Numenera, Teil III

Eine Rollenspiel-Rezension von Infernal Teddy

So, und damit wären wir beim letzten Teil unserer Numenera-Besprechung, die ersten beiden Teile findet ihr HIER und HIER. Nachdem wir uns mittlerweile durch das eigentliche Regelwerk gearbeitet haben, wenden wir uns heute dem ergänzenden Material zu, welches durch die Backer des deutschen Crowdfundings ermöglicht wurden, und ziehen unser Fazit. Also, alle anschnallen, es geht los.

Der erste Zusatzband dem wir uns zuwenden ist 64 Seiten starkes Heft ohne eigenen Titel. Neben einem Vorwort von Mháire Stritter, in welchem ein paar hilfreiche Worte über den Inhalt verloren werden, enthält dieses Heft drei etwas längere Abenteuer. Alle drei Abenteuer sind ursprünglich als Con- oder Einführungsabenteuer gedacht, wobei „Der Weg durch das Purpurtal“ als das einsteigerfreundlichste beschreiben wird, auch weil es das kürzeste der drei ist. Von den verbleibenden Abenteuern ist „Vortex“ wohl von der Struktur her offener, und erlaubt den Spielern mehr Handlungsfreiraum, und ist damit eher für erfahrenere Gruppen geeignet, während „Jenseits der Welten“ tendenziell eher als Horrorabenteuer gedacht ist, und sogar einen (kleinen) Generator für fremde Universen enthält, was für manche Gruppen auch jenseits des Abenteuers nützlich sein dürfte. Über die Abenteuer selbst möchte ich mich, wie auch schon im letzten Teil dieser Rezension, nicht allzu sehr auslassen – ich sauge mir halt meine Abenteuer bevorzugt aus den Fingern. Abgerundet wird dieses Heft durch sechs vorgefertigte Charaktere, welche sich auf dem zweiten Rang bewegen und für One Shots gedacht sind.

20161109_131645Als nächstes folgt ein zweites Heft, welche wie das vorangegangene drei PDFs zusammenfasst, welche im Original käuflich erwerbbar sind. Bei diesen PDFs handelt es sich um ergänzende Ratgeber für Spielleiter, welche bestimmte Aspekte des Spiels näher beleuchten oder ausbauen. Das Erste, „SL-Eingriffe und Sondereffekte“, beleuchtet nochmal etwas genauer, wie der Spielleiter diesen Teil seiner Aufgabe nachkommen sollte, und worauf man dabei achten sollte – eine sinnvolle Erweiterung, und man fragt sich zurecht warum Monte Cook das nicht schon im Grundregelwerk besser erklären konnte. Zweiter Teil des Heftes ist „Eine Prise Seltsames“, in dem näher darauf eingegangen wird, was denn nun das Seltsame, das Weirde ist, welches Numenera immer wieder heraufbeschwören möchte, allerdings besteht ein Großteil dieses Textes aus einer Reihe von Zufallstabellen. Auch wieder: Nett, aber warum war das nicht Teil des eigentlichen Regeltextes? Der letzte Teil des Heftes trägt den Titel „Kosmisches Grauen: Lovecraft und Numenera“, und bietet Ideen und Optionen, um Lovecrafts Konzepte und Vorstellungen mit Numenera zu verknüpfen. Mir gefällt dieser Text recht gut, da meine Vorstellung von Numenera wohl von Anfang an mehr Aspekte des Horrors enthielt als es vom Autor mitbekommen hat.

Danach folgen zehn farbige Charakterbögen auf schwerem Papier. ich mag das Design der Charakterbögen, auch wenn es auf manchen etwas arg überdesignt vorkommen mag – an Funktionalität verliert es trotzdem nicht, und es hilft dabei, sich auf das Spiel einzustimmen. Und man kann es sehr schön mit zwei Knicken falten. Ich bezweifle zwar, dass jemand wirklich die Bögen aus der Schachtel nutzen wird, statt sie sich herunterzuladen und auszudrucken (Man findet den Bogen auch HIER), aber ich weiß die Geste zu schätzen.

Es wurde bereits angekündigt das der Spielleiterschirm beim Nachdruck der Box nicht enthalten sein wird, was schade ist. Es gibt ja in unserem Hobby die Glaubensfrage, ob ein Spielleiterschirm im „Porträt-Format“ sein sollte, also A4 senkrecht, oder im „Landscape-Format“, A4 waagerecht. Ich persönlich neige eher zu Landscape, da man dadurch mehr Platz hinterm Schirm hat, und nicht so von seinen Spielern abgeriegelt wird. Der Numenera-Spielleiterschirm ist gerade noch so im Landscape-Format, aber ehrlich gesagt macht es kaum einen Unterschied, da die einzelnen Panele – es sind vier an der Zahl – fast quadratisch sind. Das Material ist sehr dicke, stabile Pappe, wie es heutzutags fast der Standard geworden ist. Viel gibt es auf dem Schirm nicht an Tabellen, aber das war bei diesem Spiel auch nicht anders zu erwarten.

Als letzte Komponente gibt es die Kartendecks, welche wohl auch wieder nicht bei der zweiten Auflage der Box dabei sein werden. Hier wurden drei Decks auf fünf Päckchen aufgeteilt, was wohl der Produktion geschuldet ist. Das erste Deck sind die Erfahrungspunkt-Karten, welche das schnelle Hin und Her der Erfahrungspunkte am Spieltisch erleichtern sollen. Ich habe schon gelesen das viele Gruppen Glassteine oder Pokerchips nutzen, aber die Karten sind auch eine nette Lösung. Das zweite Deck sind die Kreaturenkarten. Diese haben auf der Vorderseite eine Kreaturenillustration, und auf der Rückseite eine kurze Beschreibung mit allen relevanten Werten. Dabei sind hier vor allem Kreaturen aus dem noch nicht auf Deutsch erhältlichen Monsterbuch, so das man bereits mehr Monter zur Hand hat, als im Grundregelwerk bereits erhalten sind. Allerdings werden beim Erscheinen die Seitenverweise auf den Karten wahrscheinlich ins Leere zeigen, da sich diese noch auf die US-Ausgabe beziehen. Als letztes sie da noch das Cypherdeck zu nennen, mit dem Spieler und Spielleiter spontan Cypher erschaffen können. Das Deck ist zweigeteilt, und enthält Bildkarten, welche das Aussehen des Cyphers festlegen, und Kraftkarten, mit denen bestimmt wird, was der Cypher denn bewirkt. Es sind eine Menge Karten, ich würde also die Anschaffung von Deckboxen empfehlen.

Fazit:
Es ist auf jeden Fall eine Menge Material die man in seiner Numenera-Box geliefert bekommt. Aber lohnt es sich denn auch? Mir gefällt das Cypher-System, zumindest in der Form wie es in Numenera präsentiert wird – wobei ich zugeben muss das ich es noch nicht antesten konnte. Von der Lektüre her ist es auf jeden Fall ein schönes, schnelles und elegantes System mit viel Potenzial, auch wenn man den Einfluss von Fate schon sehen kann, aber in meinen Augen sind in den letzten Jahren alle Spiele bis zu einem gewissen Punkt auch Reaktionen auf Fate gewesen. Vom Setting her liest es sich zumindest im Grundregelwerk noch ein wenig zu sehr wie „D&D mit mehr Science Fantasy-Elementen“, aber irgendwo muss man ja den Kunden abholen, zumal ich den Eindruck habe, das Spiel hätte sich mit späteren Erscheinungen etwas davon gelöst – ein Eindruck, welcher auch auf die in der Box enthaltenen Kreaturenkarten basiert. Interessante und einfache Regeln, ein spannendes Setting und jede Menge Zusatzmaterial in einer stabilen Box, das klingt doch schon fast nach einem rundum-sorglos-Paket, oder, einem perfekten Geschenk für einen neuen Rollenspieler? Fast.
Und damit sind wir auch schon bei meinen Kritikpunkten angekommen. Die erste und entscheidendere Kritik muss ich Monte Cook, dem Autor des Spiels, zu Füßen legen. Eigentlich hat er mit dem Cypher-System und Numenera ein fast perfektes Einsteigerrollenspiel geschaffen, mit dem man wunderbar neue Spieler erreichen könnte, oder denen man das Spiel einfach schenken könnte. Leider wurde sowohl am „Einführung ins Rollenspiel“-Text (Den ich ehrlich gesagt genau wie die Meisten von Euch mittlerweile überfliege oder überblättere) gespart, als auch an den Spielleitertipps. Hier wäre mehr eben doch deutlich mehr gewesen, und die Tatsache das Monte sich hier an erfahrene Spielleiter wendet schadet dem Produkt bzw. dessen Vermarktbarkeit an Neulinge, und das ist schade. Mein zweiter Kritikpunkt orientiert sich eher am Uhrwerk Verlag, und ich nicht ganz so ernst gemeint, aber: Leute, das ist das Rundum Sorglos Paket par excellence, hätten da nicht als Stretchgoal noch ein paar Würfel dabei sein können?
Final muss ich aber sagen das Numenera ein fantastisches Produkt ist. Die Übersetzung ist sehr gut, nur an ein oder zwei Stellen wirkt sie etwas holprig, wie beim Satz der den Charakter definiert – im Original „I am an adjective noun who verbs.” während die Übersetzung daraus „Ich bin ein Adjektiv, Substantiv und verbe“ macht, was sich als Satz auf diese Weise etwas unbequem macht. Dadurch wird aus „I am a quick Glaive who…“ „Ich bin schnell, Glaive und…“, was für mein Sprachgefühl einfach nicht schön ist, aber das ist jetzt wirklich Haarspalterei. Ich bleibe dabei, wenn man sich dieses Jahr nur ein Rollenspiel auf Deutsch zulegt sollte es Beyond the Wall sein, aber wer sich ein zweites zulegen will und auf weird Science Fantasy mit einfachem System steht (Oder sich neben Malmsturm noch ein drittes zulegen will) ist definitiv mit Numenera gut bedient. Absolute Kaufempfehlung!

Infernal Teddys Infinite Playlist: Seven Seas of Rhye – Queen

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*