Das Leben eines Gezeichneten – Teil 12

Unter dem Adlerbanner Teil 5

14 Rondra
Gegen Mittag erreichten wir eine Brücke über einen Abgrund vor dem auf der anderen Seite jede Menge Flüchtlinge standen. Beim Heranreiten wurde uns auch klar warum. Mitten auf der Brücke stand eine riesige Gargyle und hielt die Menschen von der Überquerung ab. Die Elfe schoss einige Pfeile ab die wirkungslos vom Körper abprallten und zu Boden fielen. Ohne groß darüber nach zu denken entzündete ich die Beine der Kreatur mit niederhöllischem Feuer so dass
sie in den Abgrund, den die Brücke überspannt, hinein fiel.
Dummerweise hatte ich mich leicht überschätzt und musste wieder einmal einen Teil meiner Lebenskraft mit in den Spruch legen. Diese Unberechenbarkeit der Zauber ist wirklich keine schöne Sache. Eines Tage wird ein Unglück passieren.
Die Menschen auf der anderen Seite kamen jubelnd zu uns hinüber. Daran könnte ich mich glatt gewöhnen, aber wir hatten keine Zeit und saßen wieder auf, um einen großen Teil der Nacht durchzureiten, in der Hoffnung den Abstand zu verringern.

15 Rondra
Der Tag verlief recht ereignislos, wenn man von den gehäuften Fällen von Toten durch die Seuche absieht. Hoffentlich stecke ich mich nicht an.

16 Rondra
Gegen Mittag fanden wir drei Leichen am Straßenrand. Kein Opfer der Seuche, sondern eines Kampfes, denn sie waren mit ihren eigenen Dolchen ermordet worden. Vermutlich jene die ebenfalls auf den Weg geschickt worden waren das Siegel zu suchen. Wir konnten leider nicht feststellen ob an diesem Abzweig unsere Flüchtigen die Straße verlassen hatten, und so zogen wir auf der Straße weiter in Richtung Neetha.
Im Verlauf des weiteren Tages erreichten wir Neetha, vor dessen Toren ein Heer lagerte und wechselten unsere Pferde. Auf Nachfragen hin erfuhren wir, dass unser Zielobjekt nicht hier durch gekommen war.

17 Rondra
Wir hatten endlich wieder die Straße erreicht auf der die Flüchtigen reisen mussten, denn wir fanden weiter Leichen kurz hinter Wanka. Dieses Mal Söldner, die einen Brief bei sich trugen, der ihnen 750 Dukaten versprach, wenn sie den Kopf vom Siegelräuber brachten.

18 Rondra
Unser Weg führte uns weiter über unwegsamere Straßen und durch ein kleineres von der Pest gezeichnetes Dorf, in dem uns von den Flüchtigen berichtet wurde. Zwei bis drei Duzend sollten es gewesen sein. Verdammt viele dafür, dass sie mit dreien gestartet waren. Und eine wunderschöne Magierin soll ebenfalls dabei sein. Immerhin hatten wir nun schon mal das Geschlecht.
Am Abend mussten wir im Wald übernachten. Ich konnte schlecht einschlafen, denn irgendwie hörte ich Geräusche um mich herum. Ich schlug die Augen auf und sah eine große Gestalt am Himmel. Drachenähnlich vielleicht? Vielleicht auch ein Karakil. Mit einer Figur obenauf. Sehr merkwürdig. Ich erwähnte es am morgen nicht weiter. Es hätte die anderen nur verängstigt.

19 Rondra
Wir erreichten das kleine Dorf Gravina und brachen, nach Hinweisen der Bewohner, in Richtung Osten auf, in Richtung der Berg und der Wüste dahinter. Wieder Wildnis. Selbst in diesem ach so zivilisierten Land gab es also recht unbeugsame Wälder, die durch die Hitze der letzten Wochen ausgedorrt waren.

20 Rondra
Wälder, nichts als Wälder. Aber wenigstens hinterlässt eine solche Schar Pferde und Menschen eine deutliche Spur, so dass wir sie kaum verfehlen konnten.

21 Rondra
Die Praiosstunde war gerade vorüber als wir an das Ufer eines großen Sees traten auf dessen anderer Seite sich eine alte Karavanserei befand, in der die Flüchtigen Unterschlupf genommen hatten. Am Ufer und auf dem Gelände waren neben den abtrünnigen Soldaten auch Söldner, Novadis und Echsenmenschen zu sehen. Schon wieder Echsen. Ich weiß echt nicht warum immer ich auf Echsen – lebende wohl gemerkt, Tote bringen einen für gewöhnlich nicht um – treffen muss.
Wir beschlossen, was so viele heißt wie ‚ich sagte‘, dass wir bis zum Abend das Lager beobachten sollten um dann gezielter Zuschlagen zu können. Den Don sahen wir ebenfalls kurz als er eine neue Gespielin mit sich ins Gebäude nahm. Die Magierin jedoch zeigte sich nirgendwo.
Gerade als es dunkel genug war um im Schatten laufen zu können, bewegten wir uns in weitem Bogen auf die Rückseite des Gebäudes zu, nur um kurz vor der offiziellen Straße feststellen zu müssen, dass die Echsenmenschen Wachhunde – in Form von Alligatoren – mitgebracht hatten. Ich wirkte einen Reversalis ailitper und verscheuchte sie auf eine große Entfernung. So stellten zumindest die Echsen keine weiteren Probleme dar.
Am Gebäude selbst konnten wir durch die großen Löcher ins Innere blicken und wählten den Einstig durch einen der Schlafräume. Ich stellte mich leicht ungeschickt an beim Durchqueren, aber Adaque konnte uns vor einer Katastrophe bewahren.
Es dauerte nicht lange bis wir den Raum des Don gefunden hatten – neben dem ersten Schlafraum gab es noch einen weiteren – und noch weniger bis wir ihn mittels eines Stillezaubers auf einem Pfeil überwunden und gefesselt hatten. Leider war das Siegel nirgendwo im Raum zu finden. Wir fragten ihn wo er sein Siegel versteckt hatte und er deutete nach unten. Ein Keller also, dessen Eingang allerdings jenseits des Innenhofes in dem einige Söldner Karten und Würfel spielten, lag.
Ich schickte die Elfe los, unsichtbar über den Hof zu schleichen und das Siegel aus dem Keller zu bergen, und Adaque und ich befassten uns ein wenig mit dem Don. Immerhin hatte er uns fast umbringen lassen, und Geld wäre auch für einen toten Don geboten worden.
Die Elfe kehrte auch nach einer Weile nicht zurück, so dass ich mir langsam Gedanken machte, was dort unten wohl passiert sein könnte, zumal ab und an seltsame Geräusche aus dem Keller an unsere Ohren drangen. Ohne mich groß um Entdeckung zu kümmern, wirkte ich einen Pandämonium auf die Soldaten im Innenhof und ging zur Kellertreppe.
Auf halbem Wege erkannte ich, was die Elfe vermutlich aufgehalten hatte, ein Heshtot. Zweimal versuchte ich die Kontrolle über den Dämon zu erlangen, zweimal misslang es. Und die Aufmerksamkeit richtete sich auf mich. Also hatte ich schon wieder, innerhalb kurzer Zeit, gegen einen Dämon zu kämpfen. Ich muss besser werden in diesen Dingen. Wenn ich sie beherrschen kann, muss ich nicht um mein Leben fürchten, sondern jemand anderes!
Es erwischte mich zweimal mit seiner langen Peitsche und entzog mir Stärke, so dass ich kaum noch meine Waffe halten konnte, aber ich gewann trotzdem. Die Elfe war in einem hinteren Raum gewesen und hatte mit einem Krokodil auf zwei Beinen gekämpft. Noch eine Chimäre, wunderbar.
Laut ihrer Aussage gab es noch zwei weitere Räume, die sie nicht erkunden hatte können. Aus dem ersten drang ein leicht grünlicher Schimmer. Ich wollte die Elfe zurück zu Adaque schicken um den Raum alleine untersuchen zu können, aber sie bestand darauf bei mir zu bleiben. Der Raum war voll von interessanten alchemischen Utensilien – und hatte einen weiteren Durchgang auf der anderen Seite. Aus dem die Magierin, die für meine Misserfolge bei den Dämonen
verantwortlich war, auftauchte. Sie wirkte einen Tlalucs Odem und, erschöpft vom Kampf gegen den Heshtot, schwanden mir die Sinne.
Die Elfe weckte mich eine unbestimmte Zeit später. Sie hatte das Siegel im Raum hinter dem Durchgang gefunden. Ich erhob mich langsam und sah mir den Raum selber an. Eine gut gemachte Ansammlung an Schutz- und Beschwörungskreisen fand sich auf dem Boden. Die Magierin war jedoch, laut der Elfe mit einem Artefakt entschwunden. Dabei hätte ich ihr allzu gerne die Meinung gesagt. Jetzt wo ich wusste wer sie war.
Wir untersuchten den Raum etwas gründlicher um auf einige Bücher und eine verschlossene Kiste zu stoßen, die wir nicht öffnen konnten. Ich ging also wieder hinauf um Adaque zu holen, aber sie traute sich trotz meines flehenden Blickes nicht über den Platz an dessen Südrand die Leichen der Söldner lagen. Das Pandämonium hatte alle getötet. Ich hatte alle getötet. Aber keine Zeit um darüber nachzudenken. Ich lockte Adaque mit ihrer ihr innewohnenden Neugierde
hinter verschlossenen Türen nachsehen zu wollen hinunter. Und endlich erklärte sie sich bereit den Innenhof zu queren.
In der Truhe, die sich letztlich sehr einfach öffnen ließ, fanden wir die beste Sammlung an Paraphernalien die ich je gesehen habe. Adaque fragte ob sie wertvoll seinen, und ich antwortete mit ‚ja, aber nicht für dich‘. Wir nahmen alles was wir tragen konnten an uns – immerhin konnten wir dieses Mal auch Pferde belasten – und den Don und seinen Bruder, den Adaque zwischenzeitlich niedergeschlagen hatte, mit uns um zurück zu reisen und unsere Belohnung ein zu stecken. Die Söldner, vornehmlich Novadis, die draußen auf dem Gelände gewesen waren, verfolgten uns ihrerseits, aber kurz bevor sie uns erwischen konnten, kam
uns unser Auftraggeber mit einer Gruppe Soldaten entgegen und vertrieb die Ungläubigen.
Wir überreichten das Siegel und erhielten als Dank die Möglichkeit ein Ehrenmitglied des Adlerbanners zu werden, welches ich natürlich annahm. Man kann ja nie wissen.

22 Rondra – später
Ich zog mich zurück nach Vinsalt und mietete mir von dem erhaltenen Kopfgeld ein Zimmer. Jetzt hatte ich einige Zeit nachzudenken. Über die Toten die ich verursacht hatte und die Zusammenhänge, die es geben konnte oder auch nicht. Mehr als zwölf Menschen hatte ich innerhalb einer sehr kurzen Zeit umgebracht und empfand noch immer keine Reue für meine Tat. Es schien mir noch immer so als hätten sie es verdient. Schließlich hat niemand sie gezwungen an der Reise teilzunehmen. Und sie hätten uns ebenso ermordet. Aber es waren alles reine Spekulationen und ich konnte weder mir selbst noch Adaque begründen warum ich es getan hatte. Adaque berichtete ich nicht von meinen Zweifeln, sie schien noch immer unruhig in meiner Nähe, vielleicht weil ich wieder dazu übergegangen war in dem Buch zu studieren, nun auch noch angestachelt durch die Magierin, die so ohne Problem gegen mich angetreten war. War es Zufall, dass ich das Buch, wenn auch technisch ein anderes, innerhalb so kurzer Zeit wieder gefunden hatte? Irgendwie glaubte ich nicht daran. Und war letztlich vielleicht die Magierin eigentlich für die ganze Situation verantwortlich? Wenn ich davon ausginge, dass dieser Plan weit mehr war, dann musste ich das annehmen. Aber ich hatte keine weiteren Anhaltspunkte. Nach einigen Wochen hielt es Adaque nicht mehr aus innerhalb der Stadtmauern. Vielleicht hatte sie auch etwas angestellt, bei ihr konnte ich das schlecht sagen, und ich kümmerte mich auch mehr um meine Studien, denn um sie. Vielleicht fühlte sie sich auch etwas verloren. Jedenfalls machte sie sich auf wieder zurück zu unserem Turm zu ziehen, um dort die Arbeiter wieder an einen geregelten Tagesablauf zu gewöhnen. Die Elfe hatte uns schon kurz vor Vinsalt
verlassen, als sie hörte, dass wir länger in der Stadt bleiben wollten. Ich blieb in der Hoffnung, dass vielleicht die Magierin wieder auftauchen könnte.

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