Das Leben eines Gezeichneten – Teil 43

Pforte des Grauens - Finale

18 Rondra
Es wird sicherlich recht gewaltig ausgesehen haben wie die Bannstrahler den Weg zum Palast hinauf schritten mit den winzigen farblich nicht ganz passenden Punkten, von denen ich wohl am ehesten herausragte. Wir liefen direkt hinter da Vanja ganz vorne in der Gruppe und als wir in einiger Entfernung von Palast zum stehen kamen, bedeutete er drei der Bannstrahlern, dass sie ins Gebäude gehen sollten. Um die Diener zu alarmieren, erklärte er uns – als hätten sie das nicht schon gestern oder die Nacht über machen können? Nein, wir müssen das natürlich direkt vor Ort erledigen und einfach mal drei Männer herein schicken für den Fall, dass der Fürst den Zug aus goldglänzenden Bannstrahlern übersehen hatte! Auf einmal erschien mir die Vorgehensweise der anderen im Echsentempel nicht so absurd wie noch vor einigen Stunden.. wenn sogar Hochgeweihte nicht viel mehr Geschick an den Tag legten – die Antwort erreichte uns jedenfalls kurz darauf, als einer der drei vor unsere Füße flog. In Einzelteilen. Und dann die
restlichen hinterher.
Da Vaya rief zum Sturm auf den Palast und ich wurde mehr vor geschoben, denn das ich eigenwillig hingelaufen wäre. Wir stürmten durch das vordere Tor in die große Empfangshalle in der uns schon eine gewisse Form von Chaos erwartete. Vor uns, den Weg zur Treppe über die wir mussten versperrend, standen zwei große Dämonenhunde, dahinter schlugen die Arme eines Pandämoniums in der Luft umher. Ich wirkte einen portablen Gardianum auf mich, der die Hunde mit meinen Schritten nach hinten drängte.
Leowulf und der Trollzacker gingen jeweils auf einen der Hunde zu und versuchten sie zu erschlagen… natürlich nahm mal wieder niemand wahr, dass ich sie vor den Attacken bewahrte, die sie im Gegenzug starteten und hatten die Hunde schon nach kurzer Zeit niedergerungen.
Ich hingegen schritt voran durch das Pandämonium und hoffte, dass es halten würde bis ich auf der anderen Seite wäre. Aber als ich mich mitten drin umsah bemerkte ich da Vanya, der einen Segen herunterbetete, der das Pandämonium hinter mir verkümmern ließ. Oben auf dem Treppenabsatz schaute ich mich nochmals um. Die Bannstrahler kämpften noch immer mit einigen dämonischen Erscheinungen in der Eingangshalle, sowie den Drachengardisten, die hier stationiert waren. Von den Nebengebäuden erklangen hohe Schreie herüber und die Luft reicherte sich mit niederhöllischem Gestank und Blut an.
Da Vanya musste von einem weiteren Bannstrahler gestützt werden und die anderen drei liefen an mir vorbei in den Verbindungsgang zu unserem eigentlichen Ziel. In jenem Gang waren zwei Tische als Blockaden hintereinander gestellt und hinter ihnen hatten Drachengardisten Aufstellung bezogen. Aus dem ersten Raum schlugen uns Flammen entgegen, die einen bestimmten Geruch mit sich führten. Dort brannten Bücher.
Taruk sprang ohne großen Aufwand über den ersten Tisch hinweg und versuchte den Gardisten der dahinter stand von hinten anzugehen. Greifwin und Leowulf hieben von vorne auf ihn ein und unter diesem Druck ging der Gardist schnell zu Boden. Taruk jedoch versuchte dieselbe Taktik auch beim nächsten Tisch, nur sah er sich dort zwei Gegnern gegenüber. Leowulf, Greifwin und schließlich auch ich kletterten über die erste Barrikade und zum nächsten Tisch hin. Ich hatte,
weniger abgelenkt durch den Kampf vor mir, am hinteren Ende des Ganges eine große Gestalt vorbeilaufen – oder schweben? – gesehen. Da Taruk die Aufmerksamkeit der beiden Gardisten auf sich gezogen hatte und sie mit dem Rücken zu uns standen, versuchte Leowulf sie durch Zurufen dazu zu bewegen sich umzudrehen, weil er sie nicht von hinten erschlagen wollte und als dies nicht fruchtete versuchte er die Barrikade zu zerstören. Greifwin hatte weniger Skrupel und schlug trotzdem auf einen der beiden Gardisten ein.
Gerade als der zweite ebenfalls unter den Schlägen zu Boden gegangen war, tauchte die Gestalt, die ich gesehen hatte, wieder auf. Sie füllte beinahe den gesamten Gang aus und erinnerte mich entfernt an einen Heshtotim, aber wesentlich größer.
Plötzlich redeten sowohl das Auge als auch das Mädchen gleichzeitig auf mich ein und schoben mein Bewusstsein langsam bei Seite um sich selbst Platz zu schaffen. Ich konnte nur stumm zusehen wie mein Körper zu Boden direkt vor die ‚Füße‘ des Dämons fiel, und dann selbst diese Sicht hinter einem rot grüne Schleier verschwand.
Das leise Lachen eines Mannes in der Ferne ließ mich wieder auf meine Umgebung achten. Greifwin zerrte mich auf die Füße und scheuchte mich weiter den Gang entlang. Vom Dämon war nichts weiter zu sehen und vor uns liefen Leowulf und Taruk hinter uns da Vanya und ein Bannstrahler, sowie ein Pandämonium, dass sich rasend schnell in unsere Richtung ausbreitete.
Die beiden vor uns erreichten eine große doppelflüglige Tür und stießen sie ohne zu überlegen auf. Ich wurde noch immer mehr mitgezehrt, denn das ich alleine laufen konnte und gelangte so ins große Audienzzimmer. Als erstes fiel mir ein hagere Mann auf einer Art Thron auf, der seltsam kichernd darüber gegossen da lag und uns nicht wahrzunehmen schien.
Dann erst fiel mir der andere Mann auf, der mit dem Rücken und nach hinten verschränkten Armen aus dem großen Fenster auf den Hof schaute. Vom Aussehen her schien es Wiedbrück zu sein, der dort am Fenster stand, aber irgendetwas – neben der Tatsache, das es ihn überhaupt nicht zu berühren schien, dass gerade ein grobschlächtiger Barbar, ein Rondrageweihter, na ja Greifwin und ich, sowie eine Hochgeweihter der Praioskirche und ein Bannstrahler den Raum betreten hatten und nach wenigen Schritten stehen geblieben waren, weil sie diese Szene ebenfalls sehr irritierend fanden – störte mich an der Erscheinung. Beinahe gleichzeitig versuchten Taruk und Leowulf auf den Mann am Fenster zu zu stürmen blieben aber mitten in der Bewegung stehen und auch ich hörte das leise geflüsterte ’still‘ in meinem Kopf, dass mich dazu zwang keinen Finger zu rühren. Das konnte und wollte ich nicht auf mir sitzen lassen und so versuchte ich mit aller mir möglichen geistigen Kraft, unterstützt durch das Auge, diese Fesseln wieder los zu werden. Jeder geistige Schritt, ohne dass ich auch nur einen Finger regte, schien mich mehr zu entkräften und bald sank ich wieder in bodenlose Schwärze.
Ich erwachte durch Greifwins Schütteln und fand mich auf dem Boden wieder. Wie ich dort hin gelangt war, war mir schleierhaft, aber sicherlich hatte er etwas damit zu tun. Und nachdem mich Greifwin halb wieder auf die Füße gezogen hatte, drehte er sich um und sprach zu uns. Malträger.. kein schönes Wort. Ich wollte ihn niederringen und mit meinen eigenen Händen töten, und obwohl das Gefühl nicht von mir aus ging sondern von wo anders
kam, war ich zum ersten Mal froh über die Verbindung zum Blender, die mich davor bewahrte dem Hass in mir nachzugeben.
Er erkannte mich zuerst nicht wieder, obwohl wir vor mehr als zwei Jahren näher als zwei Schritt gewesen sein musste. Erst eine Erwähnung meinerseits brachte Erkenntnisse. Ebenso wie ihm das Auge unbekannt war und ich fast einen Vortrag über die Geschichte halten musste. Er versuchte unsere Unterstützung zu gewinnen, aber selbst wenn ich es in Erwägung gezogen hätte, so wäre sicherlich das Auge dazwischen gesprungen und hätte weitere Schritte unterbunden.
Ihm schien es jedenfalls zu reichen, denn er verwandelte auf spektakuläre Art und Weise sein Aussehen in eine weitere Maskerade um und rammte seinen Zauberstab in den Boden. Überall breitete sich Chaos aus. Die grünen Lichtpunkte schwirrten vor den Augen und um den Kopf herum und versuchten größtmögliche Verwirrung zu schaffen. Ich hatte allerdings nur eines im Sinn, möglichst schnell zu ihm zu gelangen. Offenbar war Taruk ebenfalls dieser Gedanke
gekommen, denn er stürmte ungeachtet der anderen auf den Mann vor uns los. Nur um vor ihm wieder stehen zu bleiben und sich anhören zu müssen, dass er besser auf seinen Nacken Acht geben sollte. Was auch immer das nun heißen mochte, ich jedenfalls ließ mich nicht beirren und versuchte ihn zu schlagen. Ich traf wohl, denn er machte sich nicht die Mühe auszuweichen, aber es schien ihn gleichfalls so zu stören wie eine Fliege die sich ausruhen wollte und auf der Schulter Platz nimmt. Ich wechselte die Taktik und versuchte ihn – den
Stab in seine Halterung auf meinem Rücken gesteckt – zu Boden zu werfen. Doch auch das
zeigte keinen Erfolg. Sichtlich enttäuscht blickte ich mich um, um zum ersten Mal seit dieser Kampf begonnen hatte das Chaos um mich herum wahrzunehmen. Taruk lag am Boden über ihm ein – ich könnte es echt schwören – höhnisch grinsender Shruuf. Greifwin, der versuchte einen weiteren hinter dem Thronsessel – der Fürst hing nach wie vor auf dem Sessel, war aber inzwischen in ein stetiges Schluchzen ausgebrochen – abzuhängen. Leowulf der wiederum versuchte Greifwin zur Hilfe zu eilen und einige weitere Kämpfer der Bannstrahler, die zur Tür
herein geeilt waren um ihrem Anführer zur Seite zu stehen, die ebenfalls versuchten einen der Shruufim zu Boden zu schlagen. Und natürlich der Stab der Schuld war an diesen Dämonen. Es musste am Stab liegen.
Schon wieder zeigten sich die ersten kleinen Tentakel am oben Ende und ohne zu zögern rannte ich auf den Stab zu. Glücklicherweise lagen zwischen mir und dem Stab keine weiteren Hindernisse und so konnte ich ihn ohne weitere Probleme ergreifen. Greifwin schien dieselbe Idee gehabt zu haben, aber er hatte weit weniger Glück. Ich hörte seinen Todesschrei von weiter hinten und versuchte nur umso mehr den Stab aus dem Boden zu ziehen.
Die Tentakel wurden länger und mehrten sich, aber in ihrem blinden Wahn etwas zu töten, trafen sie nur leere Luft, und nach quälenden Augenblicken hatte ich den Stab in Händen. Irgendetwas veränderte sich und die Dämonen begannen auf den Stab zu zutaumeln und in ihm zu verschwinden. Ein wirklich außergewöhnliches Schauspiel. Erst nach einer Weile wurde ich der Stille im Raum gewahr und sah mich um. Leowulf hatte sich Greifwin und Taruk geschnappt und versuchte sie mit seinem Gottvertrauen zu heilen. In einer Ecke standen die Praioten zusammen und schienen sich ebenfalls um die Verletzten zu kümmern. Von ihm war nichts mehr zu sehen.
Den Stab noch immer in Händen ging ich auf da Vanya zu, der in einer Ecke von einem Bannstrahler behandelt wurde. Er wollte den Stab haben. Sofort. Ich wollte ihn nicht abgeben – sah man einmal davon ab, dass ich ihn so fest umklammert hatte, dass sich meine Finger um ihn verkrampft hatten und ich ihn so schlecht abgeben konnte – und teilte es dem Hochgeweihten auch mit. Er entgegnete erst einmal nichts. Offensichtlich war er es nicht gewohnt, dass ihm jemand derart Paroli bot und er hatte – wiederum Glück für mich – seine karmalen Kräfte für
die Dämonen ausgegeben, konnte mich also nicht mehr dazu zwingen.
Ohne weitere Worte verließ ich – zugegebener Maßen etwas unwürdig mit dem Stab in den Händen und wenig Manövrierfertigkeit – den Raum und die anderen drei folgten mir.

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