Das Leben eines Gezeichneten – Teil 34

Pforte des Grauens - Teil 1

26 Ingerimm
Wir hatten verabredet uns wieder in Baliho zu treffen um zu sehen ob jemand etwas neues erfahren hatte. Dieses Mal war auch Leowulf hier und wir hatten uns in derselben Taverne einen Raum gemietet wie auch schon vor zweieinhalb Jahren. Am Abend saßen wir neben der Taverne auf einer Bank und unterhielten uns, als ein Beilunker Reiter auf uns zu trat und mich nach meinem Namen fragte. Ich nannte ihn ihm, aber es reichte ihm nicht. Er wollte eine Bestätigung durch das Siegel – welches ja nun wirklich nicht zu übersehen ist – und mein Auge. Ich überlegte kurz, aber außer uns war niemand in der Nähe und so schob ich kurz mein Tuch zur Seite und ließ ihn einen Blick darauf werfen. Ich funkelte ihn meinerseits böse an und er überreichte mir einen Brief, der aussah als hätte er eine lange Reise hinter sich. Zwei Reiter soll er das Leben gekostet haben – unter welchen Umständen konnte er allerdings nicht sagen – und er war in der Tat lange unterwegs gewesen.
Ich brach das Siegel und ein kleiner Greif aus Rauch entschwand in die Luft und ich verscheuchte ihn mit meiner rechten Hand bevor er sich ganz verflüchtigt hatte. Der Inhalt des Briefes schien auf den ersten Blick unzusammenhängend – gut, auf den zweiten ebenfalls – und wirr, aber nach einem zweiten Mal lesen – Latu und Greifwin mussten sich natürlich lautstark darüber unterhalten, wer uns denn einen Brief geschickt haben könnte, und ich konnte mich kaum auf die kleinen Buchstaben konzentrieren – entnahm ich dem Brief, dass ein gewisser uns
bekannter Mann der KGIA auf Maraskan weilte und uns gerne ebenfalls dort sehen würde, weil er recht ungewöhnliche Vorkommnisse beobachtet hatte, die vermutlich mit ihm in Zusammenhang standen.
Was mein Interesse allerdings weitaus mehr weckte war die Erwähnung alter Echsenruinen, auf die er gestoßen ist und die noch weitgehend unerforscht waren – welch Möglichkeiten für mich! Ich berichtete grob vom Inhalt des Briefes, als eine Boroni auf uns zu trat und uns ansprach. Der Rabe wollte mit uns sprechen… hmm. Was sollte das jetzt, just in dem Moment, wenn wir einen
anderen Auftrag erhielten?
Die Boroni schien zudem blind zu sein, sah aber vorzüglich. Die anderen drei waren dafür sofort mit der Boroni in Richtung Punin zu ziehen und sich dort das Gekrächze anzuhören, ich wäre lieber direkt gen Festum aufgebrochen um von dort per Schiff nach Maraskan überzusetzen, ließ mich aber breitschlagen mit dem Argument, dass es kein allzu großer Umweg sei. Wir würden am nächsten Tag aufbrechen und mit der Boroni reisen.

27 Ingerim – 16 Rahja
Die Reise verlief weitestgehend ohne Zwischenfälle, da wir einzig auf einer Reichsstraße in Richtung Mittag zogen, die ja bekanntlich sehr gut ausgebaut waren. Das Wetter hatte sich halbwegs normalisiert und es war warm und angenehm zu reisen.

17 Rahja
Etwa gegen die Praiosstunde erreichten wir Punin. Ohne große Umwege nahmen wir den Weg zum Tempel des Raben – Latu wusste von einem vorherigen Besuch der Stadt, wo der Tempel lag – ließen unsere Pferde vor dem Tempel stehen und traten hinein. Wie immer in Borontempeln umfing mich eine absolute Stille in der ich mich bemühte trotz des Lärms den ich unweigerlich verursachen würde, nicht zu sehr angestarrt zu werden. Aber es gelang auch dieses Mal nicht.
Ein Boroni nahm uns in Empfang und führte uns durch zahllose dunkle Gänge die teils mit Intarsien, teils mit Ornamenten geschmückt waren, die ich neugierig betrachtete. In einem Raum an dessen anderem Ende eine große Rabenstatue auf uns hinabstarrte, hieß er uns an zu warten und trat durch eine Tür. Ich vertrat mir etwas die Beine, als es plötzlich kalt wurde im Raum und aus den Bodenfliesen eine schwärzliche Wolke empor stieg und die Lichter zu einem Glimmen
reduzierten. Es formte sich der Schemen einer Hand aus der Masse und versuchte nach uns zu greifen, aber bevor es einen von uns berührt hatte, ertönte der Schrei eines Raben – zumindest denke ich, dass es das war – und die Wolke sackte in sich zusammen.
Die anderen sahen mich erstaunt an, und ich zuckte nur mit den Schultern und wollte zu einer Erklärung ansetzten, als sich die Tür öffnete und wir eintreten durften.
Vor uns stand ein großer U-förmiger Tisch an dessen Ende drei Personen saßen. Der mittlere Mann mit grauem Haar und Bart musste der Rabe von Punin sein, rechts von ihm saß ein Golgarit, seiner Kleidung nach, und links von ihm eine Frau in Boronstracht. Der Rabe sprach zuerst und dankte uns für unser kommen, stellte kurz seine beiden Begleiter vor – die Frau stammte aus Al’Anfa… – und kam auf sein Problem zu sprechen.
Die Kirchen des Mittelreiches und wohl auch Al’Anfa erhielten regelmäßig einen bestimmten Satz an Endurium aus den Minen in Maraskan – ah schon wieder die grüne Insel – und verwendeten dieses um heilige Artefakte von besonderer Güte herzustellen. Zum Beweis legte er einen schwarzen Rabenschnabel auf den Tisch. Diese Lieferungen waren aber nun eingestellt worden, da irgendeine Rebellengruppe die letzte Karawane überfallen hatte und er bat uns nun nachsehen zu gehen. Sowohl der Golgarit, als auch die Frau meldeten sich ebenfalls zu Wort
und beschrieben ihre Sicht der Dinge.
Ich wollte schon einwerfen, dass wir das ja nebenbei vielleicht erledigen könnten, wenn wir uns in den Ruinen umsehen würden, aber Latu kam mir zuvor und nahm den Auftrag an. Der Rabe fragte uns ob wir gesegnet werden wollten – ich wollte nicht, würde mich aber der Mehrheit beugen um nicht aufzufallen – und ließ es geschehen ohne das irgendetwas passierte. Daraufhin verschwand der Rabe plötzlich und ließ uns mit den anderen beiden zurück.
Man würde unsere Reise bezahlen und oben auf noch 200 Dukaten und hatte für eine Schiffsfahrt von Kunchom aus gesorgt. Dann in einem stillen Moment, von dem es ja nun in einem Boronkloster wahrlich genug geben wird, warf ich ein, ob es sie denn nicht kümmere wenn ihr geheiligter Boden einfach durchbrochen würde. Sie gingen nicht näher darauf ein, warum kann ich nicht ermessen und so verließ ich den Raum voller Ignoranten und sah mir draußen den Boden nochmals genauer an.
Ein Odem enthüllte nichts, rein gar nichts… außer einer schwarzen Feder auf dem Boden, die aber blau leuchtete und nicht wie gewohnt rot. Eine Feder von einem Boten Borons? Ich hob sie auf und sah sie mir genauer an. Es war eine einfache Rabenfeder, nichts sonst… aber ich steckte sie trotz allem ein.
Ich musste nicht lange warten bis die anderen das Gespräch beendet hatten und auch wieder heraus kamen und wir zurück zur Oberfläche geführt wurden. Auf dem Weg berieten wir, wie wir am besten Reisen würden. Greifwin hatte furchtbare Angst während der Namenlosen Tage zu reisen und wollte um das Gebirge herumreisen. Ich hingegen war für den direkten Weg. Latu warf immer wieder ein, dass man während der Namenlosen Tage nicht reisen sollte, aber nicht ob er nun lieber direkt oder mit Umweg gehen wollte. Ich konnte sie schließlich von der kürzeren Strecke überzeugen, mit dem Einwurf, dass wir ja kurz vor den Namenlosen Tagen in einem Dorf rasten könnten um sie ‚gesichert‘ zu verbringen.
Direkt am nächsten Tag würden wir aufbrechen und ich kaufte vorher noch Proviant für zwei Wochen unwegsames Gelände ein, und wir liehen uns ein Pferd für Latu, so dass wir schneller vorankommen würden.

18 Rahja – 29 Rahja
Zunächst verlief die Reise recht gewöhnlich und ohne größere Zwischenfälle, aber als wir uns am 22 Rahja dem Pass näherten, merkte ich doch, dass es eine anstrengende Querung werden würde, denn selbst im Sommer ist es kalt oben in den Bergen und die Pfade sind nicht gut ausgebaut, so dass wir die Pferde an den Zügeln führen mussten.
Am 26 Rahja erreichten wir den Seitenfluss des Mhanadhi und konnte am nächsten Tag eine Fähre den Fluss hinunter mieten, die uns und die Pferde transportieren würde.

30 Rahja
Gegen Abend erreichten wir das kleine Örtchen Samra und stiegen von Bord. Die Fähre würde zwar weiter fahren und ich für meine Teil wäre gerne ebenfalls weiter gezogen, aber die anderen wollten lieber in der Stadt bleiben, trotz der horrenden Preise für Übernachtungen, die sich die Novadis hier leisteten.
Vor der Taverne die wir uns ausgewählt hatten – es war nicht sonderlich schwer gewesen, da es bloß zwei verschiedene gab – sah ich aus den Augenwinkeln wie das blonde Mädchen an Greifwins Geldbeutel herumnesselte und dann verschwand. Greifwin hatte etwas bemerkt, denn er sah sich misstrauisch um und versteckte dann seinen Geldbeutel unter seinem Hemd, sah aber auf und verschwand plötzlich in der Taverne.
Ich lief, schlimmes ahnend hinter ihm her und kaum durch die Tür getreten sah ich wie er mit dem Wirt sprach und dieser seine Hand etwa auf Hüfthöhe hielt und etwas zu beschreiben schien. Dann warf mir Greifwin einen verärgerten Blick zu und verschwand nach oben. Latu folgte ihm und ich ließ mich mit Leowulf an einem Tisch nieder und bestellte unser Abendessen.
Nach einiger Zeit kamen Greifwin und Latu wieder nach unten und nahmen bei uns Platz. Ich hatte angenommen, dass Greifwin für uns bezahlt hatte, da er so sorgsam darauf bedacht gewesen war, während der Namenlosen Tage unter einem Hausdach zu ruhen, lag damit aber nicht ganz richtig. Die Münze für unsere Übernachtungen stammte aus seinem Beutel, aber bezahlt hatte wohl das Mädchen. Zumindest hatte das der Wirt behauptet, auf Greifwins Frage hin. Na wunderbar. Jetzt liefen meine Einbildungen schon herum und bestahlen andere Leute um damit Zimmer zu bezahlen. Immerhin konnte ich einen ‚hab ich doch gesagt, dass sie keine Einbildungen sind‘ Blick hinüber zu Latu werfen, der mich wiederum seltsam ansah.
Wir aßen unser Essen und zogen uns dann für die Nachtruhe zurück in unser Zimmer. Leowulf bestand darauf vor dem Fenster zu schlafen – wenigstens konnte er hier keine Scheibe zerschlagen – und Greifwin sah aus, als wolle er Nachtwache halten…
Ich erwachte mitten in der Nacht durch einen Schrei. Greifwin stand nahe dem Fenster mit seinem komischen Schwert in der Hand und schaute nach draußen, stammelte etwas von einem Geist der gerade in einem Baum verschwunden war. Nichts Außergewöhnliches also, aber es hatte ihn in eine Panik versetzt die ich nicht ganz erklären konnte. Er trat einige Schritte von uns weg und in Richtung Tür, sah dann Latu an und schrie wieder. Dann wand er sich mir, der ich noch am Fenster stand, weil ich den Geist hatte sehen wollen, zu und behauptete ich hätte keinen Unterkiefer mehr. Und Latu Geschwüre im Gesicht. Latu sah allerdings nicht anders aus als sonst. Dann trat Leowulf auf ihn zu und wollte ihn beruhigen, aber Greifwin schlug mit dem Schwert nach ihm und fiel rücklings auf den Boden – und was viel schlimmer war, jetzt konnte ich die Ursache des ganzen erkennen, denn hinter ihm stand das kleine schwarzhaarige Mädchen und hatte ihre Arme in seinem Körper versenkt, rauchähnlich und zog sich mit Greifwin weiter durch die Tür in Richtung Flur zurück.
Was war das jetzt schon wieder? Das hatten sie doch noch nie gemacht? Nicht das er so was nicht manchmal verdient hätte, aber trotzdem… so was sollte nicht möglich sein. Ich folgte Greifwin in einiger Entfernung, da Latu immer wieder sagte, dass er bloß stehen bleiben müsste, so dass er ihm helfen konnte.
Vor dem Baum draußen neben der Taverne erwischte ich ihn und ließ ihn mittels eines Imperavi anhalten und stehen bleiben. Er schlug immer wieder um sich und kämpfte gegen etwas, dass ich nicht sehen konnte. Das Mädchen grinste hingegen frech zu mir herüber.
Latu, der mit Leowulf gefolgt war, trat an Greifwin heran und murmelte leise Worte auf ihn ein. Eine sehr uninteressante Sache, aber ich beobachtete die Reaktion des Mädchens und dieser schiene die Sache zu missfallen, denn sie zog mit einem verärgerten Ausdruck auf ihrem Gesicht die Arme aus Greifwin und zog sich mürrischen Blickes in eines der Häuser neben der Taverne zurück.
Greifwin ließ sich jetzt von uns wieder ins Bett führen und wir konnten weiterschlafen, auch wenn ich den Rest der Nacht grübelnd verbrachte.

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