Geschlechtsdimorphismus im Rollenspiel

Frauen == Männer?

Als Sexualdimorphismus (von lat.sexus ‚Geschlecht‘ sowie altgriechisch δίμορφος dímorphos ‚zweigestaltig‘) oder Geschlechtsdimorphismus oder auch sekundäres Geschlechtsmerkmal bezeichnet man deutliche Unterschiede im Erscheinungsbild, Verhalten oder in der Physiologie zwischen männlichen und weiblichen Individuen der gleichen Art, die sich nicht auf die Geschlechtsorgane selbst beziehen. (wikipedia)

Das dies bei einer Vielzahl von Spezies der Fall ist dürfte wohl jedem klar sein und zumindest ein ziemlich offensichtlicher Unterschied auch zwischen den Geschlechtern unserer Spezies hoffentlich jedem bekannt. Was hat das aber nun mit dem Rollenspiel zu tun?

In vielen Rollenspielsystem ist es tatsächlich so, dass dieser – uns Menschen wohl bewusster Unterschied – in der Regel nicht so wirklich vorhanden ist. Ich werde später einige Beispiele nennen in denen das anders ist, aber bei den meisten, gerade sich gut verkaufenden Spielen ist oft folgendes:

Es gibt zwar einen optischen Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern einer Rasse, der sogar recht groß sein kann, jedoch schlägt sich dieser sichtbare Unterschied in der Regel werde in den Werten bei der Charaktererschaffung, noch auf die Spielbarkeit des Charakters in der Welt nieder. Man hat also tatsächlich deutlich bemuskeltere Männer, und Frauen mit entsprechender Oberweite oder schlanker Statur – und entsprechender Kälteempfindlichkeit -, aber beide dürfen gleichermaßen ihre Werte wählen und auch innerhalb der Spielwelt dieselben Berufe ausüben. [Ich will jetzt hier natürlich keine Geschlechterdebatte zum Thema „Berufe, die ein Geschlecht besser ausfüllen kann“ starten, aber es gibt nun einfach biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die auch vollkommen mit Absicht da sind und natürlich bestimmte Berufe für ein bestimmtes Geschlecht „einfacher“ machen.]

Aber warum ist das so? Warum gibt es diesen Unterschied, obwohl es ihn dann doch wieder nicht gibt? Besonders auffällig wird das zum Beispiel bei pseudohistorischen Settings ala Cthulhu, das ja schon irgendwie die Welt 1920 darstellen will, und auch darauf hinweist, dass Frauen in der damaligen Gesellschaft eine andere Stellung inne hatten als heute, aber so richtig verbieten tut das Regelwerk die Juraprofessorin eben nicht. Warum also?

Der wohl einfachste Grund der einem in Gedanken kommen mag ist wohl folgender: Man will sowohl weibliche, als auch männliche Spieler bedienen (der Trend zum „sie“ statt „er“ in den Beschreibungstexten der Regelwerke und Beispiele – oder eine Entschuldigung falls man das nicht macht – hat da auch zugenommen in den letzten 10 Jahren) und das kann man natürlich am besten damit, dass man beide gleichwertig ins Spiel bringt und nicht etwa ein Geschlecht bevorzugt. Schließlich möchte man seinen Spielern nicht vorschreiben, welches Geschlecht sie zu spielen haben, wenn sie einen bestimmten Charaktertypus verkörpern wollen. Das könnte ja Spieler abschrecken (Hierbei gilt natürlich die Ausnahmen == Regelbestätigungssache).

Die zweite Möglichkeit, die einem danach einfällt ist einfach eine Übertragung der modernen Welt auf das Rollenspiel. Viele (hoffentlich!) der hiesigen Spieler dürften entsprechend erzogen sein, dass es praktisch kaum einen Unterschied zwischen Frauen und Männern in gesellschaftlicher Sicht gibt. Und dieser Status, der ja eh in den Köpfen der Spieler vorherrscht, wird dann in die Rollenspielzivilisationen übertragen, denn auch die Erschaffer dieser sind ja Kinder der jetzigen Zeit.

Das alles ist aber natürlich keine Erklärung für die Diskrepanz zwischen sicht- und fühlbaren Unterschieden und den Spielwerten. Das macht es natürlich einfacher in der Erschaffung, und spielt auch nur bei jenen Systemen eine Rolle, die überhaupt Werte in dieser Richtung besitzen, aber es fällt dennoch auf. Und hier mag sich jetzt der Leser mit mir darüber wundern, warum ein System es schafft halbwegs ausbalancierte Rassenunterschiede (sofern vorhanden) zu erschaffen, aber ausbalancierte Geschlechtsunterschiede kaum vorkommen – obwohl eben in den Beschreibungen durchaus Unterschiede gemacht werden.

Aber kommen wir mal zu den Beispielen, die ich oben erwähnt habe, bei denen es dann doch einen Unterschied gibt, welches Geschlecht man spielt:

  • Pendragon: Der Spieler übernimmt einen Ritter der Tafelrunde. Hat schon mal wer von einem weiblichen Ritter der Tafelrunde gehört? Nein. Gab es auch nicht. Und das Spiel hält dies genau so. Wenn man das Spielen will, hat man gefälligst einen Mann zu spielen. Es gibt zwar eine theoretische optionale Regel, dass man auch einen weiblichen Ritter spielen darf, aber die Formulierungen der Regel deutet schon selbst darauf, dass das vom Spiel nicht gerne gesehen wird.
  • WH40K: Im Untersystem Dark Heresy gibt es eine Charakterklasse, die man nur mit weiblichen Charakteren wählen darf. Und Space Marines aus Deathwatch sind alle männlich, auch wenn dort das Geschlecht wohl nur noch eine untergeordnete Rolle spielen dürfte.
  • DSA/Myranor: Ja, auch in Deutschlands großem System gibt es solche Charakterklassen. Jeder wird hier vermutlich an die Amazonen denken, die ja nun wirklich alle weiblich sind. Und bei den Zwergen gibt es gerade wenn sie magisch sein wollen, auch nur die Option einen männlichen Helden zu wählen. Und auch einige weitere Kulturen in Aventurien/Myranor (Aranien, Leonir, usw) sind doch eher in eine bestimmte geschlechtliche Richtung orientiert, auch wenn es für das Heldenleben tatsächlich eine untergeordnete Rolle spielt, wenn man nicht gerade in seiner eigenen Kultur spielt – denn der Großteil der Bewohner macht wiederum praktisch keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen.

Es gibt also durchaus auch Ausnahmen von der Regel, wobei jene innerhalb eines Systems oder Settings entweder durch bestimmte Hintergründe vorgegeben sind (eben die Amazonen bei DSA, die ja an die irdischen angelehnt sind, oder die SM bei WH:40K, bei denen technische Voraussetzungen eine Rolle spielen) oder einfach deswegen vorhanden sind, um sich innerhalb der restlichen Kulturen abzugrenzen und mal was anderes zum Spielen zu bieten.

Und dann gibt es da natürlich noch die Systeme und Charakterklassen, die einfach beide Geschlechter haben und damit etwas aus dem Rahmen fallen. Denke man nur mal an Wraeththu (hier ein Review von RPG.net) und die Ravesaran aus Myranor.

Und hier noch ein kleiner Videolink zum Thema.

1 Kommentar zu Geschlechtsdimorphismus im Rollenspiel

  1. Hurrah, die Realismus-Debatte geht in eine neue Runde…diesmal mit dem Geschlechterunterschied.

    Einer der Gründe, wieso nur sehr wenige Rollenspiele ihre Spieler zwingen, ein bestimmtes Geschlecht zu spielen, ist das in vielen Gruppen vorhandene implizite oder explizite Verbot des Crossgenderings.

    Den gesellschaftlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen mit dem biologischen Unterschied einfach in einen Topf zu werfen halte ich übrigens für…ungeschickt.

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