Wie gute P&P-Charakter entstehen

Ein Gastartikel von Tina

Die Idee zu diesem Artikel entstand aus einer Diskussion in einer WhatsApp Gruppe, in der gefragt wurde, was einen guten Charakter ausmache. Die Antworten lauteten zusammengefasst: „Wenn er Spaß macht“, „Wenn er Tiefe besitzt“, „Wenn er ein echtes Individuum ist.“ Es ist schwer diesen Aussagen zu widersprechen, andererseits ist es auch schwer aus ihnen konkrete Handlungsanweisung abzuleiten.

Wie schwierig das Thema ist, fiel mir jedoch erst richtig auf, als mein Spitzboden freigeräumt werden musste und ich eine ganze Kiste mit alten Charakterbögen fand. Ich spiele seit über 20 Jahren, in wechselnden Gruppen und ungezählten Systemen, so hatten sich hier 35 Charaktere angesammelt, alle erfüllten die oben genannten Kriterien, sie hatten alle samt unheimlich Spaß gemacht, hatten charakterliche Tiefe, ihre ganz individuelle Art und eine bewegte Geschichte. Doch ansonsten hatten sie nichts gemeinsam: Sie waren alle völlig unterschiedlich entstanden, sie bestanden aus verschiedenen Informationstypen und Informationsmengen – zum einen hatte ich Romane geschrieben, beim anderen war der Charakterbogen noch nicht einmal vollständig ausgefüllt. In ein und dem selben System, bestand der eine Charakter nur aus Zahlen, während beim andere noch nicht einmal die Grundwerte ausgewürfelt waren.

Während ich diesen Stapel an Bögen durchging und mir bewusst wurde, dass ich beim bauen von jedem einzelnen Charakter völlig anders vorgegangen und jedes mal bei einer völlig anderen Form von „Gutem P&P-Charakter“ gelandet bin, verwarf ich den Versuch in diesem Artikel eine Anleitung zum Charakterbau zu formulieren. Stattdessen begann ich zu überlegen, wie es zu den Unterschieden zwischen meinen Charakteren gekommen ist und welcher Aspekt, trotz all der Unterschiede dafür gesorgt hat, dass sie alle funktioniert haben.

Kommunikation
P&P basiert auf Kommunikation, egal wie viele Miniaturen, Charakterbögen, Würfel, Stimmungsbilder und Hintergrundmusik man einsetzt, das was zählt, ist das, was man sagt. Ich glaube, dass darin das erste Geheimnis guter Charaktere liegt.

Gute Charaktere werden gut kommuniziert.

Dies ist meiner Meinung nach der Aspekt, den wir meinen, wenn wir sagen, dass gute Charaktere einen Hintergrund brauchen. Wenn wir einen Charakter gut kommunizieren, ihn den anderen also so erzählen, dass sie eine Vorstellung von ihm haben, dann hat unser Charakter einen Hintergrund, egal ob wir diesen vorher festgelegt haben, oder ihn uns spontan aus den Fingern saugen. Anfängern zu raten, ihren Charakteren im Voraus eine Hintergrundgeschichte zu geben, ist daher nicht falsch, ein paar Schlagworte und Vorstellungen im Hinterkopf zu haben ist am Anfang sicher hilfreich. Doch es kommt oft genug vor, dass der Neuling trotz vollständiger Vita seines Charas nur stumm am Tisch sitzt, weil er seine Gedanken und Ideen mit dem aktuellen Spielgeschehen nicht zusammen bekommt oder dass er glaubt den halben Roman den er zusammengeschrieben hat, der Runde geballt erzählen zu müssen.

Viel relevanter als die Hintergrundgeschichte selbst, ist also ein angemessener Rahmen sie im Spiel auch zu kommunizieren und anzuwenden. Diesen Rahmen schaffen die Gruppen aber sehr individuell; die einen kommunizieren ihre Charaktere über Wertetabellen, andere durch stundenlange InGame Dialoge. Erfolgreich ist diese Kommunikation immer dann, wenn sie auf gleicher Augenhöhe stattfindet. Das heißt, dass man Informationen über seinen Charakter nicht in den leeren Raum stellt, sondern immer an einen Zuhörer richtet und wenn man das tut, muss man sich die Frage stellen: Wieso ist die Information über meinen Charakter für den gegenüber relevant?

Der Trick bei guten Charakteren ist also nicht, dass sie eine Hintergrundgeschichte haben und verschiedene Fassetten, sondern dass sie aus Informationen bestehen, die
für die Gruppe relevant sind. Mein Anfängertipp beim Charakterbau lautet daher:

Baut den neuen Charakter während des Spiels.

Startet mit einem leeren Charakterblatt und einem offenen Konzept, das führt dazu, dass jede Aktion des neuen Spielers kommuniziert und diskutiert werden muss. Dadurch bekommt der Neuling ausreichend Platz in der Gruppenkommunikation und bekommt zu all seinen Ideen und Vorstellungen sofort Feedback, wodurch er diese ggf. anpassen kann. Dadurch entsteht ein Charakter im Stil der Gruppe, weil nur die Dinge in den Charakterentwurf reinkommen, die für die Gruppe und das Spiel auch wichtig sind.

Es entstehen keine Leerstellen, die von der Gruppe als unausgereiftes Charakterkonzept wahrgenommen werden, es gibt aber auch keinen „Überschuss“, der unter die Räder des Spiels gerät und den Neuling immer wurmt, weil er Arbeit reingesteckt hat, es aber nicht einbringen konnte. Auch gruppendynamisch ist dieses Vorgehen sehr angenehm, weil die Runde nicht stundenlang warten muss, bis der neue Charakter fertig ist, man spielt einfach weiter, und der Neuling wird nicht mit 100 Fragen gleichzeitig überfordert, sondern kann immer wieder die eine oder andere Frage beantworten und lernt ggf. auch das System nachhaltiger kennen. Außerdem bekommt man so auch den Spielstil und die Denkweise des neuen Mitspielers besser mit und kann besser beurteilen ob man auf einer Wellenlänge liegt.

Der Tipp funktioniert besonders gut, wenn Anfänger oder neue Spieler in eine bestehende Gruppe einsteigen. Aber auch, wenn sich eine Gruppe neu gründet ist es hilfreich, wenn man zuerst ins Abenteuer einsteigt und erst dann die Charaktere baut. Den Trick kennt man aus OneShots; der Spielleiter sagt an, was die Ausgangslage ist und die Spieler unterhalten sich darüber, was sie für Charas brauchen könnten und wer worauf Lust hat.

Konsequenz
Mit dem ersten Tipp habe ich den Anfängern beim Charakterbau alle Last von den Schultern genommen, denn den kommunikativen Rahmen für die Charaktererschaffung im Spiel müssen die Mitspieler und der Spielleiter schaffen. Trotzdem liegt die Verantwortung für gute Charaktere hauptsächlich bei einem selbst. Richtigerweise werden gute P&P-Charaktere als richtige Individuen beschrieben, also als Figuren mit Stärken und Schwächen. Es ist jedoch enorm schwer da eine ausgewogene Mischung hinzubekommen, wenn man sie im Voraus plant, weil es nun mal in der menschlichen Natur liegt sich ungerne Blößen zu geben. Es gibt zwar ungezählte Listen mit Eigenschaften, auch negativen, die man einem Charakter geben kann, doch wenn sie nicht zur Geltung kommen, bleibt der Charakter flach wie ein Brett. Dabei ist es gar nicht notwendig einem Charakter bewusst Nachteile zu geben, man muss nur die Vorteile die man nutzen möchte konsequent spielen:

Gute Charaktere werden konsequent gespielt

Wenn man einen Charakter wie im ersten Tipp beschrieben aus dem Spiel heraus baut, erschafft man ihn „punktuell“. Von Situation zu Situation bekommt er mehr Eigenschaften, diese können am Anfang alle samt positiv und zum Vorteil des Spielers sein, den irgendwann wird sich ein Widerspruch ergeben, der ganz natürlich zu einem Nachteil wird. Wenn man sich dafür entschieden hat, groß und breitschultrig zu sein, um eine Tür einrennen zu können, wird man in der engen Felsspalte feststecken. Ist man leichtfüßig und leise über die Dächer balanciert wird einem der bärbeißige Rausschmeißer wohl den Arm auskugeln. Was in der Erzählung ganz selbstverständlich entsteht, kann sich je nach System auch in Werten widerspiegeln, den irgendwann sind die Punkte, Würfel oder was auch immer, aufgebraucht. Jetzt ist es wichtig damit auch leben zu können. Versuch nicht dich rauszureden, diskutiere nicht mit dem Spielleiter, mach dir um Himmels Willen deinen eigenen Charakter nicht madig!

Es ist nicht deine Aufgabe einen Weg zu finden wie du die Regeln und deinen Charakter verdrehen kannst, um das zu tun, was dir gerade eingefallen ist, die Herausforderung besteht darin, dir etwas einfallen zu lassen, was zu den Begebenheiten passt. Ein Waldläufer ohne Orientierungssinn ist kein Fehler, er ist ein Individuum, das in der fiktiven Welt so funktioniert; wie das möglich ist, ist eben die Herausforderung an die Phantasie des Spielers.Rollenspiel ist wie gesagt Kommunikation, das heißt, dass man immer vorher darüber reden kann, was man tut. Stellt sich heraus, dass das im ersten Moment überlegte Vorhaben einen unmöglichen Würfelwert verlangt, dann ist dies vielleicht ein Hinweis darauf, dass der Charakter so etwas nicht tun würde. Natürlich neigt jeder Spieler, dessen Charakter in ein Handgemenge gerät dazu zu sagen, dass er sich wehrt. Wenn man dafür aber beispielsweise mit einem W100 eine 3%-Chance unterwürfeln muss, heißt konsequentes Spielen nicht, dass man würfelt, versagt und verprügelt wird. Es ist vollkommen in Ordnung die unmögliche Probe als Anlass zu nehmen, sich etwas anderes zu überlegen. Vielleicht so laut und schrill um Hilfe zu kreischen, dass dem Angreifer die Ohren klingeln und die halbe Nachbarschaft wach wird. Keine Heldentat, aber gutes und konsequentes Charakterspiel.

Mein Tipp lautet also:

Diskutiert nicht die Situation, sondern die Lösungsansätze.

Zwar sagt man, dass jeder Spieler für sich entscheiden muss, aber man diskutiert sowieso, also sollte man auch über das richtige Diskutieren. Dabei kann die Diskussion je nach Spielstil sehr unterschiedlich sein und sich sowohl auf der Ebene der Handlung, wie auch auf der Ebene von Spielmechaniken bewegen, wichtig ist, dass sie sich immer nur auf die Gegenwart bezieht und nicht darauf ausgelegt ist, etwas zu ändern, was im Spiel bereits passiert ist oder benutzt wurde. Jedes System, jeder Spielleiter, jedes Abenteuer, jeder Stil, jeder Spieler hat Schwächen, und daraus ergeben sich Stolpersteine, die unlogisch oder schwierig sind, oder auch einfach nur an unserem Ego kratzen. Aber in der Regel ist es nicht notwendig die Ursachen für solche Stolperstein zu beseitigen, es reicht völlig aus, sie konkret zu umschiffen. Bei Mensch ärgere dich nicht versucht auch keiner die Regeln oder die Figurenfarbe zu ändern, nur weil seine Figur rausgeschmissen wurde. Hält man sich an diesen Tipp entsteht ganz automatisch eine bessere InGame-Atmosphäre, auch wenn genauso viel diskutiert wird wie vorher. Denn wenn man nicht mehr darüber redet, ob man einen Wert ändern darf, sondern wie man seine Aufgabe mit den miesen Werten bewältigen kann, rutscht man automatisch ins Spiel. Diese Unterhaltungen können nämlich auch die Charaktere, die nichts von Spielmechaniken wissen, führen.

Fazit
Im Internet findet man viele gute Tipps zum guten Spiel und gutem Charakterbau. Doch gleichzeitig gibt es hunderte von Systemen, Settings und Spielstilen, die diese Tipps wieder relativieren. Doch sie alle basierten auf den beiden Grundsätzen: Kommunikation und Konsequenz.

Wenn man sich das bewusst macht, kann man vieles zusammenkürzen. Dann werden „Mit den anderen zusammenspielen“ und „den Spielleiter ausreden lassen“ zu Beispielen für gute Kommunikation. „Nachteile ausspielen“ und „individuell handeln“ zu Formen des konsequenten Spiels.Erfahrenen Spielern sind diese Grundsätze ganz unbewusst in Fleisch und Blut übergegangen und sie werden sie erfüllen, egal wie sie ihre Charaktere bauen. Doch wenn es darum geht Neulingen das Konzept Pen & Paper näher zu bringen, oder Konflikte in der Gruppe zu lösen, ist es hilfreich sich dieser Aspekte noch einmal ganz gezielt bewusst zu werden und sie genauso gezielt in das eigene Handeln einfließen zu lassen.

1 Kommentar zu Wie gute P&P-Charakter entstehen

  1. Gute Tips, nicht nur zum Charakterbau, sondern zum guten Spiel als Spieler!

1 Trackbacks & Pingbacks

  1. Gastartikel über Charakterbau – Holistische P&P-Gesellschaft Ruhrgebiet

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