Beyond the Wall

Eine Rezension zu einem altmodischen Rollenspiel von Infernal Teddy

Für meinen Geschmack ist die „Old School-Bewegung“ in der deutschen Rollenspielszene nicht stark genug ausgeprägt. Vielleicht liegt das am deutschen Sonderweg, an DSA und der Metaplothörigkeit deren Spielerschaft, vielleicht auch daran das die ganz alten Spiele, an die sich die OSR orientiert, in Deutschland eigentlich erst mit eben jener OSR bekannt wurden. Jedenfalls gibt es in Deutschland nur eine Handvoll von Produkten, welche diese Spielart des Rollenspiels bedienen. Da wäre zum einen Labyrinth Lord… Verzeihung, ich meine natürlich Herr der Labyrinthe, welches seid kurzem wieder als PDF kostenlos zu haben ist. Außerdem gibt es, wenn man es so werten möchte, Dungeonslayers, aber das versucht eher die Stimmung solcher Spiele einzufangen statt ein altes Spiel nachzubauen. Und dann gibt es noch seid kurzem Beyond the Wall. Übersetzt und veröffentlicht wurde dieses Spiel vom neugegründeten System Matters-Verlag, welcher aus dem System Matters-Podcast und dem Cthulhu-Fanzine Der Ruf hervorgegangen ist. Schauen wir uns an, wie sich der Erstling des neuen Verlags so macht, und was diesen Vertreter des Old Schools so besonders macht.

Im Gegensatz zum englischsprachigen Original kommt die deutsche Ausgabe von Beyond the Wall nicht etwa als Buch daher, sondern als prall gefüllte Mappe mit einer wunderschönen Innenillustration einer Waldszene in Sepia. Die Mappe selbst ist aus dünner aber relativ stabiler Pappe, und enthält zwei dicke Hefte in A4, elf dünne A4 Hefte, drei Charakterbögen, und ein Heft in A5. Die Hefte sind alle „monochrom“, mit schwarzer Schrift auf blankem weißem Hintergrund, einem stabilem Hochglanzpapier, aber alle graphischen Elemente sind, wie auch Tabellen und Textkästen, in Grün gehalten. Einzige Ausnahme hiervon ist das kleine Heft, welches statt Grün ein bräunliches Rot einsetzt. Die Stimmung, welche durch das Artwork portiert wird, liegt irgendwo zwischen Märchen, Fairy Tales, und… ich nenne es mal Arthurian Fantasy. Der erste Eindruck ist also ein deutlich positiver. Wenden wir uns dem ersten Heft des Spiels zu, dem Regelwerk.

Regelwerk
Das Regelwerk ist inklusive Charakterbogen, Vordruck für die Dorfkarte und OGL 42 Seiten lang, und eröffnet mit dem Kapitel „Wie man spielt“. Hier wird kurz und knackig erklärt, was das Spiel erreichen möchte, es werden wichtige Begriffe erklärt, und auch sehr knapp beschrieben wie man direkt losspielen kann. Außerdem wird hier auch ein wichtiges Element des Spiels erklärt, die Dorfkarte. Die Spieler sollen nämlich an bestimmten Stellen der Charaktererschaffung nämlich Orte und NSCs auf der Karte des Dorfes platzieren, so das der Ort nach und nach organisch wächst und sich mit den Charakteren weiterentwickelt. Außerdem werden hier auch noch die Charakterbücher beschrieben, auf die wir später im Detail eingehen werden. Nach dieser Einführung geht es an das eigentliche Regelwerk. Beyond the Wall ist wie die meisten Spiele aus der OSR ein „Nachbau“ der Mechanismen, was sich auch in den Regeln wiederspiegelt. So haben wir hier die sechs klassischen Attribute die man aus D&D kennt, wobei die Modifikatoren in etwa denen entsprechen, die man auch der 3.x-Phase kennt. Ebenso sind die drei klassischen Gesinnungen hier zu finden (Rechtschaffen, Chaotisch und Neutral), Trefferpunkte und Rüstungsklasse (Diese allerdings aufaddierend wie in späteren Versionen). Hier finden wir auch statt den aus der d20-Phase bekannten drei Rettungswürfe deren fünf: Gift, Odem, Verwandlung, Zauber und Magischer Gegenstand, welche fast den klassischen Rettungswürfen entsprechen. Eine eher moderne Regel sind die Schicksalspunkte, mit denen ein Charakter Proben wiederholen kann, anderen helfen, oder gar dem Tod noch einmal entkommen kann. Was der geneigte Leser ebenfalls im Regelwerk findet ist die alternativen Charaktererschaffung. Man kann als Spieler statt mit den Charakterbüchern auch ganz klassisch seinen Charakter bauen, in dem man die Attribute auswürfelt und eine von drei Klassen – dem Kämpfer, dem Schurken oder dem Magier – wählt, und sich zwei Fertigkeiten aussucht (Fertigkeiten geben auf bestimmte Proben einen Bonus von +2). Es gibt noch eine sehr kleine Auswahl an Ausrüstung, dau noch Gefolgsleute und Verbündete, und dann folgen auch schon die Regeln zu den typischen Proben und zum Kampf, wobei diese auch alle recht einfach sind, und den meisten recht vertraut vorkommen dürften. Ebenso knapp werden auch die Regeln für Magie besprochen, welche auch im großen und ganzen dem D&D-Standard entsprechen, wobei die Magie bei Beyond the Wall deutlich schwächer ist als man es von anderen Spielen dieser Art her kennt. Wer aber nicht ohne seine Elfen und Zwerge spielen kann, findet im Anhang noch Regeln, wie man diese Völker darstellen kann, und auch wie man aus den drei Klassen in Beyond the Wall Mischklassen erstellen kann, welche Elemente aus den bekannten Klassen kombinieren. Damit wären wir am Ende des Regelwerks, aber in der Mappe war ja noch mehr enthalten. gehen wir also über zum…

Spielleiterhandbuch
Mit 46 Seiten ist das Spielleiterhandbuch nur wenig umfangreicher als das Regelwerk. Es beginnt hier mit einem Kapitel über das Spielleiten, wobei dieses nach Empfinden des Rezensenten eher minimalistisch ist, mit wenig Hilfestellungen für einen potenziellen neuen Spielleiter. Nun mag man argumentieren das Beyond the Wall als Vertreter der OSR eher unwahrscheinlich als erstes Rollenspiel ins Leben eines Neulings treten wird, aber in Anbetracht dessen, das sich dieses Spiel dafür nun besonders eignet, ist das in den Augen des Rezensenten eher eine Schwachstelle. Neben den allgemeinen Tipps wird hier aber auch auf das Dorf eingegangen, welches von der Gruppe gemeinschaftlich gestaltet wird, und wie sich dieses mit den Charakteren und ihren Abenteuern weiterentwickelt. Anschließend bekommen wir eine kleine Auswahl an magischen Gegenständen, welche von den Charakteren gefunden werden können. Hierbei handelt es sich eher um Beispiele und Vorschläge, an Hand dessen der Spielleiter eigene Fundstücke entwerfen kann. Den größten Teil des Spielleiterhandbuchs macht dann mit 25 Seiten das Bestiarium aus, eine große Auswahl an Monstern, Tieren und anderen Wesenheiten, die den Charakteren begegnen können. Die Mehrheit hiervon scheinen von mittelalterlichen Geschichten und Bestiarien, oder von keltischen Sagen inspiriert zu sein. Abschließend bekommen wir noch drei Kreaturenbaukästen: Goblins (Welche hier präsentiert werden als Kreaturen aus den Feenreichen), Drachen und Dämonen. Alles in allem haben wir hier jede Menge Monster um die Charaktere bei Laune zu halten.

Buch der Zauber
Das letzte, kleine Heft, das Buch der Zauber, enthält alle Zaubersprüche, welche Charaktere und Antagonisten in Beyond the Wall einsetzen können. Alle Zauber lassen sich in drei Kategorien einteilen: Zaubertricks, Zaubersprüche und Rituale. Zaubertricks sind kleine Zauber, einfach Tricks, die ein Zauberer in seiner Ausbildung erlernt. Er kann auf erster Stufe zwei Tricks erlernen, und kann nur in Absprache mit dem Spielleiter neue Tricks entdecken. Ein Zauberer kann seine Tricks jederzeit wirken, wenn ihm eine Intelligenz- oder Weisheitsprobe gelingt, abhängig vom jeweiligen Trick. Sollte die Probe nicht gelingen hat er zwei Optionen: entweder entscheidet er sich dafür das seine Magie für den Tag verbraucht ist, oder er verliert die Kontrolle über seine Magie. Zaubersprüche sind wie die Magie, die wir aus anderen Klonen kennen, wobei diese Zauber nicht nach Stufen unterteilt sind. Der Zaubernde bekommt auf der ersten Stufe zwei Zaubersprüche, und kann neue Zauber erlernen in dem er sie aus Zaubersprüchen erlernt – er kann allerdings pro Tag höchstens so viele Zaubersprüche wirken, wie er Stufen hat. Rituale dagegen sind sehr mächtige Zauber, für die der Zaubernde viel Zeit aufbringen muss. Rituale sind in Stufen aufgeteilt, vom einfachen Binden eines Tiervertrauten auf erster Stufe bis hin zum Wiedererwecken der Toten auf Stufe Zehn.

Der Rest
Legt man die Charakterbögen und die Dorfkarte, welche ja, wie schon besprochen, von der Gruppe gemeinschaftlich gestaltet wird, beiseite, so bleiben die sechs Charakterbücher und die vier Abenteuer über. Bei den Charakterbüchern handelt es sich jeweils um einen Bogen, welcher gefaltet wurde und auf dem diverse Tabellen abgedruckt sind, mit denen man seinen Charakter erstellt, zusammen mit Hintergrund und einer Auswahl an Fertigkeiten. Die ersten drei Seiten präsentieren dabei einige Tabellen, mit deren Hilfe der Spieler erfährt was seinem Charakter passiert ist, wen er dabei kennengelernt hat, und welche Orte im Dorf vorhanden sind. Dazu gibt es eine kurze Zusammenfassung der Charaktererschaffung, und auf der letzten Seite des Bogens eine kurze Regelreferenz für das Spiel. Die hier präsentierten Charakterbücher bieten folgende Archetypen an: den unerprobten Dieb, den Möchtegern-Ritter, den Dorfhelden, den jungen Waldläufer, den Hexenschüler und den Magiedilettant. Den Abschluss des Rundum-Sorglos-Pakets Beyond the Wall bilden die vier Abenteuer, von denen eines, Feenhandel, sogar extra für die deutsche Ausgabe geschrieben wurde. Jedes Abenteuer ist ein acht Seiten langes Heft, welches eine Grundhandlung vorgibt, welche der Spielleiter mit Hilfe der Details aus der Charaktererschaffung und der dazugehörigen Zufallstabellen ausgestaltet, während die Spieler ihre Charaktere erstellen. Als Beispiel Die Troll-Saga – ein Troll hat einen Damm gebaut, und droht, das Dorf zu überfluten. Der Spielleiter erwürfelt, woher die Charaktere vom Troll erfahren (Wahrscheinlich ein Charakter aus dem Hintergrund einer der Charaktere), was die Schwachstelle des Trolls ist, und was auf dem Weg zum Damm passiert. Ebenso ermittelt der Spielleiter wie der Troll agiert, wie die Schwachstelle des Trolls sich auswirkt, und auf welche Weise der Troll versucht sein Leben zu retten. Und für den Fall das die Spieler nach diesem Abenteuer weiterspielen wollen gibt es noch eine Tabelle dafür, was im Anschluss passiert. Dazu noch ein paar Monsterwerte für zu erwartende Begegnungen, und schon ist das Abenteuer fertig. Wer noch Namen für Charaktere oder Dorf braucht hat bei jedem Abenteuer dafür Tabellen – der Rezensent möchte an dieser Stelle festhalten das er als ehemaliger Bewohner von Pembroke sehr angetan war, diesen Namen in zwei der Tabellen zu finden.

Fazit:
Ich will es nicht leugnen, ich mag Beyond the Wall. Ich mag es sogar sehr. Dafür gibt es eine Reihe guter Gründe. Zum einen ist Beyond the Wall einfach ein sehr schöner Retroclone, welches das bekannte D&D-Gerüst auf einfache und schöne Art und Weise an sein Thema anpasst. Zum anderen ist dieses Spiel ein sehr gut gelungenes Einsteigerspiel – die Charaktererschaffung ist in wenigen Minuten abgeschlossen, man bekommt dabei auch direkt ein Gefühl für die Welt in der man spielen will. Die Übersetzung ist großartig, die Aufbereitung und Präsentation des Spiels ist noch großartiger, und sowohl der Text als die Illustrationen übertragen eine Atmosphäre die sehr gut zu den angegebenen Inspirationsquellen passt – ich bin dazu geneigt, es „keltische Schwermut“ zu nennen. Wenn ihr euch dieses Jahr nur ein einziges Rollenspiel in deutscher Sprache zulegt, sollte es Beyond the Wall sein. Ich werde es jedenfalls auf die nächste Con mitnehmen die ich heimsuche, und bin schon sehr gespannt, was System Matters als nächstes auf den Markt bringen werden.

3 Kommentare zu Beyond the Wall

  1. Als nächstes kommen die erste Erweiterung von Beyond the Wall, Shadow of the demonlord und Dungeon World. Ich bin sehr gespannt, wie es weiter geht bei System Matters

  2. Schöne Spielvorstellung/Rezension.
    Und: Ich bin ganz deiner Meinung, dass BtW gerade in der Erklärung wie man das Spiel leitet deutliche Schwächen hat. Nachdem ich nun mit den Regelheften durch bin, ist meine Begeisterung etwas geschwunden.
    … und aus den Erläuterungen dazu (die eigentlich nur ein Kommentar hier sein sollten)ist ein Blogartikel entstanden: http://zauber–ferne.blogspot.com/2016/06/are-you-sure-hank-done-it-this-way.html

  3. Super Rezi, jetzt hol ich mir doch die deutsche Version (hab schon die englischen Pdf).
    @Athair: Naja, kommt drauf an wie man das Werk nutzt, als OSR Spieler bzw. erfahrener Rollenspieler brauch ich die tausendste Erklärung „wie es geht“ ja nicht. Insofern trübt das meinen Eindruck von BtW jetzt nicht.

    @Teddy: Dann wäre die Frage was du auf der Heidelcon leitest schon durch 😉

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