Into the light

Steam und Engel

2010 dachte man – als man die Into the white erworben hatte – noch, das die Sammlung der Bibliothek der fantastischen Musik „endlich“ beendet hatte, nur um dann ein paar Monate stöhnend mit einem leicht grinsenden „Nein!“ auf den Lippen festzustellen, dass dem doch nicht so war. Die drei umtriebigen Musiker von Erdenstern hatten sich dazu entschlossen ein weiteres Album zu veröffentlichen, das den Titel „Into the …“ tragen sollte. Doch diesmal war da ein gewaltiger Unterschied zu den anderen Alben: Man wandte sich gezielt an die Rollenspielende Fanbase und fragte nach, welche Themen dieser noch fehlen würden. Wie man auf der Spiel dann erfuhr, waren es zu viele gute Vorschläge um sich nur für ein Thema zu entscheiden und damit war „Into the light“ geboren. Das achte Konzeptalbum von Erdenstern ist insofern konzeptfrei, weil es gleich vier verschiedenen Genres einen Klangteppich bieten soll und dafür dann mit gleich 38 Tracks eine Doppel-CD in Beschlag nimmt, die im limitiertem Digipack daherkommt um die 159:33 min irgendwie unter einen Hut zu bekommen, die sich in die Themengebiete „Alte Reiche“, „Sakrales“, „Steampunk“ und „Endzeit“ verirren. (Oder wie es im Pressetext zur Cd heißt: „Zuerst war da das Licht. Doch die Zeitmaschine war schon vorher da.“ – Insofern müssen diejenigen leider enttäuscht von dannen ziehen, die hier den perfekten Soundtrack für Rollenspielsitzungen um den Bereich „Nahtoderfahrungen“ sich erhofft haben.)

Optisch betrachtet ist das Cover der Into the light wieder mal ein Bruch mit dem Standard (das ist so bislang nur einmal in Form der „Into the grey“ passiert.) Das Zentrum bildet ein goldgelbes Zahnradkonstrukt, auf dem sich eine Monogramm befindet, dass mit der Alpha-Omega-Symbolik spielt. (Diesmal wohl ein Versprechen, dass dies wirklich das absolute und offizielle Ende der Bibliothek ist) Um das sich im Stiel alten Landkartenpapiers ein paar Einzelabbildungen positionieren, die in schlichter schwarz-weiß Manier die einzelnen Themengebiete mit winzigen Ikonen abbilden. (Pyramiden, Friedhofskreuz, eine Art Luftschiff und ein Gasmaskenkopf, wer es ganz genau wissen will.)

Zu den einzelnen Trackthematiken:

[B]Ancient Realms[/B]
Das Viertel der Antike wartet mit einer Reihe an Tracks auf, die zu einem Großteil aus sehr gediegenen, tragenden Tracks besteht. Assoziativ rufen diese Melodien dabei Bilder von alten Ruinen in tiefen Dschungel hervor und einen getragenen Aspekt von Wehmut ob der verlorenen alten Größe. Stimmungstechnisch ist das alles sehr nahe im Rahmen zwischen Bedrohung und Sehnsucht gehalten. Was man mit den meisten Adventure-Filmen die sich tief in den Urwäldern Südamerikas bewegen halt verbindet. (Insgesamt besteht dieser Part aus 11 Tracks.)

[B]Empire of faith[/B]
Der sakrale Teil des Albums ist da schon etwas schwieriger einzuordnen. Fängt der 12te Track der ersten CD (Feast of Sacrifice)noch mit reiner Jahrmarktsstimmung an, kommen dann langsam andere Stimmungen ins Spiel. Zum Teil experimentiert Erdenstern hier mit neuen Klangkörpern (in Vision ist eindeutig ein s.g. Regenmacherstab zu hören) geht es dann in Richtung kathedralem Chorgesangs weiter um später deutlich indifferenter zu werden. Tragendes Element bleibt der Chor, respektive: Stimmen, die irgendwie zu singen scheinen, ohne das man ein genaueres Wort dabei verstehen würde. Teilweise erinnert es fast an ein überlautes Flüstern (Temptation). Danach kommt zwar immer noch eine Menge Bombast herüber, jedoch fragt man sich im weiteren dann doch, ob nicht irgendwo das Thema eventuell leicht verfehlt ist. Allerdings kann dies in diesem Fall auch wie so oft an der subjektivem Sicht von Assoziationen liegen. Jeder verbindet mit bestimmten Themen andere Vorstellungen, die auf die eine oder andere Weise vorgeprägt sind. Stimmungsvoll sind die einzelnen Tracks auf jeden Fall. (Dieser Teil umfasst 9 Tracks.)

[B]Era of Steam[/B]
Steampunk könnte man als die Science Fiction der Fantasy bezeichnen. Der erste Track der zweiten CD (Machine City) wird damit auch schon mit dem Geräusch von Dampfgetrieben und Lokpfeifen eingeleitet. Dies geht weiter in Klangwelten, die einen gewissen Grundrhythmus aufrechterhalten, der entfernt an das Schnauben von Dampflokomotiven/-maschinen erinnert. Dieses Basisgeräusch geht schleppend auf mehr oder wenigen Ebenen weiter zwischen ruhig bis bedrohlich und lässt immer wieder mal das eindeutige Zischen ertönen, das hinweist, in was wir uns hier eigentlich bewegen. Das wird von der sanften Ruhe der Träghaftigkeit einmal abgelöst. Nur um danach wieder in einem leicht heroischen Pathos zu verfallen, der ein ständiges Gefühl von Bedrohung im Nacken wachruft (Master of the skies). Und abschließend mit einer sanften Dramatik einfach nur in die Weite davonzurauschen scheint. (9 Tracks)

[B]The last days[/B]
Schließlich die Endzeitthematik. Was hier beginnt sind sehr klare, kaum verzehrt wirkende töne, die stark von Bläsern getragen werden. Oder auf einem fast schon verstörend sphärisch wirkendem Klanggebilde, das einen stark an entspannende Chillout-lounges denken lässt, schreitet es davon. Man hat zwar nicht direkt das Gefühl der Bedrohung, die man erwarten würde, aber halt die ganze Zeit das Gefühl, das etwas nicht stimmt. Bis dann urplötzlich dieser Punkt abreist und mit „They are coming“ doch ein leicht an 64-bit Töne teilweise erinnerndes Stück auftaucht, dass plötzlich Verfolgungsgefühle aufweckt. Und auf den letzten Tracks wechselt sich das dann ab mit einer eher versöhnlichen Melodie, die fast schon wieder Hoffnungsschimmer wachrütteln lässt. Als wäre eine egal wie marode Zukunft doch noch zu retten.
Und dann schließlich zum Abschluss das titelgebende Stück Into the light selbst. Dafür kann man letzten Endes noch einmal die Pressemitteilung selbst zitieren: „Am Ende ist da dieses verlockende Licht. Und wir erliegen seiner Versuchung.“ (9 Tracks)

Fazit
Ich habe schon in einer anderen Erdensternrezension geschrieben, dass Musik und die Assoziationsketten (respektive „Bilder im Kopf“, die sie wachrüttelt), nicht immer gleich den Intentionen entsprechen, die man haben soll. Ich habe „Into the light“ jetzt mehrmals Probeweise angehört und dreimal durchgehört. Und das Problem ist, dass ich hier (wie in den einzelnen abschnitten zu den jeweiligen Unterpunkten beschrieben) nicht unbedingt diese Assoziationen hatte, die in die entsprechende Richtung gehen sollten. Das mag auf den ersten Blick sich wie ein ästhetischer Schock lesen lassen, ist im Falle von Erdenstern aber nicht unbedingt weiter schlimm. Assoziationen (und Bewertungen) sind meistens extrem bockige, da hochgradig subjektive Maultiere. (Was auch daran liegen mag, dass jeder in Bereichen, die er auf irgendeine Weise als positiv oder negativ erlebt hat, sehr unterschiedliche Erwartungshaltungen einbringt.)
Und mir ist durchaus bewusst, dass ich gerade eine Menge Worte einfach so verschwende um hier ein Problem zu erklären, das vermutlich einige so nicht haben, oder nicht erwarten werden. Das Problem bei der Sache ist schlicht und ergreifend folgendes: Der Sakrale Teil versagt irgendwie hoffnungslos (für mich) bei der Erfüllung seines Themas. Dennoch sind die einzelnen Stücke auf ihre Weise gut. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich sie so wie gedacht am Spieltisch einsetzen würde (sollte ich Musik am Spieltisch einsetzen wollen).
Erdenstern sind bekannter Maßen verdammt gut und haben sich durchaus zurecht ihren Platz in der Rollenspielszene erkämpft (und ich gehöre durchaus auch zu den Fans der Bibliothek der fantastischen Musik) und auch hier haben sie eigentlich ein sehr sehr gutes Stück Arbeit hingelegt. Wenn auch zu einem Viertel halt am Ziel scheinbar vorbei. Die starke, stimmungsvolle Musik erfüllt weiterhin ihre Zwecke und sollte nicht verkannt werden und ich hoffe wirklich, das es mit der Sakralen Thematik nur mir so ergeht. Denn Erdenstern hatten im Grunde Recht: Into the light war eine wirklich bitter notwendige, das Projekt ihrer Bibliothek letzten Endes richtig rund abschließende Notwendigkeit.
Alles stimmt eigentlich und sollte damit auch jedem Fan der Erdenstern-Alben, als auch der normalen Nutzer noch das notwendige, fehlende Zusatzfutter liefern, das er braucht um seine Notwendigsten Fragen an Hintergrundmusik zu ergänzen.
Empfehlenswert ist das ganze also wie immer auf jeden Fall. Man sollte nur nicht unbedingt mit der „So ist das jetzt“-Erwartungshaltung an das Thema herangehen, sondern sich vielleicht noch einmal zurücklehnen und bei den problematischen Stellen lieber treiben lassen, seinen eigenen Ansatz findend. Und dann zuschlagen und nicht mehr loslassen.
Erdenstern haben einen riesigen Aufwand erbracht um sich zu verabschieden und durch die Jahre die Rollenspiellandschaft mit ihren Alben wunderbar ergänzt. Hier ist dies auch wieder der Fall.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*