Engel, 2. Edition

Eine Rezension von Infernal Teddy

Nachdem ich an dieser Stelle mich bereits zwei mal mit der literarischen Seite der Chroniken der Engel beschäftigt habe wird es langsam Zeit das wir uns dem Rollenspiel nähern. Leider haben wir hier bei Neue Abenteuer nur das Grundregelwerk der 2. Auflage, so das wir unseren Einstieg in das Spiel nicht mit dem ersten Grundregelwerk machen können. Ich habe Engel auf einer Convention in Kaiserslautern kennen gelernt, und zwei Jahre lang auf der Con Engel gespielt, hatte auch selbst das alte Grundregelwerk, aber das war damals, als Engel noch frisch und neu war – ich habe das Gefühl das sich an einigen Stellen im Hintergrund und auch in den Regeln Dinge geändert haben, aber leider kann ich an dieser Stelle nicht auf die Unterschiede eingehen. Man sehe es mir nach. Engel war für mich ein Spiel, welches ganz anders war als die Spiele, die ich damals bevorzugte, und ich möchte diese Rezension nutzen, um zu sehen ob meine Bedenken und meine Einschätzungen von damals immer noch zutreffen.

Betrachtet man sich dieses Hardcover, so fällt mir ein Wort als erstes ein: schön. Das Äußere dieses 288 Seiten starken Buchs ist eine Mischung aus Gold und Weiß, mit schwarzer Schrift in der mittlerweile bekannten Schriftart, welche speziell für dieses Spiel entwickelt wurde. Im Inneren setzt sich dieser Eindruck fort, mit vielen Schwarz/weiß-Illustrationen von Eva Widermann und Jean Linnhoff. Day Layout setzt viel Weißraum ein – fast hätte ich „spielt viel mit“ geschrieben – um zusammen mit dem Artwork ein lockeres, angenehmes Lesegefühl zu schaffen. Auch im Inneren kommt die Engel-Schriftart zum Einsatz, um Zwischenüberschriften zu gestalten. Auch die farbigen Europakarten vorne und hinten im Einband sind sehr gelungen, und präsentieren ein klares Bild des zerstörten Europas. Die einzige Stelle, an der ich bei der Optik etwas auszusetzen habe, sind die Bild-„unterschriften“, bei denen in archaischen Lettern dem jeweiligen Bild ein Titel gegeben wurde, der Titel aber meist kaum lesbar ist, weil die Hälfte des Textes unter dem eigentlichen Bild liegt.

Inhaltlich teilt sich Engel in zwei große Themenkomplexe, die Spielwelt und die Spielregeln. Jedes Kapitel beginnt, wie man es bei Spielen aus den Neunzigern erwartet – und Engel ist trotz seines Erscheinungsdatums gefühlt ein Spiel der Neunziger – mit einem Stück Gamefiction. Die Einleitung stellt dann in groben Zügen die Spielwelt vor, und beschreibt was die meisten Menschen über die Protagonisten wissen. Die Spielwelt ist Europa im 27. Jahrhundert, nach größeren Katastrophen und Seuchen, und die Spielercharaktere sind Engel, inkarniert auf unsere Welt in kindhafter Gestalt. Außerdem wir die „Core Story“ von Engel kurz angerissen, der Kampf der Angelitischen Kirche gegen die dämonische Traumsaat, und wir bekommen einen Abschnitt über LARP in der Welt von Engel – ironischerweise, wenn man bedenkt das die angekündigte Engel-LARP-Con nie zustande kam. Wenden wir uns aber jetzt wieder dem Buch selbst zu. Das erste Kapitel macht sich daran, die Geschichte der Welt zu beschreiben, wie also aus unserer Welt die Welt von Engel wurde. Verfasst wurde dieses Kapitel so, als sei sie aus der Feder eines Gelehrten aus der Spielwelt-Gegenwart, kommentiert von einem weiteren Gelehrten. Grob zusammengefasst gab es eine Seuche, welche den größten Teil der Menschheit ausgelöscht hat, eine Sintflut, welche große Teile Europas unter Wasser gesetzt hat, Säulen aus feuer, welche Land und Meer überqueren und Wände aus Rauch und verdorbenes Land hinterlassen, und eine Plage von riesigen Insektenmonstern, welche über die Menschheit herfallen. Doch mitten in diesen Schrecken gibt es auch Hoffnung, denn die Angelitische Kirche wacht über die Menschheit, und Gott schickte um ihr zu helfen seine Engel – aber zu diesen Engeln kommen wir später nochmal. Das zweite Kapitel beschreibt dieses neue Europa dann etwas ausführlicher. Europa besteht aus einer Reihe von großen und kleinen Inseln, welche von fünf großen Städten dominiert werden. Diese Städte sind die Standorte der Himmel, riesige Türme in denen die fünf Orden der Angelitischen Kirche beheimatet sind: Roma Aeterna, Grantinopel, Mont Salvage, Nürnberg und Prag. Klimatisch ist Europa jetzt eine tropische Landschaft, stets wolkenverhangen und nass. Dem Kapitel gelingt es sehr gut, ein Bild eines Europas zu zeichnen, welches in ein neues finsteres Mittelalter zurückgefallen ist, in der die wenige Technologie, welche nicht verboten oder verloren ist kaum verstanden wird. Man erfährt hier auch viel über die Lebensweise der meisten Bewohner dieses Europas, von Kleidung über Lebensmittel hin zum Familienleben. Das dominante Element des Settings ist allerdings die Angelitische Kirche, eine Mischung aus apokalyptischen Kult, mittelalterlichem Katholizismus, und gnostischer Gemeinde. Und weil die Kirche so entscheidend ist für die Welt von Engel bekommt sie ein eigenes Kapitel spendiert. Die Kirche beherrscht in der Welt von Engel fast alles. Oberflächlich betrachtet erinnert sie stark an die Katholische Kirche im Hochmittelalter, aber wenn man genauer hinschaut fallen einem eine Vielzahl an unterschieden auf – so gibt es kein Zölibat, weil kinder in die Welt setzen eine heilige Aufgabe ist, es gibt kein Jenseitsglauben , denn Gott belohnt gute Taten im Diesseits, es gibt keinen Jesus, denn Gott steht außerhalb der Welt, und so weiter. Der wichtigste Element sind allerdings die fünf Engelsorden, welche auf die fünf Erzengel und ihre Diener zurückgehen. Engel dieser Orden sind es auch, welche die Spieler in diesem Spiel darstellen werden. Die Orden sind:

  • Michaeliten: Diese Engel, welche aus dem Himmel zu Roma Aeterna heraus operieren, sind die Anführer der Engelsscharen, und ihre Mächte basieren darauf, die Kommunikation innerhalb der Schar zu ermöglichen und das Vorgehen zu koordinieren.
  • Die auch als Todesengel bekannten Gabrieliten sind die Krieger unter den Engeln, welche mit ihren Flammenschwertern von Nürnberg aus gegen die Tramsaat und anderen Feinden der Angelitischen Kirche vorgehen. Ihre Mächte sind zum Großteil auch um den Kampf herum organisiert.
  • Als die heilenden Hände des Himmels bezeichnet man die Raphaeliten, welche ihre heilenden Mächte einsetzen, um sowohl ihre Scharmitglieder als auch gewöhnliche Menschen vor Schaden zu bewahren – auch wenn man im Himmel zu Grantianopel munkelt, das es Raphaeliten gibt welche ihre Mächte nutzen um Schaden anzurichten.
  • Lautlos, heimlich, ungesehen – diese Worte beschreiben die Urieliten, die Kundschafter und Boten untern den Engeln, welche von Mont Savage aus die schnelle Kommunikation innerhalb der Angelitischen Kirche ermöglichen, und zu den besten Schützen und Jäger der Welt gehören. Ihre Mächte machen es ihnen möglich, überall ungesehen zu bleiben.
  • Die merkwürdigsten und für die gewöhnlichen Sterblichen unverständlichsten Engel sind die Ramieliten, die Bewahrer des Wissens, welche als einzige Lesen und Schreiben dürfen, und welche als einzige das Recht haben, sich mit der verbotenen Technologie aus der Zeit Davor zu beschäftigen. Die Mächte dieses Ordens beschäftigen sich mit dem Kollektivgedächnis dieses Ordens, der Kathedrale des Wissens.

Im Anschluss an die Vorstellung der Orden folgt noch eine spielfertige Schar, mit der eine geneigte Gruppe direkt loslegen und spielen könnte. Das daran anschließende Kapitel stellt eine Reihe von mehr oder weniger wichtigen NSCs vor, inklusive einigen Charakteren aus den vorangegangenen Romanen, und eine kleine Auswahl an Traumsaatkreaturen, den Monstern welche die Hauptfeinde der Engel in den üblichen Spielrunden darstellen. Mit diesem Kapitel endet der Hintergrundteil des Grundregelwerks, und wir wenden uns dem Regelteil des Buches zu.

Dieser Regelteil, welcher zugleich auch der Spielleiter-Teil ist, so, als dürften die Spieler die Regeln nicht erfahren, eröffnet als erstes mit einem ganzen Schwung von Geheimnissen des Settings. Nicht alle Geheimnisse, natürlich, schließlich ist Engel ein Spiel mit einem strengen Metaplot, da wäre es ja schlimm wenn man jemanden im Vorfeld etwas erzählen würde, aber genug um – theoretisch – einem potenziellen Spieler den Spaß am Spiel ein wenig zu mindern. Wurde jedenfalls behauptet, ich kann das nicht aus eigener Erfahrung bestätigen – mir wurde das Geheimnis erzählt, bevor ich je das Spiel spielen konnte. Also: Die Engel sehen aus wie Kinder, weil sie Kinder sind. Kinder, die von der Angelitischen Kirche innerhalb der Himmel durch kaum verstandene Maschinen in nanoverstärkte Kindersoldaten mit Gehirnwäsche verwandelt werden, welche selbst glauben, sie seien die Gesandten des Herren. So, jetzt ist es raus. Der Rest des Kapitels, in dem der geneigte Spielleiter das erfährt, wendet sich der üblichen Sammlung an Spielleitertipps und Tricks zu, welche auch ein paar Beispiele für typische Engel-Szenarien enthält, und jedem seltsam vertraut vorkommt, der schon mal ein Grundregelwerk der Welt der Dunkelheit in der Hand hatte. Danach geht es an die Charaktererschaffung, und dafür müssen wir uns kurz über das Regelsystem von Engel unterhalten. Genauer gesagt, den Regelsystemen.
Engel stellt der geneigten Spielergruppe zwei Optionen zur Verfügung wenn sie Engel spielen wollen: zum einen eine Umsetzung der d20-Regeln, welche ehrlich gesagt nicht sonderlich gelungen ist, zum anderen die sogenannten Arkana-Regeln. Die d20-Umsetzung wirkt halbherzig, als wäre sie von jemanden zusammengestellt worden, der das d20-System nur mäßig verstanden hätte – weswegen es sehr schade war das die US-Ausgabe von Engel nur die d20-Regeln enthielt. Das Arkana-System nutzt statt Würfel einen Satz Karten, auf denen sich jeweils zwei Begriffe befinden, einen eher positiven und einen eher negativen, den der Spieler als Inspiration nutzen soll, bzw. aus dem der Spieler interpretiert, ob und wie sein Charakter erfolg hat oder scheitert. Diese Karten werden zwar als Engel-Tarot bezeichnet, verdanken aber eher dem alten Rollenspiel Everway (Damals von Wizards of the Coast) ihrem Dasein. und damit ist das Regelsystem eigentlich auch schon erklärt – eigentlich ist es schon zuviel, es als „Regeln“ oder als „System“ zu bezeichnen, wenn das Arkana-System benutzt wird handelt es sich bei Engel um ein reines Erzählspiel, in dem die Karten nur zur Inspiration bzw. als Erzählhilfe dienen. Dementsprechend fällt auch die Charaktererschaffung aus – man wählt seinen Orden aus, wählt aus einer Liste seine Stärke und seine Schwäche aus, und wählt in Abstimmung mit dem Spielleiter seine Engelsmächte aus. Man bekommt natürlich eine Liste der Karten mit ihren Begriffen, und eine Auswahl an Interpretationsansätzen, aber das war es auch schon. Danach folgen die bereits erwähnten d20-Regeln, welche nicht ohne ein entsprechendes d20-Grundregelwerk auskommen, und ein Kapitel mit typischer und besonderer Ausrüstung aus der Welt von Engel, und schon ist man beim Anhang, wo sich eine Sammlung von Karten befinden (Unter anderem eine Karte von Roma Aeterna), der Index, und zwei verschiedene Charakterbögen.

Fazit:
Wer unsere neusten Rezensionen zu Engel verfolgt hat, dürfte mitbekommen haben, dass mir das Setting eigentlich sehr gut gefällt, auch und vor allem wie es in diesem Buch präsentiert wird. Es gibt zwar einiges an Unausgegorenem, Settingelemente die entweder keinen Sinn machen oder sich gegenseitig widersprechen, aber alles in allem wird hier eine Welt präsentiert, welche gleichzeitig vertraut und fremd ist, und welche genug Informationen präsentiert um darin zu spielen, und dennoch so grob skizziert worden ist das man als Leser nach mehr schreit – weswegen es so schade ist das wir nicht mehr bekommen haben als veröffentlicht wurde, aber dazu werden wir hoffentlich noch kommen. Die Welt ist einfach unheimlich spannend.
Leider ist das „System“ dahinter einfach nur eine Enttäuschung. Ich bin, wissen die Götter, kein Fan von massiven Crunchmonster – für mich liegen Exalted, Pathfinder und SR4 genau an der Grenze dessen, was ich heutzutags bereit bin zu ertragen – aber mir fehlt hier einfach ÜBERHAUPT ein Regelsystem, geschweige denn ein belastbares System wie es mir lieber wäre. Über die d20-Umsetzung breiten wir am besten ganz den Mantel des Schweigens aus.
Wenn man allerdings über Engel spricht, so sollte man auch noch erwähnen welchen Einfluss Engel auf die deutsche Rollenspiellandschaft der frühen „Nullerjahre“ hatte. Die Chroniken der Engel war der Vorreiter einer Bewegung, welche den namen „Neue Deutsche Endzeit“ bekommen sollte, Rollenspiele, denen es mehr um Atmosphäre und künstlerischem Anspruch ging als einem funktionierenden Regelsystem oder tatsächlicher Spielbarkeit, und das alles vor einem postapokalyptischen Hintergrund. Engel war der Vorreiter dieser Bewegung, und meiner Meinung nach der beste Vertreter.
Wie stehe ich also zu Engel? Ich mag das Setting. Sehr. Ich würde sogar so weit gehen und sagen das Engel eines der besten kommerziellen Settings ist, welche je aus deutschen Landen stammte. Ich kann Engel eigentlich jedem empfehlen, der ein düsteres aber zugleich hoffnungsvolles, barockes Setting bespielen möchte. Ich würde nur empfehlen, statt dem hauseigenem System etwas eigenes zu nutzen. Ich persönlich würde dazu raten, sich FATE Core zuzulegen, oder auf die offizielle FATE-Umsetzung zu warten, welche bald beim Uhrwerk Verlag erscheinen soll.
So. Nächster Halt auf unserer Reise durch die Chronik wird der offizielle Soundtrack von In The Nursery sein.

2 Kommentare zu Engel, 2. Edition

  1. Hier wäre natürlich noch zu erwähnen das Engel sich gerade in der Überarbeitung befindet und das ganze Rollenspiel komplett überarbeitet mit vier Büchern neu erscheinen wird. In den vier Büchern soll quasi der gesamte Inhalt der bisherigen Regelwerke enthalten sein. Als Regelgrundlage wird hier ein sanft erweitertes Fate Core dienen. Erscheinen wird es im Uhrwerk Verlag, aber mit massiver Unterstützung von Feder & Schwert.

    Der Erscheinungstermin steht noch in dern Wolken, auf der Heinzcon wurde gemunkelt, man versuche es bis zur Spiel 2016 … ob da klappt wird man sehen.

    • Infernal_Teddy // März 9, 2016 um 17:10 // Antworten

      Okay, das hatten wir noch gar nicht mitbekommen – ich wusste nur das eine Umsetzung auf FATE kommt (siehe den letzten Absatz). Wurde denn auf der HeinzCon mehr dazu gesagt, weiß das jemand?

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