Die Grüne Fee – Geschichten aus Eis und Dampf

Eine Rezension von Infernal Teddy

Der Name „Judith Vogt“ ist diesem Blog kein Fremder. Caninus und ich haben beide schon Werke aus der Feder dieser Dame besprochen, seien es DSA-Romane, seien es ihre Jugendfantasy-Romane, oder gar das FATE-Setting Eis & Dampf, welches auf der gleichnamigen Anthologie und auch den beiden Romanen basiert, welche sie mit ihren Mann Christian zusammen geschrieben hat. Dazu kommt noch, das „Dame Vogt“ und ich uns schon einige Male auf Twitter darüber gestritten haben, was denn jetzt eigentlich Steampunk sei, was zu einen sehr interessanten Gastartikel geführt hat. Dementsprechend war ich neugierig, als mir Dame Vogt anbot, mir ihr neues Projekt zuzusenden, „Die Grüne Fee“, etwas neues aus der Welt von Eis & Dampf.

Die Grüne Fee, wie die meisten unserer Leser wahrscheinlich wissen auch ein Euphemismus für Absinth, ist in diesem Fall ein schmales Heft im Format A5, in der Mitte getackert. Außen mit einem farbigen Cover ist das Heft sonst komplett in Schwarz-Weiß. Einerseits wirkt das Ganze wie die Schülerzeitung an der ich in den Neunzigern gearbeitet habe, anderseits erweckt es in mir Erinnerungen an die Broadsheets und Pulp-Magazine der ersten beiden Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts. Das Heft enthält zum Teil Werbeanzeigen, welche direkt dem viktorianischen London zu entstammen scheinen, zum Teil Anzeigen von Namen und Geschäften der aktuellen Steampunk-Szene. Addiert man dazu noch Illustrationen von Mia Steingräber und Caryad, und schon hat man ein auch optisch sehr thematisch passendes Magazin.

Inhaltlich bietet Die Grüne Fee seinen Lesern sechs zum Teil recht unterschiedliche Kurzgeschichten. Den Anfang machen Mia Steingräber und Tobias Rafael Junge mit ihrer Geschichte „Lotte“. Diese Geschichte, welche, wie man es aus viktorianischer Literatur kennt, in Briefen, Tagebucheinträgen und Zeitungsausschnitten erzählt wird, spielt vor dem Hintergrund der berühmten Whitechapel-Morde, aber mit einem Twist, welche die Geschichte in diese Welt erdet. Der nie gefundene Mörder in dieser Welt trägt den Namen „Lederschürze“, und er sucht scheinbar Uhrwerkautomaten, welche sich als Frauen ausgeben. Doch was hat das mit der jungen aber merkwürdigen Frau Lethe zu tun, welche als einzige die geheimnisvolle Lotte sehen kann?

Die zweite Geschichte ergreift ebenfalls Inspirationen aus der Literatur dieser Zeit, „In 80 Tagen durchs ewige Eis“ von Christian und Judith Vogt. Die junge Reporterin Nelli Blei versucht im Auftrag des Hansespiegels die bekannte Welt in nur 80 Tagen zu durchqueren – und dabei auch noch schneller zu sein als ihre Konkurrentin Elisabed Bisland. Die Handlung der Geschichte setzt ein, als die Protagonistin sich in der Mongolei wiederfindet, am Hofe des Großkhans in der Gesellschaft eines merkwürdigen Zauberkünstlers namens Iko. Doch nachdem der Großkhan in Erfahrung bringt, wer Iko wirklich ist, setzt er beide fest, und droht damit, Nelli zur Frau zu nehmen wenn der Zauberer nicht die neuste Erfindung des Genies Nikola Tesla zum Leben erwecken kann.

In „Der Schlüssel“ tun sich dann Judith Vogt und Mia Steingräber zusammen, um eine spannende Geschichte über einen Jungen aus Hamburg zu erzählen, welcher durch Mut und Glück nicht nur Teil der Besatzung eines Luftschiffes wird, sondern zum Kapitän einer Bande von Luftpiraten, und auf einem Ball eine Agentin trifft, welche die Liebe seines Lebens wird. Aber eingebettet ist die Geschichte in die Erzählung eines jungen Einbrechers, welcher einen Jungen aus gutem Hause dazu verführen will, ihm zu folgen und sich dem Piratenkapitän anzuschließen – schließlich könnte dieser ja sein verschwundener Vater sein. Doch das wahre Geheimnis wird erst im allerletzten Paragraphen aufgelöst.

Christian Vogt meldet sich danach nochmal zu Wort mit „Männerballett“, weniger eine Kurzgeschichte, eher eine Momentaufnahme, in der zwei Kinder einander eine abenteuerliche Geschichte um einen gefährlichen Attentäter aus einer Zeitschrift vorlesen, nur um das Heft von der neuen Haushälterin abgenommen zu bekommen, einer Haushälterin, welche sich als Attentäterin mit tödlichem Auftrag erweist.

Die darauf folgende Geschichte wurde gestaltet als sei sie ein Zeitungsbericht des Hansespiegels, welcher zwischen den Spalten von zwei Personen kommentiert worden ist. Darin geht es um einen Reporter, welcher Zeuge eines Konflikts zwischen einem Luftschiffpiraten und einer geheimnisvollen Frau im neu eröffneten Waldorf-Asteria wird, allerdings ohne das es zu einem zufriedenstellenden Abschluss kommt, da der Reporter vorher flüchtet. Leider kann ich bei dieser Geschichte nicht erkennen, wer denn der Autor ist.

Abgeschlossen wird das Heft durch eine Geschichte von Mia Steingräber mit dem Titel „Das Mädchen auf dem Eis“. Diese Geschichte erzählt von einem Mädchen, Irmchen, welche auf der Straße lebt, und eines Tages dem Totengräber Schwarzleben zur Hand zu gehen. Ähnlich wie die oben besprochene Geschichte „Männerballett“ ist auch diese Geschichte weniger eine spannende Story und mehr eine Momentaufnahme, ein Ausschnitt, ein Tag im Leben dieses Mädchens.

Fazit:
Dame Vogt und ich werden uns, das sage ich mal vorsichtshalber schon zu Beginn, wahrscheinlich nie ganz einig werden was „Steampunk“ angeht. Now that’s out of the way, wie hat mir Die Grüne Fee gefallen? Ehrlich gesagt, ziemlich gut. Die Geschichten greifen größtenteils auf literarische Inspirationen aus der entsprechenden Epoche zurück, und sind nicht nur angenehm zu lesen sondern machen einfach Spaß. Die Charaktere sind interessant, die Geschichten präsentieren unterhaltsam die sie ausmachenden Ereignisse, und leisten auch noch einiges an interessantem World Building – ich kann mich jetzt nicht erinnern ob in der Fate-Umsetzung davon die Rede war, aber wir bekommen hier beispielsweise Ausblicke auf ein geheimnisvolles Volk, welches mit U-Booten auf chinesische Schiffe jagt macht. Ist es Steampunk? Meiner Meinung nach eher Victoriana als Steampunk, aber ich bin halt ein Klugscheißer. Die Geschichten machen aber vor allem eines – Lust auf mehr. Und da ich die oben erwähnten Romane noch nicht gelesen habe werde ich die wohl bestellen müssen. Mit etwas Glück gibt es ja bis dahin eine zweite Ausgabe der Fee…

Wer sich übrigens Die Grüne Fee zulegen will kann sich das Heft bei den Vogts direkt über deren Website bestellen.

1 Kommentar zu Die Grüne Fee – Geschichten aus Eis und Dampf

  1. Danke für die Rezi! Und: Ausgabe 2 ist bereits in Arbeit.

    Viele Grüße,
    Tobi

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