Im Rollenspiel ist (fast) alles Western

Ein Beitrag zum Karneval der Rollenspiel-Blogs von Infernal Teddy

Zornhau, einer der Großen Alten der deutschen Rollenspielszene, ruft diesen Monat zum Karneval auf, und das gewählte Thema ist „Western in anderen Genres“ (Diskussionen gerne im Forum), wobei ich ehrlich gesagt nach seinem wortgewaltigen Eingangsbeitrag schon eher den Eindruck habe, es geht eher um Western im Rollenspiel im allgemeinen. Ich habe natürlich angefangen, mir Gedanken zum Western im Rollenspiel zu machen – schließlich wird „Cowboys und Indianer“ immer gerne als eine der „Vorstufen“ zum Hobby zitiert, und das haben wir ja alle mal gespielt. Ich komme beim Western-Thema auch immer sehr schnell auf Steampunk, schließlich ist ja das Viktorianische, auf dem Steampunk (meistens) beruht, co-temporär mit dem Wilden Westen, aber ich dachte, ich hebe mir den Aufsatz zu „Steampunk RPGs ohne Western sind keine richtigen Steampunk RPGs“ auf. Mir ist nämlich aufgefallen das die beiden größten Rollenspielgenres, Fantasy und SF, als Rollenspiele sehr stark auf den Western zurückgehen. Lasst mich mal etwas ausholen, vielleicht wird dann klarer worauf ich hinaus möchte.

Fantasy:
Wir kennen ja alle die Herkunft und die Entwicklungsgeschichte von D&D und damit des Rollenspielhobbys, und wie sich das alles vom historischen Miniaturenspiel ableitet, aber wenn man da mal beginnt zu kratzen merkt man den Einfluss des Westerns knapp unter der Oberfläche. Schaut man sich die klassische Abenteuerergruppe an, so hat man oftmals eine kleine Gruppe verwegener Individuen, welche durch eine Wildnis umherwandern, kompetenter sind als die meisten Menschen ihrer Umgebung, um dort, wo sie hinwandern, das Richtige zu tun, bzw. der Gerechtigkeit genüge zu tun, egal was das Recht dazu zusagen hat. Dabei sind die Charaktere oftmals auf den ersten Blick nicht weniger furchterregend als es ihre Gegner sind. Klingt ja schon ein wenig wie die Protagonisten aus einschlägigen Filmen und Geschichten, oder? Dieser stark ausgeprägte Individualismus, der Einzelne, welcher seiner Umwelt seinen Willen aufzwingt ist ein Archetyp, welcher noch aus der Gründungszeit der USA stammt, und auch heute noch deren Kultur prägt. Dieser „rugged individualism“ ist es auch, der die moderne Vorstellung des Abenteurers noch stärker prägt als die klassischen Heroen.

Science Fiction:
Hier finden sich gleich zwei archetypische Konzepte des Westerns, welche sich (auch) im Rollenspiel wiederfinden, welche ich anhand der dazugehörigen Medien präsentieren möchte: Star Wars und Star Trek. Star Wars ist natürlich der Aufstand gegenüber der Kolonialmacht, sprich die Dreizehn Kolonien gegen England. Das ist zeitlich zwar etwas vor dem klassischen Western angesiedelt, aber wenn man die Leatherstocking Tales (und da vor allem The Last of the Mohicans) dem Genre zurechnet, kommen wir dem Thema wieder näher. Das spiegelt sich im Falle von Star Wars sogar in der Optik wieder, bei der viele der Rebellentruppen in Erdfarben oder in Leder präsentiert werden, während die Anführer des Imperiums, vor allem Grand Moff Tarkin und die Admiräle mit ausgeprägtem englischen Akzent sprechen. Han Solo wird oft mit Freibeutern des klassischen Piratenfilms verglichen, aber auf mich wirkte er immer – auch dank der Hose im ersten Film – wie ein Cowboy. Zu Star Trek muss man denke ich diesbezüglich nicht viel sagen – gerade in Klassik mögen die Szenen zwischen den Sternen vielleicht eine Mischung aus Horatio Hornblower und U-Boot-Krieg sein, aber alles in allem stellt die Serie sehr gut den „Wagenzug nach Westen im Weltraum“ dar. Traveller schafft es sehr gut, diese beiden Haupteinflüsse (und seien wir mal ehrlich, Trek und Wars haben wohl mehr Einfluss auf das, was tatsächlich gespielt wird, als alle literarischen Einflüsse) in eine Einheit zu packen, und zu beiden Settings gab es auch mehr als ein Rollenspiel.

Man könnte jetzt natürlich weiter gehen, und darüber diskutieren, dass der Superheld, wie er aus den Comics und den Pulps stammt, auf den „Lone Lawman“ des Westerns zurückgeht, aber ich denke, man kann hier schon erkennen, dass in meinen Augen fast alle Spielarten unseres Hobbys sich auf den Western zurückführen lassen. Einzig beim Horror kann ich keine Verbindung feststellen – Edgar Allen Poe, der Begründer der modernen Horror-Story ist zwar ein Zeitgenosse des „American Frontiers“, aber da finden wir die Inspiration eher im klassischen Schauermärchen…

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