Das Leben eines Gezeichneten – Teil 19

Unstillbare Gier - Teil 2

18 Hesinde
Greifwin weckte mich des Morgens, wir schliefen in einem gemeinsamen Zimmer, recht unsanft. Er fühle sich nicht gut, sagte er, und er habe einen schlimmen Traum gehabt. Pah, als konnte er schon mitreden wenn es um Träume ging! Dennoch fragte ich interessiert nach, und er hatte im Traum eine Gestalt auf dem Fenstersims gesehen, die ihn angestarrt hat. Nur angestarrt.
Was für ein Alptraum. Ich sah auf dem Fensterbrett nach, es war noch mehr Schnee gefallen, fand aber keinerlei Spuren. Auch mit einem Odem fand sich nichts. Also ging ich nach unten um zu frühstücken um dann zurück zu Latu und Leowulf zu gehen. Latu kam mir auf dem Weg entgegen. Er wollte wohl Alkohol besorgen, um dem nun Nüchternen die Zunge zu lockern, aber es war unnötig, denn Leowulf hatte im gut zu geredet und er hatte erzählt was er gesehen hatte. Einen Ork der plötzlich geknurrt hat, nichts weiter. Und auch nicht so angst erfüllend, dass
man davon in den Suff fällt. Ich frage mich, ob das was auch immer passiert ist, vielleicht aus seinem Gedächtnis gelöscht wurde, habe aber noch immer keine Möglichkeit auf so etwas zuzugreifen.
Wir brachen also auf um weiter nach Baliho zu reisen und quartierten uns wieder im gleichen Gasthaus ein, wie auch schon vor einem halben Jahr. Gemeinsam gingen wir zum Traviatempel um Mutter Linai aufzusuchen, die vielleicht etwas über verschwundene Personen zu berichten wusste, trafen aber nur die Schwester an. Glücklicherweise wusste sie ebenfalls von den Vorkommnissen, wie vermutlich auch jeder andere Bewohner dieser Stadt. Innerhalb der letzten Wochen waren Rahjamädchen brutal ermordet worden. Die letzten Opfer lagen noch immer bei der Stadtwache und ich machte mich sogleich auf sie zu untersuchen.
Ich habe ja schon einige Tote gesehen, aber diese waren wirklich übel zugerichtet. Nicht einfach ermordet worden. Sie waren ausgeweidet und zusätzlich mit Symbolen der Travia bedeckt worden.
Ob es eine Art seltsamen Ritualmordes war? Die Art und Weise wie die Toten umgebracht wurden, deutete auf einen sehr grobschlächtigen Rechtshänder. Ein Medikus hätte jene Eingriffe mit deutlich weniger Aufwand erreichen können. Die zweite Tote war erst seit vier Tagen hier, die erste seit elf.
Der Gardist, der uns zu den Leichen gebracht hatte, sagte, dass es inzwischen sieben Tote gegeben hatte, jeweils innerhalb von genau sieben Tagen Abstand. Ich beschloss später, wenn es dunkel wurde, zu versuchen eines der beiden Mädchen als Geist zu rufen, um vielleicht mehr Licht in die Sache zu bringen, erzählte Greifwin aber vorerst nichts davon. Er wollte sich aufmachen um im Praiostempel nach Informationen zu suchen – oder suchen zu lassen, immerhin kann er nicht lesen – da er, nachdem ich ihm gegenüber merkwürdige Wunden am Hals erwähnte, Vampire hinter der Sache vermutete. Was auch immer das jetzt ist. Ich werde wohl
warten müssen, bis er zurück kommt.
Kurz vor Einbruch der Nacht kehrte Latu zum Gasthaus zurück. Leowulf wollte zum Rondratempel und beten gehen, also legten wir uns schlafen. Ich wartet eine Weile und baute dann den kleinen Kerzenkreis auf um einen Geist zu rufen. Recht schnell manifestierte sich die grün durchschimmernde Gestalt einer Frau in mitten des Kreises.
Ich blickte mich nochmals um, aber Latu schlief noch, dann fragte ich das Mädchen, ob es wisse, wer ihr Mörder sei. Sie nickte, aber nach weiteren Fragen, stellte sich heraus, dass sie stumm geboren worden war und nicht die Kraft hatte in dieser Form zu sprechen. Ich musste mir also all meine Fragen so überlegen, dass sie möglichst einfach zu beantworten waren.
Mist.
Zudem war Latu durch den grünen Schein erwacht und warf mir vor hier im Zimmer frevelhafte Dinge zu treiben. Ich erklärte ihm langsam nochmals, dass das kein Frevel sei, da der Geist sowieso hier wäre und jetzt bloß sichtbar, und bemühte mich weiter die Antworten des Mädchens nachzuvollziehen. Sie war nachts alleine von einem Mann angesprochen worden und dann mit ihm über eine Brücke und zu einer Seitengasse gegangen. Dort hatte er sie wohl erwürgen wollen, sie konnte sich aber wehren und war letztlich von ihm – halb niedergeschlagen – gebissen worden. Also wohl doch diese Wesen, an die Greifwin gedacht hatte. Latu floh aus
dem Raum, als das Mädchen ihn mit einer Geste für eine richtig beschriebene Antwort bedachte, und das Mädchen durch die Wand, weil es mir den Ort der Tat zeigen wollte.
Ausgerechnet durch die Wand! Neben uns schliefen bestimmt Leute. Ich rannte raus, aber hörte schon auf dem Gang Schreie aus dem nächsten Zimmer. Ich öffnete ruckartig die Tür, fand aber nur erschreckte Gäste, keinen Geist. Sie musste schon weiter sein. Ich lief also die Treppe nach unten und aus dem Gasthaus hinaus. Latu saß unten an einem der Tische, immer noch mit einem entsetzten Gesichtsausdruck auf dem Gesicht, folgte mir aber trotzdem nach draußen. Um mir
weiter Vorwürfe zu machen.
Auf der Straße war nichts vom Mädchen zu sehen. Ich lief blind, grob in die Richtung in die sie vorher gezeigt hatte und fand sie schließlich über dem Fluss schwebend vor einer kleinen Brücke wieder. Latu zog sich zurück zum Gasthaus, er hatte wohl für eine Nacht genug Geister gesehen.
Das Mädchen schwebte noch eine Weile und löste sich dann auf. Ich begann die Umgebung abzusuchen um den Ort zu finden, an dem sie ermordet worden war. Es dauerte eine Weile, aber ich fand ihn. Nur entdeckte ich nichts Interessantes mehr, immerhin war der Mord vor vier Tagen geschehen und nicht erst gestern. Ich wollte mich gerade umwenden, als ich wieder ein Bild der Vergangenheit sah. Eine große Gestalt und ein Gegenstand, aber genauer konnte ich es nicht erkennen. Ich versuchte eine magische Spur in der Gasse zu finden und sah tatsächlich einen
leuchtend roten Faden, der am Ende um die Ecke bog. Ich verfolgte den Faden, fand mich aber bald vor einem großen Scheunentor wieder, das verriegelt war und einbrechen wollte ich auch nicht. Ich würde morgen wiederkommen.
Kurz bevor ich das Gasthaus erreichte fingen mich Greifwin und Leowulf ab, um etwas von Praioten und Bannstrahlern zu faseln, die ins Gasthaus verschwunden waren… vermutlich dank dieses überaus zielstrebigen Geistes. Großartig. Und jetzt? Leowulf bot an uns erstmal im Rondratempel zu verstecken und später zurück zum Gasthaus zu kehren.
Der Rondratempel war recht hübsch anzusehen in dieser Nacht, aber ich wäre lieber in mein Bett zurückgekehrt, als mitten in der Kälte im kleinen Garten des Tempels auszuharren bis Greifwin meldete, dass die Bannstrahler abgezogen waren.
Wir warteten etwa eine halbe Stunde und bekamen dann die Nachricht, dass wir zurückkehren konnten, welches wir auch taten und ich endlich in mein warmes Bett steigen konnte, den Gedanken an morgen aus meinem Gedächtnis streichend.
Mitten in der Nacht wurde ich durch ein fremdartiges Gefühl auf meinem Gesicht wach, als würde etwas sehr kaltes auf mir liegen. Ich drehte mich halb und betastete meinen Kopf, nur um festzustellen, das da tatsachlich etwas auf meinem Gesicht lag. Schnee oder so was. Ich starrte zum Fenster. Es war offen, kalter Wind wehte ins Zimmer und ließ mich frösteln. Ich rief laut nach Latu, der aber auch nur verschlafen eine Antwort brummelte. Von draußen war ein leises Rufen zu hören und als sich Latu nach einem weiteren Rufen meinerseits und dem Hinweis, dass ich hier Schnee im Bett hatte, erhob und zum Fenster ging, stellte sich heraus, dass da draußen Greifwin im Schnee stand.
Ich begann mich kurz zu fragen ob er wohl aus dem Fenster gefallen war, aber er sagte er hätte draußen etwas Seltsames gesehen und deshalb wäre er hinaus geklettert. Kam aber nicht mehr herein und hatte deshalb mit Schneebällen geworfen.
Mir war das alles zu spät in dieser Nacht, als dass ich mir noch groß Gedanken darum machte, aber Latu verschwand nach unten und nach einiger Zeit auch Leowulf. Das ganze Zimmer war feucht kalt und mein Bett über und über mit kleinen Haufen Schnee bedeckt. Die anderen Betten allerdings nicht weniger, so dass ich versuchte mich möglichst klein zusammen zu rollen und wieder einzuschlafen, nachdem ich zunächst das Fenster geschlossen hatte.

19 Hesinde
Morgens war ich halbwegs steif durch die ungnädige Position in der ich hatte schlafen müssen und meine Laune war dementsprechend schlecht. Ich stapfte hinunter zum Schankraum und setzte mich an den Tisch, an dem schon die anderen drei saßen. Mürrisch grüßte ich sie und begann zu frühstücken. Abwechselnd berichteten Latu und Greifwin, dass sie trotz allem nichts in der Nacht entdeckt hatten, aber Greifwin einen merkwürdigen Traum mit sieben Schwertern und einer Figur mit sechs Armen gehabt hatte. Sechs Arme… mir fiel spontan Blakarazh ein, aber Leowulf meinte, dass es auch eine Rondrastatue mit sechs Armen gibt, und mit den sieben Schwertern vielleicht Siebenstreich gemeint ist. Soll mir einerlei sein.
Greifwin hatte mir direkt beim Eintritt in die Stube mitgeteilt, dass mich die Praioten gerne sehen würden und da ich nicht wusste was mich im Praiostempel erwartete, aß ich ein wenig mehr als sonst, auf Vorrat sozusagen und lauschte still der Stimme in meinem Kopf, die mir dasselbe riet. Ob es nun simple Voraussicht und logisches Denken war, oder vielleicht doch ein kleiner Blick in die Zukunft? Schwer abzuschätzen, aber nützlich in jedem Fall.
Greifwin warf mir vor, dass ich zuviel essen wurde. Also wirklich. Jetzt darf ich nicht mal so viel essen wie ich Lust habe? Will er mir demnächst auch noch vorschreiben, wann ich schlafen soll? Ach, hat er ja schon. Immerhin war er Schuld an meiner unruhigen Nacht in nassem Bette.
Ich hatte eh noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen! Aber später. Erst wollte ich den Tempel hinter mich bringen.
Um vom Thema Essen abzulenken, fragte ich ob niemand interessiert sei an den Informationen, die der Geist preisgegeben hatte. Sie waren halbwegs gespannt, aber das Gespräch drohte schon wieder in eine ‚Gegen-Geister-Beschwören‘ Thematik abzugleiten. Ich erwähnte beiläufig die Scheune, die ich letzte Nacht gefunden hatte und besonders Greifwin schien reges Interesse an diesem Gebäude zu haben, wies aber darauf hin, dass er zunächst in den Tempel musste um dort zu Ende zu lesen. Ja… hmm… lesen… vorlesen wohl eher. Er hatte wohl gestern Nacht einen Praiosgeweihten getroffen, der recht freundlich zugesagt hatte ihm bei den Nachforschungen zu helfen. Latu wollte ihn gerne begleiten. Vielleicht weil er sich auch keinen freundlichen Praiosgeweihten vorstellen konnte. Oder vielleicht Angst hatte, dass die Informationen nur sehr gefiltert an unser Ohr gelangen konnten? Leowulf wollte sich die Scheune, besser den Besitzer der Scheune mal genauer ansehen und ihn um Erlaubnis fragen, ob wir uns später genauer darin umsehen konnten.
Ich erhob mich vom warmen Platz neben dem brennenden Kamin und ging mit einem
Abschiedswort auf den Lippen hinaus in die kalte Straße und in Richtung des großen Praiostempel. Vor dem Tempel standen zwei imponierende Praioten oder Novizen – ich kann die nicht recht auseinander halten – Wache und fragten mit unverholt abweisendem Blick nach meinem Begehr im Tempel. Ich erwähnte, dass man mich wohl gerne sprechen wollte und einer der beiden verschwand, während der andere noch grimmiger drein blickte, als eigentlich möglich gewesen sein sollte und ich mich schon fragte, ob das eine besondere Gabe der Praioten sein
konnte.
Nach wenigen zehnteln Stunde kehrte der Wachhabende zurück, allerdings nicht alleine, sondern in Begleitung des Hochgeweihten und vier Bannstrahlern. Der Mann muss mich ja für echt gefährlich halten. Bevor ich mich richtig an diese… nun… veränderte Situation gewöhnen konnte, packten mich zwei der Bannstrahler und zerrten mich, ohne auf meinen Einwurf, dass ich selber laufen könnten, zu achten, in den Tempel hinein und in einen fast leer stehenden Raum. Fast, weil zumindest ein Platz für den Hochgeweihten vorhanden war, wenn auch nicht viel
mehr.
Unzweideutig eine Zelle. In mir zog sich alles zusammen und ich fühlte mich mit jedem verstrichen Moment unwohler in dieser magie-feindlichen Umgebung.
Wie Praioten so sind, kam er gleich aufs Thema, denn meinen Namen kannte er ja schon. Warum ich einen Geist beschworen hatte, und dass das lästerliche Praktiken wären, die er in dieser – seiner – Stadt nicht dulden wurde. Ich wies ihn ebenfalls darauf hin, dass es mitnichten dämonisch sei, wie er es mir unterstellte, sondern viel mehr eine Sichtbarmachung von eh schon vorhandenem, weil er hier in der Stadt ja nicht für Ordnung sorgen könne. Das hätte ich vielleicht bleiben lassen sollen… offensichtlich hatte ich seine Ehre getroffen, denn er redete tatsächlich ohne Pause mindestens zwei endlos erscheinende Stunden auf mich ein. Ich gebe zu, nach etwa einem zehntel Stunde hab ich nicht mehr hingehört was er gesagt hat, sondern nur ausdruckslos auf die mit einer gelben Borte versehene Wand hinter dem Hochgeweihten gestarrt, weshalb ich jetzt auch nicht wiedergeben kann, was er eigentlich von mir wollte. Erst das Geräusch der sich schließenden Tür brachte mich wieder ins Zimmer zurück.
Ich hatte die ganze Zeit auf die bissigen Kommentare in meinem Kopf gehofft, aber sie blieben aus und ich fürchtete schon, dass der Tempel irgendwelche negativen Auswirkungen auf mich und das Auge haben konnte.
Leider blieb ich mitnichten alleine im Raum. Einer der Bannstrahler hatte sich einen Stuhl mitgenommen und gegenüber von mir aufgestellt und starrte mich an. Er sagte rein gar nichts, und sollte wohl aufpassen, dass ich nicht plötzlich ein Dämon wurde, oder ähnliches. Also echt… deren Realitätssinn scheint absolut abhanden gekommen zu sein.
Nach einer kurzen Weile betrat jemand anderes den Raum und stellte mir Fragen über meine Vergangenheit. Ich beantwortete sie so wahr, aber so detailarm wie möglich. Dann verließ er den Raum wieder, mit einem seltsamen Grinsen im Gesicht, dass ich aus den Augenwinkeln noch sehen konnte. Wenige Augenblicke später betrat er wieder den Raum und fragte mich nochmals dieselben Fragen wie zuvor.
Ich hatte keine Lust mehr, aber wenigsten meldete sich mein Auge wieder, wenn auch leicht ungünstig, da es dem Praioten vor mir Stümperei vorwarf – mit meiner Stimme. Zuerst sah er mich entsetzt an, dann versetzte er mir eine Ohrfeige, die ich aber ob der Verwunderung, dass das Auge soweit Kontrolle über mich erlangen konnte, erst Augenblicke später registrierte und darauf hin den Praioten verärgert ansah, aber meinen Mund hielt.
Mein Tuch, welches das Auge verdeckte war leicht verrutscht und ich versuchte es noch mit einer lockeren Handbewegung wieder hochzuschieben, aber der Praiot hatte etwas bemerkt und erhob sich von seinem Stuhl. Er stellte sich vor mich hin, nickt dem anderen im Raum zu, wohl um zu signalisieren, dass er mich sicherlich töten dürfe, wenn ich auch nur irgendeine Geste machen würde, und schob mir das Tuch vom Kopf. Und trat entsetzt einen Schritt zurück. Um dann im nächsten Schritt aus der Tür zu verschwinden und dann mit dem Hochgeweihten einige Atemzüge später wieder herein zu kommen. Der auch keinen glücklichen Gesichtsausdruck zur Schau stellte als er meines Auges angesichtig wurde.
Und nun begann eine noch viel, viel schlimmere Tortur, als es je ein Magier zustande gebracht hätte, der das Auge untersuchen wollte. Sie drückten darauf herum und klopften mit einem harten Gegenstand dagegen, führten seltsame gemurmelte Reden vor mir aus und starrten mich auch einfach eine Ewigkeit nur an. Ich glaubte langsam durchdrehen zu müssen, wenn ich noch länger in diesem gelbgeränderten Raum sitzen musste, aber sie fragten weiter und weiter und
ließen mich nicht in Ruhe.
Wenn ich ihnen nicht schnell genug antwortete, oder wenn sie einfach Lust verspürten, schlugen sie mich ins Gesicht bis ich hinterher an einigen Stellen schon fast nichts mehr verspürte. Mir fehlten umso mehr die Kommentare in meinem Inneren, und ich beschränkte mich darauf noch kürzere Sätze von mir zugeben, als ich es ohnehin schon die ganze Zeit tat.

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