George R.R. Martin – Planetenwanderer

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Wir alle sind doch gerade mehr oder weniger im Rausch von abgeschlagenen Köpfen, vergifteten Kindkönigen und dreiköpfigen Drachenschlampen. Normalerweise fragt man sich ja eher selten, woher ein Autor kommt, wenn er sich in irgendeiner Weise hochgearbeitet hat, wie es im Rahmen der Game of Thrones-Reihe passiert. Planetenwanderer kann man daher als „Frühwerk“ von Martin bezeichnen, das aus einer Zeit kommt, die noch nicht mit dem Massenmord in Westeros verbaut war. Ursprünglich erschien diese Kurzgeschichtensammlung nämlich 1985 unter dem Titel Tuf Voyaging, welches man im Grunde irgendwo im Bereich der Spaceopera oder Space-Fantasy verordnen muss.

Planetenwanderer enthält sechs Kurzgeschichten, welche die Erlebnisse des Kapitäns Haviland Tuf beschreiben. Man muss dabei direkt hinzufügen, dass Tuf von Vornherein in seiner kompletten Erscheinung eine etwas seltsame Persönlichkeit ist, deren besondere Rolle insgesamt nur mit dem Attribut „kurios“ umschrieben werden.

Haviland Tuf ist etwas zweieinhalb Meter Groß, Übergewichtig, hat eine kalkweiße Hautfarbe, und ist absolut Haarlos von Kopf bis Fuß. Insgesamt entspricht er also einer leichten Karikatur eines Budais-Bildnisses. Darüber hinaus ist er Einzelgängerisch veranlagt, vegetarier und dadurch auch (zwangsweise) Hobbygourmet-Koch. Das er Katzenliebhaber ist führt zuweilen dazu, dass er Äußerungen wie „Kein Planet kann ohne Katzen als wirklich kultiviert bezeichnet werden.“ vertritt.

Diese Anhäufung an Details und Charaktereigenschaften sollte man Grundsätzlich im Hinterkopf behalten, wenn man die überaus skurrilen Abenteuer und Handlungsansätze von Tuf durchliest.

Grundlage des Plots der einzelnen Kurzgeschichten dreht sich darum, dass das letzte Saatschiff des längst untergegangene Saatschiff des Förderahlen Imperiums der Menschheit in Tufs Besitz kommt. Tuff, der sich bis dahin eher Schlecht als Recht durchs Leben geschlagen hat, beschließt darauf hin sich fortan „Öko Ingenieure“ zu nennen und mit Hilfe des Biologische Archivs des Schiffes, das in erster Linie für die biologische Kriegsführung geschaffen worden ist, Einfluss auf die Ökosysteme verschiedener Planeten zu nehmen.

Der Plot spannt sich deswegen auf einen Zeitraum von etwa 10 Jahren, in denen Tuf versucht eine Summe von etwas 33 Millionen Standards (so die interstellare Währungseinheit in diesem Setting) zu sammeln, welche er aufgrund einer Wette dem Volk der S‘uthlamesie (eines von vielen menschlichen Kolonial-Völkern der alten Erde) schuldet. S‘uthlam, der Planet, zu dem dieses Volk gehört, spielt dabei immer wieder eine besondere Rolle, da er mehrere gesellschaftliche Probleme in sich vereint, die ihn zu einer Ansammlung von Problemen macht: Der Planet leidet an absoluter Überbevölkerung und steuert in Regelmäßigen Abständen immer wieder auf die nächste Hungerkatastrophe zu. Zeitgleich ist die führende, religiöse Instanz dieser Gesellschaft eine Kirche, deren Lehren besagen, dass die Menschheit durch möglichst hohe Geburtenrate sich selbst auf einen Zustand der Transzendenz befördert. Daraus folgend, dass durch die bloße Masse an Menschen sehr viele kluge Köpfe natürlich innerhalb dieser vollkommen zusammengedrängten Gesellschaft existieren, ist die Zeugungsfreudigkeit der Bevölkerung, die als Bejahung des Lebens gilt, das größte Problem, das dieser Planet hat. Denn jedes mal, wenn eine Lösung gefunden wurde, um das Hungerproblem eventuell zu stoppen, steigert sich wie Wahnsinnig im Anschluss die Geburtenrate erneut. (Und das Hungerproblem steht in noch kürzeren Abständen erneut vor der Tür.)

Geburtenregelungen sind auf dieser Welt natürlich ein Problem.

Die weiteren Geschichten, die nichts mit S‘uthlam direkt zu tun haben, stellen Tufs versuche dar, auf anderen Welten mit Hilfe seiner Klontechnologien einzugreifen und damit deren Ökosystem auf die eine oder andere Weise nachhaltig zu verändern. Als Gesamtziel dabei ist immer auf eine seltsame Weise am Ende ein Ziel zu erkennen: Die mögliche Verbesserung der Situation auf der jeweiligen Welt auf lange Sicht: Zur Not auch gegen den Willen der jeweiligen Bevölkerung. Das Zentrale Ziel dabei ist aber gerade immer eines: Tuf weiß und erahnt, wie man auf die eine oder andere Weise, diese Ziele erreichen kann. Das besondere dabei ist, dass er dabei nicht unbedingt den direkten, sondern eher den Umweg durch Humor und Gerissenheit nutzt. (Und Teilweise auch unter Zuhilfenahme telepathisch veranlagter Katzen.)

Fazit

Hmm… wie lesen wir das jetzt? Zuerst einmal möchte ich nochmal die Form des Budhai betonen, welche Tufs äußeres darstellt. Denn gerade das macht in gewisser Weise den zentralen Knackpunkt der gesamten Geschichte aus: Es geht weniger um eine Science Fiction Story, als vielmehr um eine Reisegeschichte der Erleuchtung und Entfremdung.

Tuf selbst ist, ohne das es jemals wirklich bis ins letzte Wort explizit wird, ein Mensch, der bereits aus den normalen Bedingungen der gewöhnlichen Menschen herausgetreten ist und jetzt dazu übergeht sich mehr und mehr von der Menschheit entfremdet. Ein Zitat aus dem Buch lautet „Macht korrumpiert. Absolute Macht korrumpiert absolut.“: Die Frage hierbei ist also, was ein Mensch erübrigen müsste, um diesem Punkt zu entkommen. Die Antwort dafür ist in diesem Fall wohl mehr oder weniger die Apotheose. Und das ist letzten Endes das, was Tuf vollzieht: Der Wandel der eigenen Person in einen Gott. Wohlwollend und Grausam zugleich.

Das heißt die Story ist für sich betrachtet nicht unbedingt für Jedermann etwas. Man muss diesen gewissen Hang der Megalomanie genießen können, der eigentlich eher ein Stilmittel der High Fantasy ist, als das es sich hierbei um den eher nüchternen Aspekt von Science Fiktion handelt, der stärker auf die technische Möglichkeit einer eventuellen Realisation konzentriert ist. Und ja: Der übertriebene Hang Charaktere sinnlos draufgehen zu lassen ist schon hier bis zu einem bestimmten Grad auch noch erkennbar. (Auch wenn man das Ganze nicht unbedingt als Blaupause für Game of Thrones interpretieren sollte.)

Das der Schreibstil von Martin durchaus gut lesbar ist, brauche ich wohl nicht weiter zu diskutieren. Das wissen die meisten mittlerweile, die bis zu einem gewissen Grad Martin-Fans sind. Handwerklich lässt sich hierbei nichts negatives festhalten.

Wer also jenseits von Game of Thrones herausfinden will, was Martin sonst noch so verbockt hat, kann hier durchaus fündig werden.

Für Fans von Science Fiktion gibt es aber da draußen durchaus besseres, als diese Kurzgeschichtensammlung. Dafür sind die zentralen Themen eigentlich zu Genrefremd.

 

3 Kommentare zu George R.R. Martin – Planetenwanderer

  1. Infernal_Teddy // August 11, 2013 um 17:05 // Antworten

    Wer den frühen Martin kennenlernen will sollte sich die Wild Cards-Reihe anlesen

  2. Oder die weiteren „Future History“-Stories (großartig sind z.B. „A Song for Lya“, „Nightflyers“, „The Stone City“, „And seven times, never kill Man“), von denen Tuf nur einen kleinen Teil abbildet.

    Dort findet man (in „This Tower of Ashes“) auch die „Blaupause“ für ASoIaF:

    „Lives are rotten stories, y’know? Real stories, now, they usually got a plot to ‚em. They start and they go on a bit and when they end they’re over, unless the guy’s got a series goin‘. People’s lives don’t do that nohow, they just kinda wander around and ramble and go on and on. Nothin‘ ever finishes.“

    „People die,“ I said. „That’s enough of a finish, I’d think.“

    Korbec made a loud noise. „Sure, but have you ever known anybody to die at the right time? No, don’t happen that way. Some guys fall over before their lives have properly gotten started, some right in the middle of the best part. Others kinda linger on after everything is really over.“

    😉

  3. Eine wichtige Eigenschaft von Tuf hast du übrigens vergessen: er ist Agoraphobiker und Misanthrop, welcher sich außerhalb seines Schiffes (und der Gesellschaft seiner Katzen) unwohl fühlt.

    Mit dieser Information wird auch das Bild von Tuf ein anderes: statt Entfremdung von der Menschheit und Apotheose hat man stattdessen einen dauergenervten Experten vor sich, der sich damit abgefunden hat, nicht gewürdigt zu werden. Anfangs versucht er noch, seinen Kunden zu erklären, warum ihre Wünsche nicht in ihrem Interesse sind, aber nach und nach fehlt ihm die Energie für diese elementaren Belehrungen – kein Wunder, wenn sein Gegenüber immer auf Durchzug schaltet und nicht hören *will*. Jeder der schon einmal im Technischen Kundendienst gearbeitet hat, der kann Tuf *sehr* gut verstehen und freut sich über diese kleinen Dienstleistungssektor-Phantasien. 😉

    Und ich denke durchaus, dass „Tuf Yoyaging“ Science-Fiction ist (wenn so etwas wie „Dune“ (welches viel mehr an Fantasy erinnert) als SciFi zählt, warum dann nicht auch diese Bücher).

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