Das Leben eines Gezeichneten – Teil 21

Unstillbare Gier - Teil 4

21 Hesinde
Ich erwachte ausgeruht und so gut wie ich selten geschlafen hatte am Morgen im Borontempel. Leowulf hatte ebenfalls im Tempel übernachtet, Latu war in die Taverne gegangen, weil ihm der nahe Tod nicht behagte. Wir kleideten uns an und kehrten ebenso in die Taverne zurück. Greifwin hatte den Fund der Leiche mit den Praioten und der Stadtwache abgeklärt, wie er uns berichtete und wir konnten uns aufmachen um weiter nach Süden Richtung Menzheim zu ziehen.
Der Weg nach Süden verlief recht ereignislos, da die Strecke gut befahrbar war, aber trotz allem kamen uns nur wenige Leute entgegen, so dass ich den halben Tag im Sitzen in der Kutsche verschlief. Die Dämmerung brach gerade herein, als wir ein kleines Dorf erreichten, dass gerade seine Stadtmauer hochzog. Da wir nicht noch weiter wollten mieten wir uns ein Zimmer im örtlichen Gasthof und hörten uns dann ein wenig in der Stadt um.
Richtig verschwunden waren wohl kaum Leute. Anscheinend waren aber welche von der Baustelle geflohen, weil sie nicht mehr arbeiten wollten. Das ganze interessierte mich wenig und ich überließ es den anderen näheren Erkundigungen einzuholen. Ich war eher gespannt auf diesen Herren von Menzheim, der angeblich mit dem Namenlosen im Bunde sei.
Die Nacht begann recht ruhig, wenn man davon absieht, dass Leowulf unbedingt unter dem einzigen Fenster des Zimmers schlafen wollte und mit lautem Getöse sein Bett dahin verschob.
Aber mitten in der Nacht erwachte ich durch das Klirren von Glas und sah erschrocken in Richtung Fenster vor dem Leowulf halb saß, halb stand und seinen Rondrakamm aus dem Fenster hielt, durch das jetzt weiße Flocken ins Zimmer tanzten. Er hatte angeblich einen Schatten vor dem Fenster gesehen und dann danach geschlagen. Dem Blute auf seiner Klinge nach, hatte er auch etwas Lebendes – zumindest Blutendes – erwischt und wollte es nun verfolgen.
Ich erhob mich schwerfällig und wickelte mich angesichts des Schneehaufens, der inzwischen das Bett des Rondrageweihten bedeckte, warm in die Sachen, die uns der Herzog geben hatte, ein. Ich nahm nur meinen Stab mit und trat hinter den anderen dreien, die ebenfalls nur das nötigste gegriffen hatten, hinaus in den Schnee der Straße.
Es war so kalt wie ich befürchtet hatte und der Wind schnitt hart in mein Gesicht, als ich Latu folgte, der die Blutspur unseres nächtlichen Besuchers gefunden hatte und sie nun verfolgte. Unser Weg führte uns aus der Stadt hinaus an einer Stelle an der die Stadtmauer noch nicht errichtet worden war und über die Felder der Umgebung. Wenn es nicht so kalt gewesen wäre hätten sie sicherlich einen guten Anblick abgegeben, der Schnee glitzernd im Licht des
Madamals und in der Ferne standen einige Rehe am Waldrand, aber ich achtete kaum auf meine Umgebung.
Die Spur endete vor eine großen Scheunentor, das zu einem Hof gehörte der etwa zwei Stunden von dem Dörfchen entfernt in mitten der malerischen Landschaft lag. Das Tor ließ sich ohne große Probleme aufschieben und ich betrat mit angezündeter Fackel am Ende meines Stabes die Scheune, in der sich auf den ersten Blick aber niemand finden ließ. Die Scheune hatte einen Heuboden zu dem eine Leiter führte und auf dem wir unseren nächtlichen Besucher vermuteten.
Ich stieg langsam – gefolgt von Leowulf – die knarrenden Stufen hinauf und spähte in das spärlich erleuchtete Halbdunkel auf dem Heuboden. Dort stand eine Hütte aus Stroh und anderen Sachen errichtet, und in der Hütte glühten zwei Augen im Schein der Fackel auf.
Ich kletterte ganz nach oben und machte dem Rondrageweihten ein wenig Platz, damit dieser ebenfalls den Boden ganz betreten konnte, als der Mann – denn die Gestalt ließ trotz ihres unansehnlichen Äußeres auf einen Mann schließen – an uns vorbei auf die andere Seite des Bodens huschte. Er trug nur eine ausgebeulte Hose an seinem seltsam verzerrten Körper und blickte uns aus seiner Ecke nervös an.
Wir versuchten ihn einzukreisen, aber er entwischte meinem Versuch mich auf ihn zu werfen beim ersten Mal. Beim zweiten Mal bekam ich ihn zu fassen, aber er schrie los und wollte nicht mehr damit aufhören. Ich hingegen wollte mitnichten von meiner Beute herunter, aber er stieß mich mit seinen kräftigen Armen von sich und versuchte über die Decke zu entkommen.
Das war eindeutig kein Mensch mehr. Vorher hatte ich noch gedacht, dass es vielleicht einfach ein verwahrloster Bauer sein konnte, aber die Kraft, die er uns entgegensetzte und dann die Geschicklichkeit sich kopfüber an der Decke der Scheune zu halten wiesen eindeutig auf übernatürliches Wirken.
Latu erwischte ihn mit einem gezielten Pfeil in den Rücken und er fiel über vier Schritt tief direkt vor die Füße des Ifirngeweihten, der einen weiteren Pfeil auflegte.
Leowulf und ich stiegen die Leiter wieder hinab und gesellten uns zu den anderen beiden. Der Mann versuchte aus der Scheune zu fliehen, aber es war in den letzten Stunden wärmer geworden und der Schnee war in Regen übergegangen. Nach wenigen Augenblicken rannte er wieder in die Scheune, mit leichten Verätzungen auf seiner bloßen gelblichen Haut.
Der Regen schadete ihm wohl. Er verkroch sich in einer Ecke und ließ sich ohne viel Aufheben zu machen von Greifwin fesseln. Wir entschlossen uns ihn in den nächsten Tempel zu bringen, aber dieser konnte frühestens in Menzheim sein, denn das kleine Dorf hatte keinen. Und wir konnten ihn schlecht durch die regennasse Nacht transportieren ohne hinterher nur noch einen Haufen zerfetzte Fleischstücke übrig zu haben, so dass sich Latu bereit erklärte die Kutsche bis
zum Hof zu führen, während wir hier in der Scheune warten konnten.
Nachdem sich Latu auf den Weg gemacht hatte und vermutlich glücklich durch den Schnee wandelte, suchte ich mir einen bequemen Platz im Heu und versuchte die innere Ruhe zu erlangen, die nötig ist um einzuschlafen. Es wollte mir nicht recht gelingen und als Greifwin, der Fredo – so hatte sich unser Gefangener bezeichnet – beobachtet hatte, wie er ihn beobachtet hatte, sich erhob und bemerkte, dass es ihm nicht gut gehen würde, offenbarte sich mir eine silbrig glänzende Spur von Greifwin zu Fredo. Das also war es. Er machte irgendetwas mit
ihm. Ich empfahl Greifwin das Gesichtsfeld Fredos zu verlassen und er floh regelrecht aus der Scheune. Bevor ich endgültig einschlief, sah ich dasselbe Band vor meinem geistigen Auge, nur dieses Mal zwischen Leowulf und Fredo. Ich hatte sie darauf hingewiesen, dass seine Gegenwart wohl nicht gut war, aber wenn sie nicht auf mich hören wollten, würden sie schon sehen was sie davon haben.

22 Hesinde
Ich erwachte, weil jemand laut meinen Namen rief und wusste im ersten Moment nicht, warum es so nach Stroh und Heu um mich herum roch, erinnerte mich dann aber wieder was gestern geschehen war und setzte mich auf. Überall in meiner Kleidung steckten Strohhalme und ich zupfte sie vorsichtig beiseite, während Latu und Leowulf Fredo in eine Decke hüllten und ihn in die Reisekutsche luden. Greifwin wollte absolut nicht in der Kutsche reisen und bestand darauf vorne beim Fahrer zu sitzen. Der nasse und kalte Regen hatte etwas nachgelassen, aber
es klopfte noch immer unaufhörlich auf das Kutschendach, als wir zurück in das Dorf kamen um zu frühstücken und unsere Sachen abzuholen. Latu hatte das zerbrochene Fenster bezahlt und so wurden wir wenigstens nicht unfreundlich aufgenommen.
Bald darauf reisten wir weiter in Richtung Süden. Fredo hatte sich unter eine der Bänke gerollt und schien zu schlafen, und ich bedachte die Landschaft rechts und links der Kutsche mit mehr oder weniger interessierten Blicken, als die Kutsche plötzlich leicht durchgeschüttelt wurde und Greifwin auf dem Kutschbock laut aufschrie. Dann hielt die Kutsche an und ich steckte meinen Kopf aus dem Fenster um zu sehen, was denn passiert war. Greifwin schrie etwas von einem
weißen Drachen, der über die Kutsche geflogen sei und hinter dem nahen Wäldchen gelandet wäre. Ein Drache… ja sicher…
Wir steigen trotzdem aus, und ließen Fredo unter der Bank. Draußen hatte es mittlerweile aufgehört zu regnen und die leicht abgeschmolzene Schneedecke gab seltsame Geräusch von sich als wir darauf herum liefen. Es war ein Wäldchen in der Nähe, aber als wir ein Stück darauf zugelaufen waren, tauchte aus den kahlen Gebüschen am Rand des Waldes eine Person auf, die sich nach wenigen Schritten als eine bis auf zwei Armreife völlig nackte Elfe offenbarte. Auf dem Weg zu uns stolperte sie zwei Mal und als ich endlich ihren Gesichtsausdruck sehen konnte, erblickte ich Furcht in ihren Augen. Möglicherweise hatte sie ja auch den Drachen gesehen.
Ohne große Scheu trat sie auf unsere Gruppe zu und versuchte sich hinter mir vor dem was sie erschreckt hatte zu verstecken. Zunächst war ich recht überrascht und misstrauisch über dieses Vertrauen einem Unbekannten gegenüber, aber ich verschob es in die hinterste Ecke meiner Gedanken, als sie uns in ihrer Sprache grüßte und sah Latu und Leowulf zu, die zum Wald
gehen wollten um nach Spuren des Drachen zu sehen. Greifwin kehrte zurück zur Kutsche um unseren Gefangenen im Auge zu behalten.
Ich versuchte mit der Elfe zu reden, aber zunächst sprach sie bloß in ihrer Sprache auf mich ein. Ich kann kein Isdira, also versuchte ich es in meinen mir bekannten Sprachen, und nachdem ich sie auf Garethi, welches ich natürlich nicht als erstes testete, angesprochen hatte, antwortete sie in gebrochenem Garethi mit ihrem Namen. Ich legte meinen Mantel um sie herum, da es sicherlich auch für Elfen im Winter kalt ist, und sie drückte sich an mich.
Etwas ungewohnt war diese Situation schon. Das letzte Mal als mir einen Frau so nahe war, und vor allem keinen Fetzen Kleidung am Leib trug, ist Ewigkeiten her, so dass ich schon fast vergessen hatte wie sich das anfühlte. Ein kleiner Teil von mir dachte noch über Drachen die in Wäldern verschwinden und nackte Elfe die daraus auftauchen nach, aber ich drängte ihn fort aus meinen Gedanken, als mich die Elfe küsste.
Sie erwähnte einen Drachen. Vermutlich war sie vor ihm aus dem Wald geflohen. Verwirrt und erfreut zugleich stand ich in matschigem Schnee mitten auf einem Feld und ließ zu das die Elfe begann mich auszuziehen. Ich warf noch einen halben Blick auf Greifwin, der an der Kutsche stand und sorgsam das Innere begutachtete, aber die Küsse der Elfe zogen meine Aufmerksamkeit wieder auf sie und ich bedachte sie ebenfalls mit einigen.
Ich ließ mich in den noch immer relativ weichen Schnee fallen und zog die Elfe mit hinunter zu mir, so dass ich hoffentlich aus dem Blickfeld Greifwins verschwunden war. Er wurde sonst nur wieder unnütze Kommentare abgeben, schlimmstenfalls sofort. Diese Elfe war echt sonderbar, denn ich spürte nicht einmal die Kälte unter meiner teils entblößten Haut, sondern nur die samtene Haut der Elfe auf mir.
Hände im Gesicht.
Tastend.
Streichelnd.
Schmiegend.
Reißend.
Schnee.
Kälte.
Verlorene Wärme.
Gewonnener Schmerz?
Nässe an meinem Rücken und in meinem Gesicht.
Warme Feuchtigkeit auf meiner Wange.
Tränen?
Nein.
Härter!
Verlust…eindeutig.
Mehr als Schmerzen?
Wieder Flüssigkeit, warm und zäh.
Entsetzlich entfernt und erschlagende Einsamkeit.
Alleine.
Das war es!
Niemand sonst.
Schreie.
Und Furcht.
Grenzenlos.
Weg!
Weg!
Weicher Schnee an nackten Fesseln.
Schnee im Gesicht.
Gestolpert?
Weiter!
Weiter!
Aufstehen!
Wieder Schnee, glatt und kalt, wie Eisen.
Dann Arme. Hände. Tastend. Suchend. Haltend.
Stimmen, laute, sorgend, betend.
Kälte im inneren und von außen.
Warme Hände auf meiner Haut, führend. Latu. Leowulf.
Verlust!
Sitzen. Ausruhen.
Versorgend so gut wie möglich, an Götter glaubend zu Göttern betend.
Schlafen, nur schlafen. Aber die Kutsche ist weg. Davon. Geflohen vor dem Schrecken.
Großer Drache. Elfe gleich Drache. Raubende Drachen. Drachen stehlen Schätze. Glänzende Schätze. Mein Auge. Verloren. Nach Norden.
Feuer. Ein warmes Feuer vor meinem Körper.
Ruhe und Stille im sanft gefallenen Schnee um meine Füße. Rotes Licht vom Feuer erhellt den Schnee, schmilzt den Schnee in alles verzehrender Wärme bis nur noch braunes Nichts verbleibt.
Schritte, Stimmen in der Nacht. Alle schlafen. Schlafen alle? Wieder Stimmen, bald singend, bald quäkend.
Ein Gesicht vor meinem Gesicht, fremder Gesang. Eine Frage?
Eine Antwort auf die Frage. Ansehen will sie – sie ist weiblich – es sich. Ich lasse sie, was hat es für einen Sinn noch. Wir müssen hinterher. Was wollen sie hier?
Keine Hilfe. Ich soll es ersetzen. Mit etwas läppischem das ihr in keiner Weise gleich kommt, und die Untat verdecken. Ja, verstecken das Verschwinden meines Auges, meiner selbst. Ein Name aus dem Augenwinkel. Pardona. Ein Knurren. Ja, ich kenne den Namen. Namen, ha! Namenlos! Das ist es! Aber warum? Warum jetzt und warum ich? Sie alle haben Angst vor ihr, fliehen vor ihr, rennen davon.
Kühle Hände auf mir, ein weiches Tuch um meinen Kopf gewickelt. Aus Gewohnheit wickele ich meines darüber. Um es zu verdecken, für mich selbst zu verstecken, obwohl die innere Leere nie verschwinden wird. Mein Seelentier also? Was ist ein Seelentier? Wie können sie es fühlen? Wie es wohl aussieht?
Sie verschwinden wieder. Nur Feuerprasseln bleibt zurück. Wachablösung. Leowulf.
Er spricht mit mir… lange. Ich weiß nicht worüber, aber er holt meine Gedanken in die Wirklichkeit, ins Hier und Jetzt zurück. Er sagt ich müsste kämpfen, dagegen kämpfen… und nie aufgeben. Niemals, bis ich zurückerlange was verloren ging. Der Morgen graut am Horizont und ich erhob mich langsam.

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