Die gute alte Neue Deutsche Endzeit

Gedanken von Infernal Teddy

Es sind mittlerweile etwas mehr als zehn Jahre, ich denke, man darf mittlerweile darüber reden. Worüber? Nun, einer von zwei rollenspielerische Entwicklungen die aus Deutschland entstammen. Die Erste ist natürlich Das Schwarze Auge (Und darauf in seiner Philosophie fußend auch Splittermond), und das zweite ist die sogenannte „Neue Deutsche Endzeit“, oft auch einfach als „NDE“ abgekürzt. Für diejenigen, die es damals nicht mitbekommen haben: die NDE war eine Entwicklung innerhalb der deutschen Rollenspielszene, welche ca. 2000 begann und gefühlt 2007-2008 ihr dahinplätscherndes Ende nahm. Die meisten dieser Spiele waren irgendwo zwischen dystopisch und postapokalyptisch, und hatten eine Reihe von Gemeinsamkeiten, ohne das die Entwickler im Vorfeld miteinander bekannt waren oder eine einheitliche Philosophie entstanden wäre wie es zum Teil bei den Indie-Entwicklern der Forge der Fall war. Die Spiele teilten sich alle folgende Merkmale:

  • Düstere Welten welche sich interessant lasen und in der Regel hoffnungslos und völlig kaputt waren
  • Graphisch aufwendig und wunderschön anzusehen, oftmals genauso sehr Artbook wie Rollenspielbuch
  • Regelsysteme welche irgendwo zwischen „Unausgegoren“, „Völlig kaputt“ und „Nicht vorhanden“ anzusiedeln waren
  • In vielen Fällen kam noch ein fehlendes oder nicht klar ausgeprägtes To-Do hinzu: was man denn eigentlich im Spiel machen oder erleben sollte.

Wie gesagt, die Welle kam so wie ich mich erinnere um 2008 zum erliegen, mit den letzten Ausläufern in 2010, mit em letzten Roman zu Engel. Aber da Engel in der Theorie bald in einer dritten Edition unter Verwendung der Fate Core-Regeln erscheinen soll, Degenesis mehr oder weniger wiederbelet worden ist, und ich dieser Tage irgendwo gelesen habe das über eine neue Edition von Opus Anima nachgedacht wird dachte ich, es sei an der Zeit sich die entsprechenden Spiele nochmal anzuschauen. Die nachfolgende Liste erhebt keinerlei Anspruch darauf, vollständig zu sein, und entspricht auch nur meiner persönlichen Definition der NDE. Nicht das es da eine allgemein Gültige gegeben hätte oder so.

  • Die Chroniken der Engel: Der Rest dieser Liste wird alphabetisch, aber ich dachte, ich erwähne Engel als erstes, weil es aus zwei Gründen aus der Menge heraussticht. Zum Einen war es das erste Spiel dieser „Bewegung“, zumindest in meiner Wahrnehmung, zum Anderen war es auch das Erfolgreichste. Zehn Jahre, zwei Editionen, Romane, ein Comic und sogar ein Soundtrack. Leider kam nie alles heraus was für Engel vorgesehen war, und nach 2007 war mit den RPG-Büchern Schluss. Ein intelligentes SF-Setting (Wenn man den letzten Roman ignoriert), gut durchdacht, allerdings ohne klares To Do für die Spieler, ohne Hilfestellungen für das Kampagnenspiel für den Spielleiter, und viele Quellenbücher hatten einfach nichts mit den namensgebenden Charakteren zu tun. Dennoch ist die Vorfreude auf die kommende Fate-Edition zumindest bei mir recht groß – liebe Uhrwerker, bitte beeilt euch!
  • Arcane Codex:Okay, bei AC handelt es nicht um ein postapokalpytisches SF-Setting, sondern eine düstere Fantasywelt, und die Macher sind in der Szene… nennen wir es mal notorisch. Also noch unbeliebter als ich es bin. Was sehr viel überraschender ist, ist die Tatsache das AC neben Engel das erfolgreichste Spiel der NDE sein dürfte – das Spiel ist mittlerweile in seiner dritten Edition, und es wird immer noch neues Material veröffentlicht. Gut, das Regelsystem ist nicht unproblematisch (Das gehört wohl dazu), und beim Setting hatte ich auch immer das Gefühl das da an einigen Stellen geklaut wurde wo es nur ging, aber hey, der Laden läuft noch. Ich bin allerdings – das sei fairerweise gesagt – nie über ein paar Runden auf Cons hinausgekommen. Den Verlag findet man hier.
  • DeGenesis: Der zweite „große“ Name der NDE, und das einzige Spiel neben Engel welches ins englische übersetzt wurde. Dieses postapokalyptische Europa litt in meinen Augen an gleich drei Totsünden: einem Setting in dem es kaum spielbare Fraktionen gab die miteinander auskamen, kein klares To Do was man denn als SPieler eigentlich machen sollte, und einem Regelsystem bei dem selbst ein kompetenter Schütze Gefahr lief, bei einem Angriff auf eine Scheunenwand sich selbst zu verletzen. DeGenesis erschien ursprünglich bei Sighpress, bis die Entwickler nach ein paar Veröffentlichungen die Lust verloren, bis es vor ein paar Jahren in einer überteuerten Luxusausgabe erneut erschien und heute vor sich hindümpelt. Es gab vieles, sehr vieles das mir am Setting von DeGenesis gefiel, aber insgesamt hat das Spiel für mich final nicht funktioniert. Wer mal einen Blick drauf werfen möchte kann das hier tun.
  • Endland: Endland ist ein wenig an mir vorbeigegangen. Ich habe es mal auf einer Con gespielt. Ich habe es ein oder zwei mal gelesen, aber es ist auch kein Drankommen mehr. Ein postapokalpytisches Science Fantasy-Setting bei dem die Spielleitung zu Beginn der Kampagne auswürfeln soll in wie vielen Jahren das Ende tatsächlich kommt. Das Spiel als solches scheint mittlerweile völlig aus dem Netz verschwunden zu sein (Wer weiß wo man es LEGAL runterladen kann soll bitte bescheidsagen!), aber wer sich informieren möchte kann das bei den Teilzeithelden tun.
  • Frostzone: Und schon haben wir den zweiten Eintrag von Nackter Stahl. Dieses Mal eine Mischung aus Postapokalpyse und Cyberpunk statt finsterer Fantasy, aber mit der selben Ästhetik und dem Regelsystem des Vorgängers. Frostzone ist völlig an mir vorbeigegangen, viel mehr als die übliche kulturelle Osmose – und der berüchtigten „Rezension“ bei den Blutschwertern – habe ich nicht mitbekommen. Die Verlagsseite habe ich ja bereits weiter oben erwähnt.
  • Heredium: Heredium war für mich imnmer „the odd one out“ wenn es um die NDE ging. Schließlich war es das einzige mir bekannte Spiel dieser Art welches tatsächlich eine optimistische Grundhaltung aufwies. Heredium kam vergleichsweise spät auf den Markt, als eines der letzten NDE-RPGs, gehörte aber schnell zu den Lieblingsspielen meines alten Weggefährten, des Sinistren Schurken Serafin. Im Gegensatz zu den anderen Spielen auf dieser Liste beschränkte sich Heredium nicht auf eine bestimmte mehr oder weniger große Region, sondern zeichnete ein Bild der ganzen Welt – und hatte dann ganze fünf Fraktionen, welche an entgegengesetzte Ecken der Welt saßen, und sich gegenseitig eigentlich nicht leiden können. Leider ist das Spiel beim 13Mann-Verlag eingegangen, ohne das dazu viel erscheinen konnte. Bei wem die Rechte jetzt liegen ist eine ungeklärte Frage, zumal 13Mann scheinbar nicht mehr existiert – zumindest tut das die Website nicht mehr.
  • LodanD: Wieder ein Spiel das ziemlich an mir vorbeigegangen ist. Ich weiß eigentlich nur das es postapokalyptisch war, unter Wasser angesiedelt war, und eine Reihe von Quellenbücher hervorgebracht hat bevor es wieder in der Versenkung (Hah) verschwunden ist. Mir ist glaube ich noch nie jemand begegnet der tatsächlich aktiv LodlanD gespielt hat (So wie ich mein Glück kenne wird bestimmt gleich das Orakel erklären das er alles hat und das liebend gerne gespielt hat…). Überraschenderweise ist die Seite zum Spiel immer noch HIER erreichbar.
  • Opus Anima: Die Nachricht das Opus Anima möglicherweise eine neue Edition erhalten soll war der Auslöser für diesen Artikel, ein Spiel mit einer wirklich wunderschönen Buchausgabe und einer selbst für die NDE sehr individuellen Optik, welche mit drei Problemen zu kämpfen hatte. Das erste Problem war das typische „Kein klares To Do“, das Zweite das ebenso klassische „das Regelsystem ist… meh“. Das Setting von Opus Anima, diese zerbrochene Welt mit ihren Seelenlosen Protagonisten. Leider hat das Spiel nie die Möglichkeit erhalten, seine Spielwelt weiter auszubreiten, nach zwei Publikationen war auch schon wieder Schluss – wie auch schon Heredium wurde OA vom Verlag, in diesem Fall Prometheus Games, erstickt bevor es die Chance erhielt sich zu entfalten. Wer sich dieses Spiel mal anschauen möchte kann dies auf der Homepage tun.

Ich war mir nicht ganz sicher ob ich das SF-RPG Nova noch mit in diese Liste aufnehmen sollte, habe mich allerdings dagegen entscheiden, da es final eher eine Parallele zur NDE darstellt, und sich nicht ganz darin einordnen lässt. Was alle Spiele auf dieser Liste gemeinsam haben ist das sie vom Setting her alle sehr stimmungsvoll sind, auch wenn es immer wieder und bei jeder einzelnen Spielwelt Dinge gibt, die mich dazu treiben, wiederholt mit dem Kopf auf die Tischplatte zu fallen. Bei jedem Spiel ist erkennbar gewesen das jemand am Werk war mit einer Vision und einer Leidenschaft. Und jedem Spiel würde ich eine Auferstehung mit einer neuen Edition wünschen. Gerade mit PDF Shops wie DrivethruRPG und mit POD-Technologie sollte das sinnvoll machbar sein.

Aber nehmt dann doch bitte Fate Core als Regelwerk…

Rezensionen:
Die Chroniken der Engel
Heredium
Opus Anima: Grundregelwerk und Investigation

Addendum: Nova

1 Kommentar zu Die gute alte Neue Deutsche Endzeit

  1. Die Gemeinsamkeit, die ICH bei NDE wahrgenommen habe, war, dass nicht nur die Welt kaputt war, sondern auch die SC. Du kannst nix, du bist nix und bist zum Scheitern veurteilt. Typisch deutsch also.

    Deswegen finde ich die Auswahl zum Teil seltsam. AC hätte ich nie bei NDE verortet. Ich kenne das Setting aber auch nicht im Detail. Einfach nur generische, Dark Fantasy, das auf jeden Fall.

    LodLand ist never ever NDE.

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