Warum rechtschaffen gut eigentlich böse ist

Ein Beitrag zu Gesinnungs-Karneval von Caninus

Ich hatte es im Eingangsbeitrag ja schon angekündigt, dass mich genau dies Wortwahl dazu gebracht hat, das Thema überhaupt vor zu schlagen und ich möchte das Ganze jetzt mal etwas mehr erläutern was ich damit meine, denn zumindest aus DnD Sicht, ist das ja ein ziemlicher Unsinnssatz. Vorab die Frage: Hat wer von euch schon mal einen Charakter mit extremer Gesinnung, also dem strahlend guten, bzw absolut bösen versucht zu spielen? Ja? Oder hattet ihr einen solchen Spieler in der Gruppe? Dann wisst ihr vermutlich schon worauf ich eigentlich hinaus will. In der Regel ist ein solches Konzept nämlich alles andere als gruppenkompatibel. Und wenn es das doch ist, weil etwa die Gruppe sich dafür entschieden hat, eine gesamte Gesinnung in dieser Richtung zu verkörpern, dann ist es nicht abenteuerkompatible, wenn man ein fertiges Abenteuer spielt. Besonders einträgliche Erfahrungen hab ich damit selbst als Spieler sammeln können.

Da ich in unserer G7 Runde, die sich ja hier auch als Tagebuch findet, einen rechtschaffen bösen Charakter gespielt hatte, dachte ich, es wäre mal Zeit für die andere Seite und hatte mir einen Praiosgeweihten gebaut. Zunächst einmal für einzelne Abenteuer, aber als dann angedacht war das Jahr des Feuers zu spielen, kam mir diese Charakter ganz gelegen. Nun werden vielleicht einige Leser schon die Hände über dem Kopf zusammen schlagen, weil sie die Kampagne kennen und wissen, dass eine eher blöde Idee war, aber gut – wir wollten es halt ausprobieren. Nachdem ich selbst den ersten Teil für die Gruppe geleitet hatte, welcher von der Geschichte ja etwas separat angesehen werden kann, tauchten dann im zweiten Teil erst kleine und dann massive Probleme auf. Ein rechtschaffen guter Charakter in Aventurien (und auch allen anderen Welten) ist ja nun mal nicht nur gut, sondern eben rechtschaffen. Und als Praiosgeweihter damit natürlich an die von jener Kirche vorgegebene Ordnung gebunden. Leider plant das Abenteuer aber mit einer eher grauen Gruppe, und wenn nicht zumindest mit einer, bei der alle einig in ihrer Orientierung sind – was bei uns nicht der Fall war – so dass ich letztlich gezwungen war für einen Part im Abenteuer den Charakter zu wechseln.

Solche Situationen können allerdings immer wieder auftauchen. Da ist der Paladin, der darauf besteht, dass das Recht des Herzog durchgesetzt werden muss, und auf der anderen Seite dann die restlichen Gruppenmitglieder, die der Meinung sind, dass der arme, jüngste Bauernsohn doch auch eine Teil vom Erbe abbekommen sollte und nicht alles der, der schon einen riesen Jahresgewinn hat. Klar, das kann für tolle Szenen im Rollenspiel sorgen (so etwa in jener DSA Runde, als sich der Golgarit und der Praiosgeweihte entscheiden mussten einen Deal mit dem Nirraven einzugehen um das Leben des dritten Charakters und eines wichtigen NSCs zu retten), dass kann aber auch ganz schnell nach hinten los gehen. Gerade wenn es eh ein wenig in der Gruppe kriselt.

Ich kann also jeder Gruppe nur raten, sich im Vorfeld gut zu überlegen wo hin man möchte, welche Gesinnungen geplant sind – gerade auch in Spielen, die überhaupt keinen Regelbegriff dafür haben.

4 Kommentare zu Warum rechtschaffen gut eigentlich böse ist

  1. Ich denke das Problem beim Praios-Geweihten speziell ist eher das Korsett und das mythische DSA – hier wird Recht im Sinne der Justiz und Gerechtigkeit zusammengebracht und gleichzeitig der Adel als von Praios bemächtigt angesehen.
    Ein rechtschaffen guter Charakter darf aber z.B. auch ein Freiheitskämpfer sein und weit unter dem Radar des eigentlichen Gesetzes, weil Ungerecht, handeln.
    In Pathfinder kann auch ein Rechtschaffen neutraler Gott Paladine haben, was ich auch für eine spannende rollenspielerische Auseinandersetzung hielt und meinen Spieler damit häufig in Sinnkrisen stürzte, weil seine Kirche plötzlich nichts gegen den bösen Typen unternehmen wollte, weil sie sich für so etwas gar nicht zuständig hielt. Der Spieler in dem Fall hat sich dann auf die Justiz verlassen und nichts weiter unternommen.
    Ich hätte es aber genau so rechtschaffen gut gefunden, wenn er bei demjenigen eingebrochen wäre um die Beweise zu holen, weil das entscheidende in dem Fall nicht das den Bösewicht schützende Gesetz relevant gewesen wäre, sondern den armen Menschen Gerechtigkeit zu verschaffen.
    Die Interpretation von Gesetzestreue oder Gerechtigkeitssinn finde ich dabei also viel entscheidender für einen rechtschaffen gespielten Charakter. Dadurch kann er deutlich gruppenkompatibler werden.

  2. Als rechtschaffend guter Charakter steht man letztlich immer vor der Wahl, ob man eher rechtschaffend oder eher gut ist. Ich kenne da zugegeben nur die DnD Variante, da ich wenig bis gar kein DSA gespielt habe und die Praios Kirche nur aus den Erzählungen anderer Spieler kenne. Als bekennende Paladin-Spielerin ist mir das Problem aber durchaus bewusst, und es hat schon zu epischen Streits und Diskussionen in meiner Gruppe geführt. Lustigerweise ist meine Paladöse inzwischen deutlich entspannter als der Rest der Gruppe, da sie einen eher spirituellen und pragmatischen Ansatz gefunden hat: Solange jemand nichs Böses getan hat oder sein böses Handeln ernsthaft bereut, bekommt er auch noch eine Chance. So hat sie einen finsteren Streiter und einen weißen Halbdrachen bekehrt, die der Rest der Gruppe am liebsten auf Sicht umgebracht hätte. Rechtschaffend gut sein kann eben auch heißen, die eigene Macht und Position in der Politik zu nutzen, um ein Gnadengesuch einzureichen, um für einen reuigen Schurken eine zweite Chance zu erbitten.

    Meiner Gruppe kam entgegen, dass wir kein fertiges Abenteuer spielen, sondern seit gut zehn Jahren eine eigeneKampagne von unsrem Spielleiter. So kann er ein Auge darauf haben, dass die Charaktere zwar moralisch gefordert sind, aber es trotzdem alles funktioniert.

    Zu meinem eingangs aufgeführten Zwist zwischen rechtschaffend und gut: Es ist rechtschaffend, das Gesetz des Herzogs umzusetzen, aber gut, auch dem armen jüngsten Bauernsohn ein Teil des Erbes zukommen zu lassen. Stumpf alle Gesetze zu befolgen ist eben nicht zwangsläufig gut, sondern nur rechtschaffend. Paladine stoßen eigentlich immer auf solche moralischen Dilemma, sobald sie ihre gesicherte Umgebung der Kirche in der ordentlichen Großstadt verlassen und auf einmal in der wirklichen Welt ankommen. Das zwingt sie, kreativ zu werden. Im Beispiel aus dem Artikel würde zum Beispiel nichts dagegen sprechen, dass der Paladin versucht die Beteiligten zu überzeugen, dem jüngsten Bauernsohn ein Teil des Erbes abzugeben, das er zwar nicht vor dem Gesetz einfordern, aber sehr gut brauchen kann.

  3. Deswegen gibt es in Eberron auch die Möglichkeit, die eigene Gesinnung auf beliebige Weise von der seiner Gottheit zu trennen. Das Argument dafür ist, dass man die Lehren einer Gottheit mit verschiedenen Mitteln umsetzen kann. Ein Beispiel ist nur der Christengott (laut landläufiger Meinung ein guter Gott). Wo die einen Priester in Demut leben, auf jeglichen Reichtum verzichten und den Armen helfen (und damit am guten Ende des Gesinnungsspektrums unterwegs sind), tragen die anderen den Zorn Gottes mit Feuer und Schwert zu den Ungläubigen oder foltern die Ketzerei aus ihnen heraus, um alle Andersdenkenden auszumerzen. Letzteres ist wohl eher das böse Ende des Spektrums). Frage ist, zu welchen Mitteln zwei verschiedene Charaktere greifen, um denselbem Gott zu dienen. Das gleiche kann man auch mit Allah weiterspinnen – Integrationshelfer, die einen modernen Islam leben, auf der einen Seite, und der IS auf der anderen. Genau so müsste man das auch im Fantasy umsetzen können.

    Dazu gibt es ein gutes Statement von Keith Baker zu den Eberron Q&A’s: http://keith-baker.com/dragonmarks-44-good-and-evil/

  4. Virsàgôn // Mai 5, 2016 um 09:58 // Antworten

    Hoj, man kann auch als Chaotisch-Guter EXTREM oder fanatisch sein.

    Wer behauptet chaotisch gehöre zu böse und rechtschaffen zu gut, der kennt wohl keine Tyrannen und Diktatoren oder KORRUPTE Wachen.

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  1. The Good, the Bad, and the Chaotic Neutral | Neue Abenteuer

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