Settembrini zum neuen Jahr und dem phantastischen Hobby

Heute gibt es, abseits der anderen hiesigen Artikel, ein ganz besonderes Schmankerl.

Seit einigen Jahren macht eine Stimme, ein Name, im Hobbybereich immer wieder die Runde. Kaum jemand hat im Bereich Rollenspiel über so lange Zeit so stark polarisiert, wie er. Dabei handelt es sich weder um einen profesionellen Rollenspielautor noch um eine Verlagsperson. Die Rede ist, natürlich, von Settembrini.

Abenteuer-Blog: Hallo Settembrini.

Settembrini: Ein frohes Neues Jahr wünsche ich!

Abenteuer-Blog: Das neue Jahr hat gerade erst angefangen, was erwartest du dir davon im Bezug auf den Rollenspielmarkt?

Settembrini: Nun, gerade wollte ich dazu losschreiben, da erreichte mich Deine Frage. Also dann hier:
Wir werden Zeuge einer ganz schrecklichen Entwicklung sein. Es wird nämlich sehr wenig passieren. Gerade dieses Ausbleiben stellt jedoch ein epochales Ereignis dar. Genaugenommen war das unglaublichste, erschreckendste Ereignis der GenCon vom letzten Jahr: WotC hatte als größte Überaschung etwas im Gepäck, was eigentlich nichts war: die Ankündigung von etwas, was sie nächstes Jahr mal machen werden. Dark Sun für die 4. Edition. Das ist das GROSSE Ereignis von 2010! Bis August will das keiner mehr sehen oder spielen. Auf jeden Fall bezeugt es die kreative Kapitulation. Vor allem, weil wir ja wissen, wie abgebrüht die drei pflichtbücher durchgenudelt, geweißt und durch die Verkauskanäle bzw. Amazon geschoben werden.
Soviel zu Amerika.
In Großbritannien wird Doctor Who erst 2010 als Rollenspiel richtig anlaufen. Es wird dort unweigerlich eine Rennaissance des „Roll & Shout“-Stils der Star Wars d6 Tage geben. Gespannt verfolge ich, ob tatsächlich Hundertausende Kinder mit dem hobby in Berührung kommen. Die Gefahr einer Monoanorakischen Rezeption existiert jedoch. Aber so wie der Doctor, so regeneriert sich seine Fangemeinde, etwas unter 50% Einschatlquote am Neujahrstag werden einen Einfluß haben.
Für Deutschland sind die Weichen weiterhin auf „verquast“ gestellt. DSA braucht weiterhin ein echtes Lektorat, was die Machwerke der Schreibsklaven und Übersetzungssklaven auf NUTZBARKEIT eines GEBRAUCHSTEXTES überprüft. Da ich dafür keine Anzeichen sehe, wird DSA verstärkt im eigenen Saft schmoren. Die geschlossene Alterskohorte wird ganz republikanisch ohne Regeneration oder neuen König bis ins Hospitz durchgereicht. Der durschnittliche DSA-Spieler verdient ja immer noch sehr schlecht, trotz großer Schritte Richtung Rente, so daß im Gegensatz zu D&D der 2000er kein materielles Feuerwerk auf Anbieterseite abgefeuert werden wird.
Ganz düster sieht es für GermThulhu aus: Fast alle Kernbücher sind aufgebläht ein zweites mal verkauft worden, bzw. stehen jetzt schwer in den Regalen. Keine der Ideen Marke „Now“ oder „Hexer“ haben gezündet, nicht zuletzt in Ermangelung an Qualität. Die Traumlande, das letzte Hurrah, steht auch ganz für die Sammler und in limitierter Edition bereit. Ich weiß nicht, was die jetzt noch machen wollen. Mit dem Oberlangweiler an der Spitze wird das ganze Ding zu Tode verwaltet, das dafür aber so professionell das eben mit Englischtextrestverwendung (manchmal ohne Quellenagabe…) Google-Bilderklau und einem (wirklich) begnadeten Propdesigner so geht. Eine aufgehübschte 2. Auflage aller Boxen? Immerhin, die „Masken“ würde ich mir nochmal gefallen lassen.

Die größte sich abzeichnende Tragödie belibt aber die absolute Verwurschtelung der deutschen Pathfinder Version.

Was mir zu Ohren gekommen ist, mutet grauselig an:

– keine deutsche SRD weder D20, noch PSRD
– kaum Übersetzungen von Abenteuern

Eine große, vertane Chance, wenn das so weitergeht. Allein, man fragt sich, was die Leute denn spielen, wenn es offenbar so lohnenswert ist, die Fanübersetzten Deutschen Pathfinder Regeln zu kaufen. Könnten die Käufer Englisch, usw.

Abenteuer-Blog: Mit Western City ist ja seit einiger Zeit ein deutsches stark FORGE-inspiriertes Rollenspiel am Markt. Auch viele andere Rollenspiele setzen mittlerweile in verschiedenen Bereichen verstärkt auf alternative Konzepte, sei es nun BARBAREN!, EPOS oder FUNKY COLTS. Gleichzeitig ist mit Labyrinth Lord und Dungeonslayers oder neuerdings auch Hexer & Helden die sog. „Oldschool“-Bewegung auf dem Vormarsch. Wie stehst du diesen Entwicklungen gegenüber?

Settembrini: Da muß man mehrschichtig antworten. Insgesamt sind das natürlich Luftnummern. Gerade die OSR-Derivate treffen ja in Deutschland auf generelles Un- und Misverständnis. Ich habe noch niemanden das zeug auf Deutsch spielen oder leiten sehen, was also die Wirkung ist, vermag ich nicht zu sagen. Schaden kann es nicht.

Western City ist ein Achtungserfolg für Jörg, der aber aufgrund fehlenden Skandalpotentials einfach die furchtbare Irrelevanz der eigentlichen Forgerideen des Spieledesigns selber aufzeigt. Western City tut keinem weh, macht ein paar Leuten (übrigens auch im Ausland, soviel ich weiß) ein bißchen Spaß, bis sie wieder was richtiges Spielen. Funky Colts ist volkommen unnützer Quark, wie andere schon mehrfach rezensiert haben. Zu den anderen beiden kann ich nicht viel sagen, da ich die aktuellen Stände nicht kenne. Beide sind ja seit Ewigkeiten angekündigt, was da nun 4 Jahre später mit los ist, sollen andere prüfen. Ich denke zumindest bei Barbaren! ging es ja nie darum Leuten ein Spiel an die Hand zu geben. Der Autor wollte sich mal mit dem Oberforger treffen und ihm sein Spiel vorstellen. Nachdem das dann gemacht war, hatte das Spiel seine Schuldigkeit getan, und blieb deswegen auch so lange liegen. Zu EPOS kann ich wie gesagt nicht soviel sagen.

Abenteuer-Blog: Dank der Partnerschaft des Tanelorn mit den Blutschwertern sowie dem Blogroll RSP-Blogs.de wächst die internetaktive Hobbyszene in letzter Zeit stark zusammen. Auf den ersten Blick sicherlich eine positive Entwicklung, aber nicht nur. Wie Dinge wie 10 mal die gleiche „News“ im Blogroll oder zwei mal die selbe Diskussion in zwei Foren mit größtenteils den selben Leuten zeigen. Meinst du, dass dieses Zusammenwachsen noch fortschreitet, oder eher wieder der menschliche Trieb sich abzugrenzen greift?

Settembrini: Über privatblogs News zu verbreiten finde ich, ist sinnlos geworden, es sei denn, die persönliche Einstellung kommt zum Vorschein. Insgesamt finde ich es eher erstaunlich, daß alles so ruhig und langweilig vor sich hinplätschert. Die geliebten Spiele sterben einen langsamen Tod, aber keiner interessiert sich dafür.

Abenteuer-Blog: Davon unabhängig, wie sich das ganze möglicherweise weiter entwickelt, wo siehst du Stärken, Schwächen und auch Potential der bisherigen Entwicklung?

Settembrini: In der Langweiligkeit der Nutzer und allgmeiner Geschmacksverirrung. Wie gesagt, RSP-Blogs zeigt klar auf, daß News per Blog eine nutzlose Sache sind. Warum das trotzdem manche machen, wer weiß. Ich hatte ja die Hoffnung, google wave könnte all den 2000er Kram wie blöde Blogs und veraltete php Foren überflüssig machen. Aber da ist noch ein weiter weg zu gehen.

Abenteuer-Blog: In den letzten Wochen und Monaten ist es eher ruhig geworden um dich und dein Blog. Häufiger wurde schon prognostiziert, du hättest nichts mehr zu sagen und/oder deinen Biss verloren. Wie siehst du das?

Settembrini: Wahr ist nur: Ich habe kaum Zeit. Oft stehe ich vor der Entscheidung, die nächste Runde vorzubereiten, oder einen Beitrag schreiben. Man sieht, wie die Entscheidung meist ausfällt. Mein Zorn auf den ganzen Mist der passiert ist weiterhin gigantisch, also keine Angst, was das angeht. Tatsächlich ist es sogar so, daß einige meiner Spieler aus einer meiner Runden schon gedrängelt haben, ich solle doch bitte ein bestimmtes Ereignis darstellen und kommentieren. Nicht mal dazu kam ich bislang.

Abenteuer-Blog: Rückblickend betrachtet, was waren deiner Meinung nach die größten Höhen und Tiefen des Jahres 2009 im Bezug auf unser Hobby?

Settembrini: Tiefpunkt: WotC steht auf dem GenCon mit lehren Händen da
Höhepunkt: Pathfinder deutsch und gedruckt im Regal zu sehen

Abenteuer-Blog: Vielen Dank für das interessante Interview.

Settembrini: Ich danke für das Interesse.

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