Sid Meyer’s Civilization

Das Brettspiel

„Civilization“ ist seit Jahren ein fester Begriff für Computerspiel-Fans: Rundenbasierte Aufbaustrategie und Wirtschaftssimulation, man führt als Staatsoberhaupt eine Nation aus der Steinzeit in die Moderne, regelt das Erforschen überlebensnotwendiger Technologien, treibt Handel, wacht über den Ausbau seiner Städte oder bekriegt andere Nationen. Für Fans der Spielreihe kommen nur wenige andere Spielkonzepte an das von „Civ“ heran. Nun liegt mit „Sid Meyer’s Civilization – Das Brettspiel“ der meines Wissens schon zweite Versuch einer Brettspielumsetzung vor. Das Original ist bei Fantasy Flight Games erschienen und wird in der deutschen Ãœbersetzung in unseren Landen vom Heidelberger Spieleverlag vertrieben. Im Zuge unserer neuen Partnerschaft mit den „Heidelbären“ waren diese so freundlich, uns ein Rezensionsexemplar des Brettspiels zur Verfügung zu stellen – und als Civ-Fan konnte ich mir das natürlich nicht entgehen lassen und musste mir das genauer anschauen!

OPTIK, VERARBEITUNG UND VERPACKUNG

Das Spiel liegt mir in sehr ordentlicher Verarbeitung vor. Die Spielfiguren bestehen aus Plastikspritzguss, auch als Maschinenbauingenieur mit einer Hauptvorlesung in Kunststofftechnik konnte ich keine Spritz- oder Formfüllfehler entdecken 😉 Das verwendete Polymer macht sowohl optisch als auch haptisch einen ordentlichen und angenehmen Eindruck.
Nach der Inspektion der Figuren beginnt das große Gestanze! Aus 8 Papp-Bögen müssen buchstäblich hunderte Spielmarker ausgedrückt werden. Der Verlag hat aber mitgedacht und dem Spiel ausreichend wiederverschließbare Plastikbeutel beigelegt. Dadurch wird die Aufbewahrung der Spielmaterialien deutlich angenehmer und ein Aufbau ist zwar immer noch aufwändig, aber artet nicht komplett in Spielmarker-Suchen und –Sortieren aus! Sehr angenehme Maßnahme! Danke!
Der Spielplan, die Spielplan-Legeplatten und die Spielmarker sind ordentlich bedruckt, die Pappe stabil. Auch hier kann man nicht meckern. Alles in allem bekommt man hier die vom Heidelberger Spieleverlag gewohnt hohe Qualität.

SPIELPRINZIP UND UMSETZUNG INS BRETTSPIEL

Das Spielprinzip hat sich im Grunde genommen im Vergleich zu den PC-Spielen kein bisschen geändert: Jeder Spieler wählt eine Nation aus (es stehen 6 verschiedene zur Verfügung) und leitet dieses durch die Geschicke der Zeitalter.
Dabei ist es möglich ein Volk auf verschiedene Arten zum Sieg zu führen: Ein Militärsieg winkt dem, der es als erster schafft, eine beliebige andere Hauptstadt einzunehmen, ein Wirtschaftssieg wird erreicht, sobald man eine bestimmte Anzahl an Goldmünzen sammeln konnte, der Technologiesieg stellt die Erforschung der Technologie „Raumfahrt“ dar und ein Kultursieg ergibt sich, wenn man eine bestimmte Anzahl an Kulturstufen aufgestiegen ist. Alleine durch diese vier verschiedenen Siegesbedingungen sind – noch dazu auf Grund der unterschiedlichen Spezialisierungen der vorliegenden Völker – vielfältige Taktiken möglich.

Nun, so viel zum Spielprinzip allgemein. Gehen wir ein klein wenig tiefer ins Detail, damit verständlicher ist, wie eine klassische Runde Civ abläuft.
Zunächst einmal zum Spielbrett: Der Spielbereich besteht aus einzelnen, quadratischen Platten, die jeweils 16 Felder enthalten, die Regionen mit Rohstoffen, einem Handels-Wert und einem Wert für Produktion darstellen. Diese Felder werden gemischt und je nach Spieleranzahl in einem festen Muster verdeckt ausgelegt. Das – und die Tatsache, dass die Felder je nach dem von welcher Richtung sie erkundet wurden anders aufgedeckt werden – sorgt für ein nahezu jedes Spiel anders gestaltetes Spielfeld.

Die einzelnen Zivilisationen verfügen über separate Startfelder, über die wiederum ein sehr gutes Balancing erreicht wurde.

Jede Nation verfügt bei Spielbeginn über eine einzelne Hauptstadt, sowie eine Pionierfigur und (idR) eine Armeefigur. Die Pionierfiguren erfüllen dabei eine Multifunktionsrolle: Zum einen ermöglichen sie es einer Stadt, mehr als nur die umliegenden Felder zur Rohstoffgewinnung oder als Bonus zu gewinnen. Des Weiteren können mit diesen Figuren an lohnenden Stellen neue Städte gegründet werden. Und diese Stellen sollte man sich auch gut aussuchen, denn bei Civ kann man insgesamt pro Nation nur maximal 3 Städte besitzen!  Jede Stadt verfügt – abhängig von den Feldern in ihrem Einflussbereich – zwei klassische Ressourcen: Handel und Produktion. Mit Produktionspunkten können in der Stadt Gebäude, Einheiten oder Weltwunder gebaut werden. Handelspunkte können dazu verwendet werden, neue Technologien zu erforschen, oder in einem Verhältnis von üblicherweise 3 zu 1 in Produktionspunkte getauscht werden. Und natürlich können sie auch unter Spielern gehandelt werden 😉
Pro Runde kann in einer Stadt idR eine von drei Aktionen durchgeführt werden:

– die Stadt kann wie oben beschrieben Gebäude, Einheiten oder Weltwunder bauen

– die Stadt kann einen der in ihrem Einflussbereich liegenden Rohstoffe abbauen

– die Stadt kann sich den Künsten widmen und sog. „Kulturpunkte“ erzeugen, die zum Fortschritt auf der Kulturleiste genutzt werden können

Die oben genannten Armeefiguren kennzeichnen den Standort einer Armee, allerdings ist daraus noch nicht die Zusammensetzung einer Armee ersichtlich. Bei Civilization gibt es 4 verschiedene Einheitentypen (Infanterie, Kavallerie, Artillerie und Flugeinheiten). Diese können in Form von Handkarten in den Städten produziert werden. Je nach Technologielevel ist es möglich unterschiedlich viele Armeefiguren zusammen zu ziehen und auf einem Spielfeld zu platzieren. Die Anzahl der Armeefiguren stellt die maximale Anzahl an Truppen dar, die in einer einzelnen Armee enthalten sein können. Kommt es zum Kampf zwischen zwei Armeen oder einer Armee und einer Stadt, so wird eine bestimmte Anzahl an Einheitenhandkarten aus dem Vorrat des Spielers zufällig gezogen. Dies ist vor allem deshalb interessant, weil auch gleiche Einheiten sich ihrer Kampfstärke leicht unterscheiden (üblicherweise im Bereich von 1 bis 4 + Techstufe).
Beim Kampf legen die beiden Spieler abwechselnd ihre Karten aus. Die einzelnen Einheitentypen sind dabei nach einem Schere-Stein-Papier-Prinzip in Trümpfen gestaffelt, die es ihnen ermöglichen ähnlich wie bei Magic mit Erstschlag Schaden zu verursachen (Infanterie hat z.B. Erstschlag gegen Kavallerie und Artillerie gegen Infanterie).  Gewonnen hat am Ende des Kampfes derjenige, der die meisten Kampfpunkte inne hat. Die werden durch überlebende Einheiten aber auch durch Boni wie Kasernen oder große Generäle bestimmt. So sind durchaus auch Phyrrus-Siege möglich! Das Kampfsystem ist auf den ersten Blick ein kleines bisschen ungewohnt, aber meiner Meinung nach durchaus passend gestaltet. Einziger Kritikpunkt meinerseits daran: Während des Kampfes ist es nicht deutlich ersichtlich, welche Einheiten von welchem Spieler ausgespielt wurden. Im Spiel sind so viele Marker enthalten, da hätte man auch noch 10 oder 20 Marker vorsehen können, mit denen man einzelne Einheiten markieren könnte!

Die Komplexität des Spieles wird durch Kulturereigniskarten erhöht, die gezogen werden, wenn man eine Kulturstufe aufsteigt. Aber auch die zwölf Weltwunder tragen ihren Teil zur Spieltiefe bei.
Spieler des Computerspiels werden viele Elemente wiedererkennen. Man kann dabei durchaus sagen, dass Civ hier „genau so wie das Computerspiel ist, nur bezüglich der dahintersteckenden Mechaniken völlig anders“. 😉

Für das Spiel sollte man übrigens genügend Platz haben, ein richtig großer Tisch sollte es schon sein, sonst könnte es eng werden:

FAZIT

Civilization ist in aller erster Linie ein Spiel für Fans. Nicht etwa deswegen, weil es so schlecht wäre, dass nur Fans daran Gefallen finden könnten – im Gegenteil: Civ ist eines der fesselndsten und tiefgründigsten Strategie-Brettspiele, die ich gespielt habe. Aber Civ richtet sich in erster Linie an Spieler, die genau diese Art Spiele bevorzugen: Umfangreich, komplex, viele Optionen, detailreiche Regeln. Bei unserer ersten Spielerunde haben meine Mittester und ich alleine für das gemeinsame Durcharbeiten der Regeln und den parallelen Aufbau gut zwei Stunden gebraucht (Allerdings auch nur beim ersten Mal)!  Gelegenheitsspieler oder Leute, die nur auf ein schnelles, kurzes Spiel aus sind, können dadurch sicherlich leicht abgeschreckt werden!
In meinen Augen ist es aber keinesfalls schlimm, dass sich Civ auf besagte Vielspieler konzentriert, denn das, was es bieten will, liefert es hervorragend: Eine taktisch-strategische Wirtschafts- und Zivilisationssimulation die den Spielern vielfältige Möglichkeiten bietet und eine beindruckende Bandbreite an Taktiken zulässt und fördert. Civ bietet den Spielern eine nachmittags- bis tagesfüllende Spielzeit. Die 2 bis 4 Stunden Spieldauer, die auf der Packung angegeben werden, konnte ich mit meiner Testrunde nur mit 2 oder 3 Spielern verwirklichen. Zu viert sind 4 bis 5 Stunden realistischer – allerdings hatte bisher auch noch niemand von uns versucht, einen „Rush-Sieg“ zu erreichen.

Ich persönlich habe jetzt jedenfalls neben „Der Eiserne Thron“ ein weiteres Lieblingsspiel und kann Civ nur jedem empfehlen, der sich selbst vorstellen kann, einen Samstag Nachmittag/Abend für eine einzelne Spielerunde zu investieren! Mit ca. 40€ ist Civ noch dazu in einem für Familien- und Brettspiele durchaus typischen Preissegment angesiedelt. Wem übrigens die Kompexität des Basisspieles noch nicht ausreicht, der kann diese mit der Erweiterung „Civilization: Ruhm und Reichtum“ weiter ausbauen, die noch dazu das Spiel zu fünft ermöglicht!

Mehr darüber zu schwärmen hieße wohl, Eulen nach Athen zu tragen. Daher kann ich Euch nur dringend raten, das Spiel selbst auszutesten, wenn ihr auf umfangreiche Brettspiele steht!

Frohes Zocken!
Euer Durro

 

 

Mit freundlicher Unterstützung in Form eines Rezensionsexemplars und durch Bildmaterialien vom Heidelberger-Spieleverlag www.heidelberger-spieleverlag.de

 

Sid Meyer’s Civilization – Das Brettspiel
erschienen beim Heidelberger Spieleverlag
www.heidelberger-spieleverlag.de
Autor: Kevin Wilson
ArtNr: HE335
EAN: 4015566011434
UVP: 39,95€

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