A Time of War

The BattleTech RPG

Das BT Universum ist mit 2 eigenen Romanserien, diversen Computerspielen und MMOs und einer über zwanzigjährigen Tabletop-Historie eines der am intensivsten und bildhaftesten Fantasy bzw. Science-Fiction Universen auf dem Markt. Zu wenigen Universen liegen so viele Hintergrundmaterialien vor und selbst das Tabletop selbst bietet ja mit dem XP-System bereits ein gewisses Rollenspiel-Element für die Piloten der Kampfkolosse an. Was liegt da näher, als das BT-Universum selbst als  Setting für ein Rollenspiel heranzuziehen?

Mit „A Time of War“ (AToW) legt Catalyst Game Labs derzeit die aktuelle Version des offiziellen BT-Rollenspiels vor. Die Spieler haben hier nicht nur die Möglichkeit, in die Rolle von Mech-Jockeys und Luft/Raum-Piloten zu schlüpfen, das Regelwerk bietet zudem auch die Option, als „Schlammstampfer“ (Infanterie), Spion oder jeder anderen nur erdenklichen Charakterfigur aus dem BT-verse zu spielen. Zugegeben, meiner Meinung nach liegt der eigentliche Schwerpunkt und der wahrscheinlich häufigste Spielercharakter-Ansatz schon im Spielen von MechKriegern. Aber es ist doch schön, all diese anderen Möglichkeiten zu haben.

Bezüglich des Designs ist AToW ein wirklicher Hingucker geworden: Das solide Hardcover ist voll in Farbe gehalten, die etwas über 400 Seiten sind durchgehend illustriert. Zumindest mein Geschmack ist von der Illustration getroffen.
Das Layout ist zweispaltig und in relativ kleiner Schriftgröße gehalten. Denn AToW brist schier vor Informationen. Trotz der durchgängigen Bebilderung erwarten den Leser schiere Textwüsten (im positiven Sinne 😉 ). Gerade hier  macht sich aber auch das durchdachte Layout bezahlt: Eine Icon-Leiste am Seitenrand zeigt dem Leser übersichtlich auf, in welchem Kapitel er sich gerade befindet und das Regelwerk ist sinnvoll mit Kreuzreferenzen und einem guten, funktionalen Stichwortverzeichnis versehen.
Das Regelwerk bietet einen groben Überblick über die politischen Fraktionen der Inneren Sphäre sowie der Clans. Wobei die Bezeichnung „grob“ hier durchaus angemessen ist. Anders ist das aber aufgrund der schieren Fülle an Informationen, die BT-Fans über ihr Universum bereits vorliegen haben, gar nicht anders zu bewerkstelligen. Sicherlich mag ein Einsteiger sich hier etwas verloren und verlassen fühlen, aber zumindest die Basisinformationen sind gegeben. Fans werden sich wohl eher weniger im Regelwerk über die einzelnen Fraktionen informieren, als mit Hilfe der zahlreichen Zusatzpublikationen und Supplements oder eben der beschriebenen Romanen. Wobei ja alleine die Romane eine Storyline von über hundert Jahren umfassen und somit auch dem Setting völlig unterschiedliche politische Verhältnisse  zu Grunde liegen können. Fans ist dieser kontinuierliche Fluss des Metaplots natürlich vertraut. Anfänger müssen sich hierbei hingegen am besten vertrauensvoll in die Hände eines erfahreneren Spielleiters begeben. Dazu ist der „Metaplot-Zwang“ bei BattleTech (mMn) einfach zu groß. Allerdings ist dieser Umstand den Machern durchaus bewusst. Statt also den Versuch, das Universum voll verständlich zusammenzufassen, so ohne weiteres stehen zu lassen ist in der Einleitung auch (völlig uneigennützig 😉 ) eine Übersicht der restlichen BT-Produkte gegeben. Hier wird auch Einsteigern erklärt, welche Produkte sie wie nutzen können, um sich entsprechendes (notwendiges) Hintergrundwissen anzueignen.

AToW selbst arbeitet (um mit dem W6-basierten TableTop halbwegs kompatibel zu sein) mit einem W6-basierten System. So gut wie alle Würfe werden mit 2W6 gegen einen variablen Wert ausgeführt, der die Schwierigkeit darstellt. Ein Charakter, der Beispielsweise Stärke 8 und Reflexe 6 hat, könnte um seine Balance halten zu müssen, gegen einen Zielwert von 18 würfeln. Das bedeutet, er muss mit 2W6 + Modifikator (hier 8 + 6 = 14) die Schwierigkeit 18 übertreffen. Er sollte also mindestens eine 4 mit 2W6 schaffen… Simpel und manchmal etwas grob, aber funktional.

Um einmal eine Formulierung aus dem Aktion-Abenteuer-Forum aufzugreifen: Für die Charaktererstellung braucht man beim BT RPG fast schon ein abgeschlossenes Studium. Sie ist hier extrem umfangreich beschrieben und extrem komplex. Wieder ein Punkt, der das System wenig einsteigerfreundlich macht. Aus einer Vielzahl von Listen können anhand eines Lebenslaufsystems verschiedene Ereignisse und Karrieren baukastenartig zusammengefügt werden, so dass für jeden Charakter eine Lösung dabei sein sollte. Primär ist das Ganze als Kaufsystem ausgelegt. Würfel-Puristen können sich natürlich auch die Karriere auswürfeln. Dadurch wird es dem Spieler jedenfalls möglich sehr „greifbare“ Charaktere zu spielen, die aber eben auch schon eine gewisse „Reife“ und Erfahrung haben können. Je nach Setting ist es aber auch gerade wegen des in BT omnipräsenten Metaplots unter Umständen schwierig, eine fraktionenübergreifende SC-Party sinnvoll zu erstellen. Der Spielleiter sollte deswegen bei der Charaktererstellung auch gezielt ein Auge auf die Kompatibilität der Spielercharaktere und ihrer Vorgeschichten haben. Auch hier ist eben wieder gezielt ein erfahrener Spielleiter fast schon „zwingend“ notwendig.

Das Kampfsystem ist zwar nicht direkt mit dem Kampfsystem des Tabletops identisch, jedoch wurde Wert darauf gelegt, dass die beiden Systeme grundlegend kompatibel sind. Die Steuerung von Mechs beispielsweise ist im Tabletop wesentlich grobgranularer abgehandelt, die Proben lassen sich jedoch für das RPG umrechnen. Alternativ kann man aber auch beide Systeme ergänzend zueinander verwenden: So ließen sich beispielsweise einige Szenen als Tabletop abhandeln während dann für andere Szenen wieder zurück in das Rollenspielsystem gesprungen würde. Das liefert alles in allem ein Spielerlebnis, wie es sich kaum mit anderen Rollenspielen oder Tabletops vergleichen lässt, weil es eben eine Verschmelzung der beiden Genres ermöglicht. Einzelne Tabletop-Sessions lassen sich so über Handlungsbögen verbinden. Alleine schon die Vorstellung weckt in mir die Lust, so etwas einmal als Spieler oder Spielleiter auszuprobieren!

Insgesamt lässt sich jedoch sagen, dass die TT-Herkunft AToW anzumerken ist: Das System hat detaillierte Regeln für Bewegung und ist meiner Meinung nach definitiv auf die Verwendung mit einer Battlemap optimiert bzw. darauf ausgerichtet. Man kann es sicherlich auch ohne Battlemap spielen, aber man merkt dem System an, dass es mit dieser Option im Hinterkopf entwickelt wurde.

Insgesamt ist das ganze Regelwerk gespickt mit Tabellen. Wer also eine leichte Allergie dagegen hat, für den ist das System nur bedingt geeignet. Wer aber gerne und gut mit Tabellen arbeitet, dürfte daran seine Freude haben. Zudem sind die wichtigsten Tabellen am Ende des Buches noch einmal zusammengefasst – mit entsprechenden Seitenangaben. Also durchaus durchdacht und anwenderfreundlich gestaltet!

Ein komplettes Kapitel widmet sich dem Thema Equipment.  Seitenweise Stats-Tabellen, teilweise aufgelockert durch Illustrationen. Nun, was gibt es groß über ein Arsenal zu sagen? Es ist da, es ist recht gut gelungen. Passt!

Im Kapitel Gamemastering Guide widmet sich AToW dem Leiten von Spielsitzungen und den besonderen Eigenarten von BT: Denn BattleTech spielt nicht in einem einzelnen Land oder auf einem einzelnen Planeten, sondern in einem ganzen Universum, in dem sich die Menschheit über eine Unzahl an Planeten ausgebreitet hat die alle die unterschiedlichsten kulturellen Ausprägungen haben.
Demnach gibt es kein „klassisches“ BT-Abenteuer oder Setting in dem gespielt werden könnte. Es gibt unzählige. Doch zurück zum Gamemastering Guide: Hier werden zum einen generelle Tips zum Spielleiten gegeben – man kennt es ja.
Leider fehlt aber ein voll ausgearbeitetes Einführungsabenteuer. Wieder ein Aspekt, der eher dafür spricht, dass sich AToW an bereits rollenspielerfahrene Nutzer wendet. Statt dessen sind  vier kleine „Onesheets“ enthalten, die grobe Abenteuerideen skizzieren. Des weiteren sind einige Beispielplaneten aus den wichtigsten Fraktionsgebieten ausgearbeitet mit umrissenen politischen und geografischen Lagen. Also leider nichts, was man „ready to use“ mal eben schnell umsetzen könnte.
Schade! Gerade ein voll ausgearbeitetes Abenteuer hätte dem Regelwerk in meinen Augen sehr, sehr gut getan!

FAZIT:
Ich selbst würde so weit gehen, mich als „BattleTech-Fan“ zu bezeichnen. Zwar habe ich keine jahrzehntelange TableTop Historie vorzuweisen, aber ich habe das TT gespielt und die gesamte Romanserie verschlungen. Ich kenne mich mit dem Hintergrund aus und habe meine ganz eigenen Charaktere und Fraktionen im BT-Universum lieb gewonnen. Trotzdem muss ich sagen: Durch die überdetaillierte Charaktererstellung und den extrem komplexen Hintergrund ist A Time of War definitiv kein Rollenspiel für Anfänger. Zumindest werden sich Anfänger damit extrem schwer tun. Das Regelwerk wendet sich mehr oder weniger gezielt an BT Fans die bereits Erfahrungen mit Rollenspiel haben und nun ihre Kampagnen und Tabletop-Schlachten mit einem zusätzlichen rollenspielerischen Element versehen möchten. Sicherlich können auch Anfänger unter den Fittichen eines „alten BT Hasen“ hier Fuß fassen. Andere Regelwerke und Settings schaffen hier jedoch einen deutlich einsteigerfreundlicheren Ansatzpunkt und wirken deutlich weniger abschreckend.
Nichts desto trotz hat das System aber auch seine Stärken: Das Lebenslauf-Charakterprinzip schafft eine wesentlich intensivere Identifikation der Spieler mit ihren Charakteren und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass mit dem Regelwerk stimmungsvolle Szenarien und Spielabende möglich sind. Nicht, dass das neu wäre:. Traveller bietet beispielsweise ebenfalls ein Lebenslaufsystem (und war zudem vorher schon da 😉 ), BT ist jedoch sicherlich auch aufgrund der Tabletop Vergangenheit sehr, sehr gut geeignet, das Ganze mit einer taktischen Simulation und einem präzisen Kampfsystem zu koppeln (welches ich persönlich beispielsweise bei Traveller eher als „grob umrissen“ empfinde).

Ich für mich selbst muss aber auch ganz ehrlich sagen, dass ich mit meiner Rollenspielgruppe dieses System vermutlich nie spielen werde. Dazu haben wir einfach einige Leute in der Gruppe, die bisher noch nie Berührung mit BT hatten und für die ein „Heranführen“ an die BT-Thematik zu aufwandsreich und hintergrundintensiv wäre.

Alles in allem lässt sich jedoch ruhigen Gewissens sagen, dass das Regelwerk das, was es bieten möchte, GUT bietet. Auch wenn es sich primär an Fans richtet. Für diese macht es seinen Job aber sehr gut. Einsteiger sollten vielleicht erst einmal mit einem anderen System generell beginnen Rollenspiele zu spielen und sich anhand anderer Medien mit dem BT-Universum vertraut machen, bevor sie zu A Time of War greifen. Sobald sie dies dann jedoch einmal getan haben und Lust auf Rollenspiel im BT-Verse haben, ist A Time of War genau das richtige Produkt für sie!

Dass man auch mit Hilfe anderer Systeme wie beispielsweise Savage Worlds hervorragend in einem BT-Verse spielen könnte, ist natürlich eine komplett andere Sache (sei aber der Vollständigkeit halber trotzdem erwähnt).

Ich muss jedoch auch eingestehen, wenn ich nicht bereits ein BattleTech-Fan gewesen wäre und das entsprechende Hintergrundwissen über das Spiel-Universum gehabt hätte, wäre ich nach dem Kauf von A Time of War wahrscheinlich vom Produkt enttäuscht gewesen…

Also, Augen auf beim Rollenspiel-Kauf und viel Spaß beim Spielen!
Euer Durro

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