Das Leben eines Gezeichneten – Teil 3

Staub und Sterne - Teil 2

3 Boron
Der Tag ist ruhig gewesen, die Strecke wegsam und die Gefährten nicht allzu lästig. Heute Morgen allerdings schien der gute Geschichtenerzähler verschwunden, und kam erst später wieder zu uns. Aber ich messe dem keine große Bedeutung bei. Der Maraskaner allerdings verlangte einen magischen Test – pah, als ob ich das wegen einer solchen Lappalie machen würde.

4 Boron
Auch dieser Tag wurde einzig durch ein besonderes Ereignis unterbrochen. Bhukar, der Geschichtenerzähler meinte in einem Dorf, durch das wir zogen “geboren“ worden zu sein. Wörtlich. Aber erst vor ein paar Jahren. Das ließ mich dann doch etwas stutzig werden und ich wirkte einen Odem auf ihn. Hätte ich es bloß nicht getan. Der Mann erschien in einem solch strahlenden Weiß, dass es meine Augen blendete und meine Sehkraft minderte. Ich kann mir nicht erklären wie eine dermaßen starke Strahlung zustande kommen könnte, außer er besteht aus so was wie reiner Magie. Was wohl schier unglaublich ist. Aber meine Neugier war geweckt. Doch kann ich jetzt noch nichts unternehmen. Der Maraskaner bat mich tatsächlich schon wieder um einen Odem – als ob ich ihm das erzählen würde, wenn ich mir selbst nicht sicher bin was er ist.
Abends trafen wir auf den Rande eines Flusses, und beschlossen erst am nächsten Tag hinüber zusetzten.

5 Boron
Heute wäre ich wohl besser nicht aufgestanden. Irgendwie fing der Tag eigentlich ganz gut an, aber endete in einem Desaster. Wenn wir diesen Geschichtenerzähler doch nie mitgenommen hätten! Dann wäre ich doch nie auf die Idee gekommen.
Heute haben wir endlich unter freiem Himmel übernachtet, ich dachte mir, dies ist die Chance eine Beschwörung durchzuführen, ohne dass irgendwer anders das mitbekommt. Nach dem nicht gerade angenehmen Ereignis mit meinem Versuch einen Odem auf ihn zu wirken, dachte ich mir, dass ja jemand anderes vielleicht mal schauen könnte und Dämonen sowieso eine magische Sichtweise besitzen.
Ich schlich mich also während meiner Wache vom Lager fort um einen geeigneten Platz aufzusuchen. Ich fand tatsächlich einen halbwegs geeigneten Platz hinter einer Düne, und nachdem ich den Boden von Schafdung befreit hatte, begann ich mit dem Aufzeichnen des Heptagramms mittels Stock und eingestreutem Kreidestaub. Auf Sand lässt sich schlecht zeichnen. Wie beschrieben fügte ich das Datum, meinen Namen und den des Dämons in das Heptagramm ein. Ich hatte mich für einen zweigehörnten Diener Iribaars entschieden. Immerhin beherrschte er die Kunst des Analys. Plötzlich fiel mir auf, dass ich die Kerzen zwar dabei hatte, aber keine Möglichkeit sie hier und jetzt zu zünden. Also ging ich wieder zurück zum Lager und stellte mit einer gewissen Erleichterung fest, dass noch immer alle schliefen. Ich zündete eine der Kerzen am Feuer an und begab mich zurück zum Heptagramm. Nun fehlte nur noch der Schutzkreis um mich, damit im Falle eines Fehlschlags nicht schon wieder irgendetwas Unerwartetes passierte.
„Dämon, Diener des Iribaar, ich beschwöre dich jetzt, an diesem Tag und zu dieser Stunde hier,  um dir bestimmte Angelegenheiten aufzutragen. Bevor ich aber damit fortfahre, zeige Dich gut  sichtbar vor mir. Und höre, solltest Du unter einem Bann gleich welcher Art stehen, oder anderswo beschäftigt sein, wird Dich dennoch nichts befähigen, Dich der Kraft meiner Beschwörung zu widersetzen. Erscheine nur Du alleine. Während ich Dich kontrolliere wirst Du mir durch keine Deiner Handlungen Schaden zufügen. Deshalb komme sofort und sichtbar und
erscheine in dem Beschwörungskreis außerhalb dieses Kreises.“
Tatsächlich, im Gegensatz zum letzten Mal, erschien der von mir gewünschte Dämon im Inneren des Kreises. Leider nicht mit der von mir angenommenen Demut, sondern mit echten Herausforderungen. Stumm versuchte ich ihm die Stirn zu bieten und ihn unter meine Kontrolle zu zwingen um ihm danach seine Aufgabe mitzuteilen. Nur scheine ich vom Pech verfolgt. Der Dämon ließ sich nicht kontrollieren. Er verschwand einfach. Und ich habe nun Kopfschmerzen. Als hätte die Welt einen kleinen Sprung, aber eben ohne mich gemacht. Das ganze klingt nicht gut. Ich hatte nie das Glück, oder vielleicht war das auch ganz gut so, mit einem von einem Dämon besessenen zu sprechen, und kann mir daher leider nur aus Geschichten zusammenreimen was passieren könnte. Vielleicht bilde ich mir das ganze aber auch nur ein. Wie etwa eine Scheinschwangerschaft eines Hundes, eine Art Scheinbesessenheit, mit Symptomen von denen man glaubt das es so sein müsste, aber ohne Hintergrund. Ich mache mir bestimmt einfach zu viele Gedanken, und mit diesen Kopfschmerzen fällt das Schreiben auch nicht leicht. Ich kann mich kaum konzentrieren. Und hoffe das mir hier am Lagerfeuer niemand zusieht, während ich, den Kopf auf die linke Hand gestützt, diese Worte mehr kritzele, denn
sauber schreibe.

6 Boron
Sie scheinen nichts von meinen nächtlichen Tätigkeiten mitbekommen zu haben, ich habe also noch mal Glück im Unglück gehabt, und auch dieses Unglück scheint von weitaus geringerem Umfang als ich befürchtet hatte. Der Weg heute war unfreundlich, aber machbar, und bot uns wenig Abwechselung. In der Ferne konnten wir gut den mächtigen Felsen sehen, der sich gegen den Horizont wie ein daliegendes Schlachtschiff abhob. Gegen Sonnenuntergang erklang in der Ferne ein seltsames Geräusch, wie ein Sturmwind, nur verzerrter. Ich vermute, dass es ähnlich wie Windspiele durch Löcher im Felsen hervorgerufen wird. Einige Stunden nach Sonnenuntergang kehrte Ruhe ein nur um einige Stunden vor Sonnenaufgang wieder erneut zu beginnen.

7 Boron
Der Tag hat nicht gut begonnen. Ich wurde unsanft durch Adaques Geschrei aufgeweckt, die uns informierte, dass einige Wildhunde uns zu ihrer Beute auserkoren hatten. Glücklicherweise scheint Bhukar ein sehr, sehr fähiger Kämpfer zu sein, was auch immer er ist, denn er erschlug alleine fünf Hunde mit nur einem Schlag. Also hintereinander, nicht gleichzeitig. Das ist mit einem gerade knapp zwei Meter langem Schwert auch anders schwer möglich. Einen der Hunde setzte ich außer Gefecht, und darauf bin ich recht stolz. Der andere Hund, der auf mich zu sprang, war jedoch leider deutlich geschickter als ich, so dass ich auf Rettung durch Bhukar warten musste. Nachdem die wenigen Wunden versorgt waren, machten wir uns auf, die nun vermutlich in der Nähe befindliche Unfallstelle näher zu begutachten. Schon nach wenig Zeit fanden wir eine kleine Pfanne und andere Gegenstände aus dem Wagen, Pferdeknochen, wie ausgehöhlt ohne sie zu öffnen und schließlich auch den Wagen selbst. Ansehen wollte ihn sich
niemand wirklich, da er nach Dämon stank. Also entsprach die Geschichte offensichtlich der Wahrheit. Irgendjemand hatte hier einen Dämon beschworen und ihn auf diese Leute gehetzt, aber warum? Im Wagen, ich mag es kaum auszuschreiben, saß der Leichnam eines der Mitreisenden. Aber grässlich zugerichtet. Als wäre etwas von unten durch ihn hindurch gezogen worden und hätte dabei sein ganzes Fleisch mumifiziert. Einen solchen Anblick bin selbst ich nicht gewöhnt. Und überall der Schleim, ebenfalls hart geworden. Ich versuchte den Mann aus den Trümmern zu ziehen, aber er schien festgeklebt, und so genau wollte ich das dann auch nicht unbedingt wissen. Eine gute Möglichkeit herauszufinden, was geschehen war, kam in meinen Sinn. Dieser Mann war offensichtlich unter großen Qualen gestorben, es bestand also eine große Chance, dass sein Geist noch irgendwo in der Nähe weilte und uns vielleicht erzählen konnte, was passiert war. Die Elfe machte mich dann darauf aufmerksam, dass an der Wand eine eben solche Spur aus getrocknetem Schleim zu finden sei.
Nach Einbruch der Dunkelheit zogen die Elfe und ich los um den Geist zu rufen. Ehrlich gesagt wunderte mich das Verhalten der Elfe. Warum wollte sie unbedingt dabei sein? Hatte sie vielleicht doch etwas mitbekommen von meinem nächtlichen Abenteuer neulich? Ich hoffe nicht, aber den Elfen kann man nicht unbedingt nachsagen, dass sie unaufmerksam seien. Wir mussten unser Vorhaben zunächst jedoch abbrechen, da das Heulen und mit ihm ein starker Sandsturm einsetzte. Bis dieser wieder abnahm, zogen wir uns auf einen höher gelegenen Platz zurück und warteten.
Der Geist war in einem nicht überraschend desolaten Geisteszustand. Er konnte mir leider keine klare Aussage geben, nur das die weitere Person im Wagen offensichtlich entführt worden ist. Er wollte jedoch nicht bekannt geben von wem, oder was überhaupt geschehen sei, also zog ich mich wieder zurück, nun schon wieder nahe an Kopfschmerzen, durch anstrengende Zauberei.
Glücklicherweise hält mich das im Hier und Jetzt, denn das Heulen scheint aus viel mehr als nur dem Wind zu bestehen.

8 Boron
Dieses Geräusch geht mir allmählich auf den Geist. Immer so ein Schreien und Wehklagen in der Luft, aber trotzdem am Rande der Wahrnehmung, so als würde es immer kurz vor der Realität zum Stehen kommen und herüber brüllen. Den Tieren scheint es nichts auszumachen. Merkwürdig. Nicht das ich viel Ahnung von Pferden, geschweige den Kamelen habe, aber trotz alledem sollte man meinen, dass Tiere empfindlich sind.
Nach unserem kargen Frühstück machten wir uns also auf den Weg eben diesen auf das Plateau zu suchen, und die erste Idee war die Klamm, an der wir kurz bevor wir auf die Überreste des Wagens stießen, vorbeigekommen waren. Die Wände waren himmelhoch und innen drin war es recht kalt. Der Anstieg des Bodens in der Klamm war beinahe weniger als gar nichts, so dass auch nach einigen Stunden laufen, noch immer kein wirklicher Fortschritt zu bemerken war. Dann endete die Klamm einfach in einer Spalte. So ein Ärger. Ich hatte inzwischen leicht wunde Füße
und Hände vom Klettern über Geröllblöcke, und nicht einmal ein Erfolgserlebnis, sondern im Gegenteil einen ebenso langen und anstrengenden Weg zurück. Wir strauchelten und kletterten also zurück, nur um bei fast Abenddämmerung von der Elfe darauf aufmerksam gemacht zu werden, dass, etwas näher an der Stelle des liegen gebliebenen Wagens, eine weitere Klamm sei, die aber erst ab einer Höhe von 50 Schritt begann. Aber jetzt hinauf klettern wollte sie dann auch nicht. Immer wieder sprachen sie, also die Elfe und Adaque, davon Proviant zu holen, dabei ist es absolut essentiell, dass wir den Ort schnell erreichen. Wo auch immer ‚der Ort‘ ist. Wenn jemand einen solch mächtigen Dämon rufen und beherrschen kann, möchte ich nicht darüber nachdenken, was er mit einem menschlichen Opfer durchführen könnte, schon gar nicht bei kommender Sternenkonstellation. Mit einigen Halbwahrheiten über die Tatsachen gelang es
mir schließlich sie von der Dringlichkeit des Ganzen halbwegs zu überzeugen.
Zurück am Lager fanden wir doch tatsächlich ein gebratenes Stück Bulle vor. Sehr merkwürdig, was macht ein solches Tier soweit von einer Ansiedlung entfernt alleine hier draußen? Kurz beschlich mich das Gefühl, dass es etwas Übernatürliches sein könnte, aber ich war dennoch hungrig, und vielleicht auch ein winziges bisschen neugierig, wie es wohl schmecken würde, falls es tatsächlich etwas anderes als das zu Sehende sein sollte. Nennt mich vielleicht lebensmüde, aber ich habe einfach schon zu viel mitmachen müssen in letzter Zeit, als das so etwas meinen Überlebensinstinkt wecken könnte. Sehr viel Schlimmeres kann kaum noch passieren, hoffe ich insgeheim. Aber noch immer ist nichts weiter passiert. Es scheint keine negativen Folgen zu geben und ich hoffe jeden Abend, dass ich nicht doch plötzlich eine unschöne Überraschung erleben werde.

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