auf epische Fantasy. Gleichzeitig kann sich Private Eye auch als eine spannende Abwechslung zum Fantasyeinerlei anbieten oder durch die andere Spielweise eine gelungene Überraschung für Midgard 1880 oder Cthulhu Gaslight Runden darstellen.

Das Grundbuch

Das Grundbuch zu Private Eye ist etwas irreführend als Regelwerk tituliert. Das soll nicht heißen, dass sich hier nicht alle Regeln finden, sondern ganz im Gegenteil, dass es ungleich mehr ist als ein Regelwerk.  Das Regelwerk versammelt wirklich alles was zum Spielen gebracht wird. Regeln, Spielleitertipps zum Leiten von Detektivabenteuern, umfangreiche Hintergrundinformationen und ein vollwertiges Abenteuer. Gerade die Tatsache, dass die eigentlichen Regeln nur knappe 20 der fast 260 Seiten ausmachen, macht das Buch auch für Spieler anderer Systeme interessant.

Die Regeln

Die Regeln machen den geringsten Teil des Buches aus, enthalten aber alles was zum Spielen nötig ist. Private Eye nutzt ein System, dass ähnlich wie Call of Cthulhu an das Basic Roleplaying System angelehnt ist. Statt die Grundidee – Also mit einem W100 gegen eine Prozentzahl zu würfeln – weiter auszubauen, bleibt Private Eye der einfachen Probe durchgehend verpflichtet. Reduziert auf das Regelgerüst zeichnet sich jeder Charakter durch sechs Grundeigenschaften (je drei körperliche und geistige) und eine Reihe an Fertigkeiten aus, wobei letztere durch gute Grundeigenschaften modifiziert werden. Abgeleitet werden davon die Trefferpunkte und ein Beruf gibt schließlich Anregungen welche Reputation ein Charakter genießt. Wer nach einem innovativen System mit geschickt verzahnten Werten sucht wird schnell merken, dass er oder sie hier fehl am Platz ist. Bis auf ein paar Anmerkungen zum Kampf und zur Regenration von Schaden gibt es kaum Regeln die über einfache Proben hinausgehen. Keine Bonuswürfel, Probenvergleiche, Verfolgungsjagden oder Gummipunkte – Private Eye ist Old-School! Dieser Ansatz muss nicht jedem zusagen, unterstützt aber ein regelarmes investigatives Spielprinzip und ist enorm einstiegsfreundlich. Obwohl das System kaum Innovationen bietet, gibt es also gute Gründe das System für Detektivabenteuer auch wirklich zu nutzen. Es setzt das um was es umsetzen soll, ist dabei aber vielleicht nicht immer optimal. Ein kleiner Makel ist für mich persönlich die würfelintensive Charaktererstellung. Hier hätte mir etwas Beschleunigung gut gefallen, es ist aber nichts was nicht durch ein paar Hausregeln geradezubiegen wäre. Steht der Charakter einmal, bleibt jedenfalls kaum Raum für Regelprobleme und zwei W10 sind wirklich alles was am Spieltisch gebraucht wird. Gerade letzteres finde ich äußerst angenehm.

Die eigentliche Stärke von Private Eye liegt zweifelsohne im Hintergrund und dem investigativen Spielansatz. Dementsprechend folgen auf die Regeln gleich 15 Seiten mit Berufsbeschreibungen die detaillierte Information zum rollengerechten Spiel liefern. Nicht ausgespart wird dabei die die damals äußerst wichtige Geschlechterfrage, wobei uns im Sinne der Emanzipation immer Ideen mit an die Hand gegeben werden, wie man auch als Frau untypische Berufe ausüben kann. Private Eye verhehlt hier nichts, aber schließt eben auch nicht aus, dass unsere Charaktere die glückliche Ausnahme sind. Warum auch nicht!

Auch die zweite Stärke wird bedient, indem wertvolle Tipps zum Spielen eines Detektivabenteuers gegeben werden. Dieser Artikel der ursprünglich nur dem Spielleiterschirm beilag, ist der aktuellen 5. Edition beigefügt und gibt eine gut strukturierte und nicht zu ausufernde Übersicht, worum es in Investigationsabenteuern eigentlich geht und mit welchen Herausforderungen sich eine Spielleiterin bei solchen Abenteuern besonders konfrontiert sieht.

Der Hintergrund

Die nächsten 150 Seiten werden voll und ganz dem Hintergrund gewidmet. Dabei legt Private Eye einen Fokus auf das viktorianische London und natürlich auf all das was zum Aufspüren von Verbrechern nötig ist. Den Einstieg macht dabei ein Überblick über das British Empire. Der weitere politische und kulturelle Kontext kann nicht nur Flair geben, sondern wird besonders wichtig, wenn es um politische Intrigenabenteuer geht und vielleicht ist einer der Spielerinnen ja sogar aus einer der Kolonien? Geht es nicht um die große Politik, helfen Fakten über Währung und Maßeinheiten ebenso weiter wie eine Liste mit zeitgenössischen Erfindungen und Entdeckungen.

Deutlich detaillierter ist der Hintergrund zu London, welches erst mit seiner Sonderrolle in Britannien eingeordnet wird und dann auch im Alltagsleben präsentiert wird. Wie kommen die Charaktere zum Tatort? Was kann eine Postleitzahl über den Absender aussagen? Mit welchen Gesellschaftsschichten bekommen es die Spieler zu tun? Und wie verbringt man eigentlich seinen Alltag in London?

Die Informationen über den alltäglichen Londoner Trubel sind gut aufbereitet und durchaus spielnah. Die Kapitel geben viele  Inspirationen für einzelne Szenen und ermöglichen so, die Charaktere und Antagonisten mit Leben zu versehen und werden in Infoboxen  immer wieder an den Spieltisch gekoppelt. Abgesehen von einem aus dem Holmesuniversum entlehnten Club ist dabei alles weitgehend historisch akkurat ohne zu ersticken.*

Den Großteil des Hintergrundes macht das Stadtlexikon aus. Hier werden Sehenswürdigkeiten, Stadtviertel und zentrale Gebäude präsentiert. Zusammen mit der beigelegten historischen Stadtkarte von London lassen sich so eigene Abenteuer kreieren oder Szenen für Detektive auf Abwegen kreieren. Auch die Abenteuer verweisen uns auf die passenden Orte im Buch. Ergänzt wird die Stadtführung durch historische Personen die ganz oder zeitweise in London verweilten und eine Geschichtstafel. Wer seinen Charakter auf Oscar Wilde, Marx und Engels, Wells oder Henry James treffen lassen will, der bekommt hier die passenden Informationen, wobei –  wie ich finde zu recht – auf Charakterwerte verzichtet wurde.

Noch näher an den Spieltisch und fraglos ein Alleinstellungsmerkmal ist schließlich ein umfangreiches Kapitel zur Kriminalität, das den Fokus auf Forensik, Sicherheitsorgane, Recherchemöglichkeiten und Detektivhandwerk legt.

Das Abenteuer: Familienglück

Private Eye ist vielleicht mehr als andere Rollenspiele auf vorgefertigte Abenteuer angewiesen. Das Setting ist eben nicht auf freies Spiel oder Erfahrungspunktjagd im schnell erstellten Dungeon ausgelegt, sondern auf das Lösen eines Falles. Und ein solcher will natürlich gut komponiert sein. Schließlich muss das Indiz zum passenden Täter führen und wird sich das ein oder andere Detail erst im Laufe der Ermittlungen als wichtig erweisen. Sicherlich lassen sich auch eigene Abenteuer entwerfen, aber es dürfte doch äußerst schwer sein, ein gutes Detektivabenteuer spontan zu entwickeln, müssen die Puzzlestücke doch ein großes Gesamtbild ergeben. Um direkt loszulegen kommt das Grundbuch daher mit einem 40 Seiten umfassenden Abenteuer daher. Der Umfang ist durchaus ordentlich, das Abenteuer ist aber trotzdem nur für zwei Abende ausgelegt. Die gesamten Geschehnisse erstrecken sich auf ein gutes Wochenende und finden in wesentlichem an einem Ort statt. Das Abenteuer ist geschickt verzahnt und präsentiert den Spielern einen zuerst banal klingenden Fall der ein ganzes Geflecht an Konflikten aufweist. Das Abenteuer ist detailliert und bietet Variationsmöglichkeiten, richtet sich aber meines Erachtens an erfahrene Spielleiter. Ohne viel vorwegzunehmen, bekommen es die Spieler mit mehreren teilweise getrennten Fällen zu tun und es ist nicht einmal nötig, dass sie alle Tiefen bemerken. Auch für die Spieler ist das eine besondere Herausforderung, zumal das Abenteuer wenig an die Hand nimmt. Abgesehen von wenigen entscheidenden Ereignissen sind die Spieler auf sich alleine gestellt. Dies gilt leider stellenweise auch für die Spielleiterin. So ist nicht immer klar, wie die Charaktere an bestimmte Informationen gelangen können und wird das eigentliche recherchieren erstaunlich knapp abgehandelt. Das Abenteuer gibt sich Mühe die Informationen zu strukturieren, es will aber doch gut vorbereitet werden.  Familienglück ist ein ansprechendes aber leider auch sehr anspruchsvolles Abenteuer. Hier wäre mir ein etwas klassischerer, aber insbesondere auch einfacherer Fall lieber gewesen. Das soll dennoch nicht daran hindern dem Grundbuch einen Blick zu widmen. Familienglück ist ein interessantes Abenteuer und für den Einstieg gibt es zahlreiche Fälle online und erschwingliche Abenteuerbände.

Fazit

Private Eye ist anders als die meisten Rollenspiele und entwickelt genau dadurch seinen Reiz. Wer sich auf das Spiel einlässt bekommt forderndes aber auch sehr lohnenswertes Rollenspiel.  Mit etwas Aufbereitung lässt sich Private Eye dabei auch für Rollenspielneulinge umsetzen. Das Spiel richtet sich aber grundsätzlich eher an erfahrene Rollenspieler oder belesene Krimi Fans. Zumindest die Spielleiterin sollte Rollenspielerfahrung oder ein gutes kriminalistisches Gespür mitbringen.

Die regelarme Konzeption entpuppt sich nicht nur für Neulinge als Stärke, sondern auch für Vielspieler. Es ist sehr problemlos Private Eye als Quellenbuch zu nutzen, ohne dass man für einen großen Regelapparat mitzahlen muss. Auch die insgesamt starken Abenteuer des Systems lassen sich recht problemlos in zeitnahe Systeme übertragen. Wer sich für Kriminalfälle und viktorianisches England interessiert hat mit dem Private Eye „Regelwerk“ das perfekte Buch gefunden.

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